Märkte Hedgefonds bestimmen den Handel

Auch nach Beginn dem US-Luftangriff auf Bagdad kletterte der Dax weiter. Hedgefonds dominieren die Szene, sagen Analysten. Doch die Chancen für eine Kriegsrallye sei "zeitlich begrenzt".

Frankfurt am Main - Die Reaktion der Börse ist zynisch, doch für Marktstrategen erklärbar. Während Menschen in Bagdad Deckung suchen, wagen sich Investoren wieder hervor: "Ein schnelles Ende der Irak-Krise wird die Lähmung der Märkte beseitigen. Die Börse spekuliert bereits jetzt auf eine Erholung nach dem Krieg", sagte ein Händler.

Der Dax pendelte am Donnerstag nervös um die Vortagesschlusslinie, notierte dabei aber die meiste Zeit im Plus. Am Vortag gewann der deutsche Leitindex 31 Punkte oder 1,2 Prozent auf 2615 Zähler. Die US-Börsen haben sich am Tag vor den amerikanischen Luftangriffen auf Bagdad uneinheitlich präsentiert.

"Hedgefonds decken sich ein"

Seit Donnerstag vergangener Woche hat der Dax  bereits mehr 18 Prozent zugelegt. Die jüngste "Kriegsrallye" sorgte für deutliche Kurssteigerungen bei den meisten Standardwerten. Die Schwankungen im Index bleiben jedoch enorm.

"Derzeit lösen Hedgefonds ihre Short-Positionen auf und decken sich mit Aktien ein, um Gewinne mitzunehmen oder bei steigenden Kurse ihre Verluste zu begrenzen", kommentierte Klaus Lüpertz, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, die Kursentwicklung der vergangenen Tage.

Die Erholung im Dax sei sehr dynamisch und von großen Volumina getragen: "Da betreiben wohl einige Leerverkäufer Schadensbegrenzung", sagte Lüpertz im Gespräch mit manager-magazin.de.

Der Aufschwung könne durchaus noch bis in den Bereich von 2700 oder 2800 Punkten tragen - doch die hohen Schwankungen dürften bestehen bleiben. "Wer jetzt bei dieser Erholung mitspielen will, sollte mit engen Stopp-Loss-Marken" arbeiten, empfiehlt der HSBC-Marktstratege. "Die makroökonomischen Daten sehen nach wie vor schlecht aus. Wie lange der Krieg dauern wird, wie es in der Region weitergeht und wie hoch die Kriegskosten ausfallen, ist offen", so Lüpertz.

"Krieg drängt andere Probleme in den Hintergrund"

Die freundliche Kursentwicklung fuße nicht darauf, dass die konjunkturellen Rahmendaten oder die Gewinnsituation der Unternehmen besser geworden sind. "Wir sind noch immer in einem langfristigen Abwärtstrend", warnt Lüpertz. Er rechne daher damit, dass die deutliche Erholung im Dax "zeitlich sehr begrenzt" sein werde.

"Charttechnisch haben wir noch bis etwa 2750 Punkte Platz. Doch die Luft wird dünner", bekräftigte Oliver Brockhagen, Leiter des Aktienhandels beim Bankhaus Metzler. "Wir sind in den vergangenen Tagen sehr schnell und deutlich nach oben gelaufen: Nicht, weil die konjunkturelle Situation Anlass zur Zuversicht gibt, sondern weil Leerverkäufer ihre Positionen geschlossen haben."

Eine solche "short-covered Rallye" könne auch schnell wieder vorbei sein, sagt Brockhagen. Solange aber der Ölpreis und der Bund-Future fallen, hätten die Aktienmärkte Phantasie.

Brockhagen erinnerte daran, dass selbst nach einem schnellen Sieg der USA die konjunkturellen Probleme nicht gelöst seien. "Das Thema Krieg dient derzeit dazu, um die anderen Themen zu vergessen", so der Marktstratege. Nach Ende des Krieges würde die schwierige Lage der Weltkonjunktur umso deutlicher zutage treten.

"Mehr als ein Strohfeuer"

"Das ist mehr als ein Strohfeuer"

Etwas optimistischer ist Fiduka-Depotmanager Felix Schleicher. "Das ist mehr als ein Strohfeuer", sagte der Marktexperte im Gespräch mit mm.de. Der Dax sei immer noch extrem unterbewertet und weise im internationalen Vergleich mit das größte Aufwärtspotenzial auf: "Da darf man nicht von 20 oder 25 Prozent reden, das sind ganz andere Dimensionen."

Zwar seien auf Grund der unsicheren weltpolitischen Lage noch weitere Kursverluste möglich, die Chancen würden im derzeitigen Umfeld die Risiken jedoch überwiegen.

Schließlich seien die meisten Szenarien in den Kursen bereits eingepreist: "Terrorattentate, ein Flächenbrand in Nahost oder ein Ölpreis bei 50 Dollar pro Barrel – das wird zum Gutteil schon heute an der Börse gespielt", sagt Schleicher. Die niedrige Erwartungshaltung mache einen weiteren Ausverkauf an der Börse unwahrscheinlich.

Amerika ist kein Schnäppchenmarkt

Das derzeitige Marktumfeld bietet nach Ansicht von Schleicher gute Bedingungen zum Einstieg. Wer jetzt Mut zum Risiko beweise, könnte von der Marktverfassung profitieren. "Wer abwartet, bis alle Signale auf grün stehen und alle Risiken beseitigt sind, der muss dann 30 bis 40 Prozent höher einsteigen", warnt Schleicher. "Und entgangene Gewinne sind genauso schlimm wie Verluste."

Gute Chancen auf Kursgewinne im Dax würden derzeit die Versicherer wie die Münchener Rück  oder die Allianz  bieten. Das operative Geschäft laufe dort besser als im Bankenbereich und auf Grund des hohen Aktienportfolios wiesen die Titel großes Erholungspotenzial auf.

Nur wenig Potenzial traut Schleicher hingegen den US-Märkten zu. Der Dow Jones sei derzeit "vielleicht fair bewertet. Aber von einer massiven Unterbewertung wie bei uns kann keine Rede sein", so Schleicher.

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