Allianz Poker um Beiersdorf

Ein baldiger Verkauf des Beiersdorf-Pakets oder die Ausgabe neuer Aktien könnten die Kapitalkraft des Konzerns stärken. Die US-Investmentbank Merrill Lynch bleibt kritisch gegenüber der Aktie. Experten erwarten, dass die Allianz am Donnerstag einen Milliardenverlust bekannt gibt.

Frankfurt am Main - Zwei Tage, bevor der Finanzkonzern Allianz  seine Bilanz für das Jahr 2002 vorlegt, verdichten sich die Gerüchte um eine mögliche Kapitalerhöhung. Nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" (FTD) habe es in den vergangenen Tagen intensive Gespräche mit Investmentbanken über eine Kapitalerhöhung gegeben.

Man habe auch über andere Wege zur Stärkung der Kapitalbasis gesprochen, heißt es in dem Bericht. Als Größenordnung einer möglichen Kapitalerhöhung werde eine Summe zwischen 3 und 5 Milliarden Euro genannt. Die Allianz gab dazu keinen Kommentar: Gerüchte würden grundsätzlich nicht kommentiert.

Gerüchte um Beiersdorf-Verkauf - "Uns drückt es nicht"

Um die Kapitalbasis zu stärken, muss die Allianz aber nicht zwangsläufig neue Aktien ausgeben. Als Alternative käme auch die Ausgabe einer Wandelanleihe oder ein Verkauf von Beteiligungen, zum Beispiel des Anteils an Beiersdorf, in Betracht. Die Allianz hält einen Anteil an Beiersdorf in Höhe von 43,6 Prozent. Zu den möglichen Interessenten zählt Tchibo, die ihren Beiersdorf-Anteil von 30 Prozent aufstocken könnten.

Durch die Transaktion könnten stille Reserven zwischen 3 und 3,7 Milliarden Euro gehoben werden, meinen Analysten. "Wenn ein anständiges Angebot auf den Tisch flattert, wären wir zum Verkauf bereit", sagte Finanzvorstand Paul Achleitner am Dienstag. "Uns drückt es nicht zu verkaufen."

Ganz so entspannt sehen viele Beobachter die Situation der Allianz nicht. Die Bilanz für das Jahr 2002 fällt in jedem Fall mit einem Verlust in Milliardenhöhe aus und dürfte Henning Schulte-Noelle seinen Abschied nicht gerade versüßen. Der Allianz-Chef wird am Donnerstag (20. März) zum letzten Mal die Zahlen präsentieren, bevor er im April sein Amt an Michael Diekmann übergibt.

Verlust von rund 1,3 Milliarden Euro erwartet

Das operative Versicherungsgeschäft läuft zwar gut, doch Deutschlands größter Versicherungskonzern hat derzeit andere Sorgen. Wegen der Probleme bei der Dresdner Bank, der Talfahrt an den Börsen und wegen der hohen Belastungen durch die Jahrhundertflut hat der Konzern einen hohen Netto-Verlust erwirtschaftet. Die Schätzungen der Bankhäuser liegen im Mittel bei einem Verlust von 1,3 Milliarden Euro, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Allerdings liegen die Schätzungen mit einer Spanne von 0,7 bis 3,3 Milliarden Euro Verlust weit auseinander.

Merrill Lynch sieht weiterhin hohe Risiken

Die Allianz-Aktie  hat bereits eine atemberaubende Talfahrt an der Börse hinter sich. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs noch einmal von knapp 100 auf derzeit rund 60 Euro gefallen. Der Höchstkurs zu Zeiten des Börsenbooms lag bei knapp 400 Euro.

Trotz der massiven Kursverluste bleiben die Analysten von Merrill Lynch kritisch gegenüber der Aktie. "We continue to believe that Allianz is one of the riskiest stocks in our universe", heißt es in einer Studie: Für das Analystenteam gibt es demnach unter den von ihnen beobachteten Finanz- und Versicherungswerten kaum ein riskanteres Investment. Ein "fairer Wert" zwischen 60 und 65 Euro berücksichtige noch nicht einmal die Möglichkeit einer zu dünnen Kapitaldecke.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat für die Allianz das Rating "AA" mit einem negativen Ausblick ausgegeben. "Wir wären überrascht, wenn das Unternehmen in Kürze nach Bekanntgabe der Zahlen nicht herabgestuft wird", so der Kommentar von Merrill Lynch.

Morgan Stanley senkt das Kursziel drastisch

Auch die US-Investmentbank Morgan Stanley ist skeptisch gegenüber der Allianz eingestellt und hat das Kursziel für die Aktien des Versicherers von zuvor 87 Euro auf jetzt 67 Euro gesenkt. Zur Begründung verweisen die Analysten auf das Kapitaldefizit in Höhe von rund 16 Milliarden Euro. Das könne eine Kapitalerhöhung oder den Verkauf von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Beteiligungen notwendig machen.

Nach einem Rekordverlust von 2,5 Milliarden Euro im dritten Quartal hat die Allianz zuletzt zwar Fortschritte gemacht. "Das eigentliche Versicherungsgeschäft läuft derzeit sehr gut", sagt ein Branchenexperte. Allerdings dürfte die Talfahrt an den Börsen für weitere beträchtliche Abschreibungen auf den Wertpapierbesitz gesorgt haben.

Auch die Dresdner Bank ist noch nicht über den Berg. Unter dem Strich rechnen die Experten des Investmenthauses Sal. Oppenheim daher für das vierte Quartal noch einmal mit einem Netto-Verlust von 560 Millionen Euro. Die Analysten der HypoVereinsbank erwarten sogar ein erneutes Minus von einer Milliarde Euro. Für Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz werde ein Nachfolger gesucht , heißt es.

Kapitalerhöhung oder Beiersdorf-Verkauf?

Kapitalerhöhung oder Beiersdorf-Verkauf möglich

Viele Experten meinen, dass die Allianz wegen der derzeitigen Probleme und weiterer Wachstumspläne ihre Kapitalbasis mittelfristig verstärken muss. In dem derzeitigen Umfeld lasse sich eine Kapitalerhöhung allerdings nur schwer realisieren, urteilen die Analysten der HypoVereinsbank.

Daher halten sie einen baldigen Verkauf der milliardenschweren Beiersdorf-Beteiligung für wahrscheinlicher. Mittelfristig und bei höheren Aktienkursen müsse die Allianz ihre Eigenkapitalbasis dann aber deutlich erhöhen.

Dresdner Bank: Abschied vom Investment-Banking?

Sorgenkind des Konzerns bleibt die Dresdner Bank. Im vierten Quartal dürfte die Banktochter nach Einschätzung der Commerzbank-Analysten noch einmal zu einem Vorsteuer-Verlust von mehr als 500 Millionen Euro in der Bank-Sparte geführt haben. Das Ziel, in diesem Jahr bei der Dresdner operativ schwarze Zahlen zu schreiben, sei im derzeitigen Banken-Umfeld zu optimistisch, glauben die Sal. Oppenheim-Experten.

Einen Komplettverkauf der Banksparte hatte Schulte-Noelle ausgeschlossen. Der Allianz würden bei einem Komplettverkauf hohe Abschreibungen drohen. Zudem funktioniere grundsätzlich die Idee, mit Hilfe der Beteiligung mehr Versicherungspolicen an den Bankschaltern zu verkaufen.

Daher wird ein Verkauf der Firmenkunden- und Investmentbanking-Sparte der Dresdner für wahrscheinlicher gehalten. Diekmann könnte hier als neuer Mann, der der Dresdner-Übernahme laut Branchenkreisen durchaus skeptisch gegenüber stand, härter durchgreifen als Schulte-Noelle.

Dresdner Bank/Allianz: Nachfolger gesucht  Schulte-Noelle: "An unseren Werten lasse ich nicht rütteln"  Aktientipps: Allianz kein "Schnäppchen"

Verwandte Artikel