Bayer Erleichterung nach erstem Urteil

Der Entscheid eines US-Gerichts stimmt den Konzern optimistisch. Analysten rechnen damit, dass die Lipobay-Belastungen deutlich geringer ausfallen als derzeit befürchtet. Doch es stehen noch weitere Prozesse an.

Leverkusen - Die Aktie des Leverkusener Chemie- und Pharmaunternehmens Bayer  hat am Mittwoch nach ihrer Kursexplosion am Dienstag wieder leicht nachgegeben. Nach der Erleichterung über den ersten Freispruch in Sachen Lipobay warnen nun skeptische Stimmen, dass die Schadenersatzklagen damit noch keinesfalls ausgestanden sind.

Bayer war am Dienstagabend (MEZ) im ersten Schadenersatzprozess um den Chlosterinsenker Lipobay/Baycol in allen Punkten freigesprochen worden. In dem Prozess im texanischen Corpus Christi wurde die Klage eines 82-Jährigen verhandelt, der nach der Einnahme von Lipobay an Muskelschwund erkrankt war und dafür insgesamt mehr als 550 Millionen Dollar Schadenersatz gefordert hatte.

Bayer für die kommenden Prozesse zuversichtlich

Ein Sprecher des Unternehmens sagte, Bayer sei für die kommenden Prozesse generell zuversichtlich. Das Unternehmen sei nach wie vor der Ansicht, im Zusammenhang mit Lipobay stets verantwortlich gehandelt zu haben. Für Rückstellungen bestehe weiterhin kein Handlungsbedarf.

Wie der Sprecher weiter mitteilte, muss Bayer dem Kläger jetzt keinerlei Schadenersatz mehr zahlen. In einer Mitteilung kündigte das Unternehmen am Abend jedoch an, auch weiterhin diejenigen "auf faire Weise" zu entschädigen, die durch Lipobay/Baycol schwere Nebenwirkungen erlitten hätten. Dies werde unabhängig davon geschehen, ob sich deren Ansprüche rechtlich mit guten Argumenten abwehren ließen.

Bayer hatte Lipobay im August 2001 vom Markt genommen, als sich die Berichte über Nebenwirkungen häuften. Bei rund 100 Patienten soll das Medikament zum Tode durch Nierenversagen geführt haben.

Analysten: Sorgen sind noch nicht vom Tisch

Analysten sind sich weitgehend einig: Von dem ersten Urteil im Lipobay-Prozess kann nicht auf den Ausgang der noch ausstehenden Prozesse geschlossen werden. Bei dem im texanischen Corpus Christi entschiedenen Fall handele es sich um einen speziellen Vorgang, so die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dieser sei nicht zwangsläufig mit anderen Klagen vergleichbar. Die Bayer-Aktie werde sich daher "in Abhängigkeit von der jeweiligen Prozesslage" volatil zeigen. Die Bank bestätigt für Bayer die Einschätzung "Halten".

1,6 statt zehn Milliarden Euro?

Andererseits sehen die Analysten nach dem Urteil auf Bayer nun möglicherweise deutlich geringere Belastungen als die im schlimmsten Fall befürchteten zehn Milliarden Euro zukommen. "Die Klägeranwälte dürften nach dem gestrigen Urteilsspruch eher bereit sein, in Vergleichsverhandlungen mit Bayer zu treten." Die Branchenbeobachter von HSBC rechnen eigener Aussage zufolge mit Belastungen aus den Klagen von maximal 1,6 Milliarden Euro. Eingepreist sei im Markt das Worst-Case-Szenario von zehn Milliarden Euro. Die Analysten von HSBC empfehlen Bayer daher zum Kauf.

Bis September werden weitere 22 Verfahren eröffnet

Insgesamt wurden bislang rund 8400 Lipobay-Klagen gegen Bayer eingereicht, etwa 500 Fälle wurden bisher außergerichtlich beigelegt. Dem Prozess in Corpus Christi wurde eine gewisse Pilotfunktion zugesprochen, da es sich hier um das erste Verfahren handelte. Bis September werden nach Angaben von Klägeranwälten voraussichtlich weitere 22 Lipobay-Verfahren gegen Bayer in den USA eröffnet.

Vorstandsvorsitzender Werner Wenning hatte am vergangenen Donnerstag angedeutet, dass Bayers Versicherungsschutz für Lipobay nicht ausreichen könnte, falls sich die Kläger in erheblichem Umfang vor Gericht durchsetzen sollten. Bislang hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 140 Mio USD für Vergleiche gezahlt, wobei diese Summe vollständig durch Versicherungen gedeckt sei. Zur Gesamthöhe des Versicherungsschutzes machte das Unternehmen keine Angaben.

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