Lebensversicherer Kommt jetzt die "Bad Insurance Company"?

Rund einem Drittel der deutschen Lebensversicherer droht 2003 das Aus. Davor warnt Marco Metzler von der Ratingagentur Fitch. Notfallpläne der Branche seien nicht durchdacht. Soll der Staat für marode Assekuranzen aufkommen? Weitere Abstufungen schließt Metzler im Interview mit mm.de nicht aus.

mm.de:

Herr Metzler, Sie sagen den deutschen Lebensversicherern ein düsteres Jahr voraus. Nahezu ein Drittel der Unternehmen dürfte 2003 in erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Bitte begründen Sie ihre umstrittene These.

Metzler: Mittlerweile beziffert ja selbst der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft den Abschreibungsbedarf und stille Lasten der Branche allein für 2002 auf rund 20 Milliarden Euro. Auch auf diesem Niveau ist dies für einige Gesellschaften existenzbedrohend. Daher wurde kürzlich eine Initiative gestartet, durch weitere Änderungen der HGB-Vorschriften die bisherigen Freiheiten bei den Abschreibungen auf Aktien bei dauerhafter Wertminderung auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Die These halte ich daher nicht für umstritten, sondern sehe sie als bestätigt an.

mm.de: Können Sie die prekäre Lage weiter erläutern?

Metzler: Die Versicherer haben Verluste am Aktienmarkt in ihrem Anlageportfolio bislang nicht auf den aktuellen Wert abgeschrieben. Dies konnten sie, weil die Branche veränderte Rechnungslegungsvorschriften durchgesetzt hatte. Damit zeichnete sich eine Abkehr von einer sehr vorsichtigen Bilanzierungspraxis hin zu einem gelockerten System ab. Man wollte den Lebensversicherern Zeit geben, diese Verluste auszusitzen.

mm.de Das ist jetzt nicht mehr möglich?

Metzler: Aus unserer Sicht sind die wegen der anhaltenden Baisse zum Ende des Jahres 2002 als vorübergehende Wertminderung beurteilten Kapitalanlagebestände künftig als dauerhaft wertgemindert einzustufen. Spätestens in den Jahresabschlüssen 2003 wird es daher zu weiteren milliardenhohen Abschreibungen kommen und viele Lebensversicherer in ihrer Existenz bedrohen. Der Abschreibungsbedarf ist bei einzelnen Unternehmen mitunter sogar höher als das Eigenkapital.

mm.de: Welche Versicherer wird es treffen?

Metzler: Es wird vor allem jene treffen, die eine Politik verfolgt haben, Gewinne zeitnah auszuschütten und die sehr stark in Aktien investiert waren. Haben Versicherungsgesellschaften erst vor einigen Jahren ihre Aktienquote deutlich erhöht, kommt belastend hinzu, dass sie damit kaum über stille Reserven verfügen.

Marode Versicherer - soll der Staat zahlen?

mm.de: Halten Sie vor diesem Hintergrund die Ankündigung der Allianz, eine gleich bleibend hohe Dividende zu zahlen, für problematisch?

Metzler: Dies betrifft weniger die Allianz Leben als die Allianz-Gruppe. Diese Schütt-aus-hol-zurück-Politik der Allianz möchte ich nicht kommentieren.

mm.de: Die Auffanggesellschaft "Protektor" soll Ansprüche von Kunden notleidender Assekuranzen absichern. Kann "Protektor" - Ihr Szenario vorausgesetzt - das dann überhaupt leisten?

Metzler: Aus unserer Sicht ist diese Auffanglösung nicht richtig durchdacht. Die Versicherer sollen ein Prozent ihrer Kapitalanlagen im Notfall bereit stellen. Fraglich ist allerdings, ob die Gesellschaften diesen Nachschuss dann überhaupt leisten können oder bei Einzahlung nicht sogar in einer Art Domino-Effekt mit in den Strudel gezogen werden. Diese Nachschusspflicht steht im Gegensatz zu Bankensicherungsfonds, die hauptsächlich beitragsfinanziert sind. Das halten wir für problematisch.

Darüber hinaus denke ich, die Versicherungsbranche sollte in Anlehnung an die diskutierte "Bad Bank" auch über die Möglichkeit einer "Bad Insurance Company" für die Assekuranzwirtschaft nachdenken und damit Klarheit schaffen, ob nicht letztlich der Staat - und damit der Steuerzahler - für in Not geratene Versicherer aufkommen muss.

mm.de: Nicht nur die Lebensversicherer brauchen dringend Geld, um ihre angeschlagene Kapitalbasis zu verbessern. Münchener Rück und Allianz wollen den Kapitalmarkt über hybride Anleihen und Kapitalerhöhungen jeweils um mehrere Milliarden Euro in Anspruch nehmen. Gibt das der Markt derzeit überhaupt her?

Metzler: Allianz und Münchener Rück werden es wahrscheinlich schwer haben, den Markt zu überzeugen, derartige Volumina einzusammeln. Dies gilt insbesondere, wenn man sich überwiegend reines Eigenkapital besorgen will, wie etwa die Allianz. Einfacher ist der Weg sicherlich über eine Anleihe mit Eigenkapitalcharakter, hier ist der Zins vorgegeben. Die Allianz hat allerdings bestätigt, dass die Aktien-Emission von den Konsortialbanken bei einem Preis von 30 Euro gezeichnet wurde. Insofern ist die Kapitalerhöhung der Allianz gesichert.

Weitere Abstufungen drohen

mm.de: Ratingagenturen - auch Fitch - erhöhen den Druck auf die deutschen Versicherer. Erwägt Fitch weitere Downgrades?

Metzler: Generell haben wir den Ausblick für die Branche auf negativ gesetzt, weil im erheblichen Maße Abschreibungen auf Wertpapiere vorgenommen werden mussten. Die historisch gute Kapitalausstattung der Versicherer hat stark gelitten.

Die Allianz etwa verfügte über Jahre hinweg über ausreichend freies Kapital, dass ist jetzt quasi komplett abgeschmolzen. Der Konzern hat kaum noch Masse zum Manövrieren. Dies zeigt sich unter anderem auch daran, dass die Pimco-Option nicht ausgeübt werden konnte. Bei einem möglichen weiteren Zukauf von Anteilen der Vermögensverwaltungstochter hätte die Allianz noch etwa bis zu 1,5 Milliarden Euro cash bezahlen müssen. Dies war aber nicht möglich.

Letztlich ist das Pendel komplett in die andere Richtung umgeschlagen. Früher hat man den Versicherern vorgeworfen, sie machten nichts mit dem Access-Capital. Jetzt ist es schlicht nicht mehr vorhanden. Deswegen folgten zwangsläufig die Downgrades bei den Versicherern.

mm.de: Wird Fitch also Versicherer weiter downgraden?

Metzler: Auszuschließen ist das nicht. Wir werden die weitere Entwicklung genau beobachten und das jeweils im Einzelfall entscheiden.

mm.de: Sehen Sie die großen deutschen Versicherer schlechter aufgestellt als die europäische Konkurrenz?

Metzler: Nein. Allerdings geben die deutschen Unternehmen im Bereich Lebensversicherung höhere Garantien als zum Beispiel die britischen Gesellschaften. Deswegen sind britische Unternehmen flexibler bei der Reduzierung der Überschussbeteiligung. Die deutschen Konzerne müssen diese Garantien fortgesetzt sicherstellen. Sollte das Zinsniveau weiter fallen, könnte sich die gegenwärtige negative Spread-Situation - das heißt, es wird mehr ausgeschüttet als in der Kapitalanlage verdient wird - über Jahre hinweg anhalten, so dass uns japanische Verhältnisse drohen.

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