Tagesausblick Prime Time in Deutschland

Ob Bundestag oder Börse - es ist Prime Time. Können die Märkte die Gewinne halten? Die Chancen stehen nicht schlecht, die Vorgaben der Wall Street sind gut. Kanzler Schröder könnte heute die Märkte zusätzlich beflügeln. Doch die längste "Liste der Grausamkeiten" nützt nichts, wenn Gewerkschaften und Opposition nicht mitziehen.

Hamburg – Sicher, viele Leerverkäufer haben den Dax in den vergangenen Tagen gnadenlos in den Keller geprügelt und mussten sich am Donnerstag bei steigenden Kursen wieder eindecken. Sicher ist auch, der Handel ist derzeit mehr von psychologischen als von fundamentalen Faktoren getrieben. Doch der scharfe Anstieg des Dollar einerseits und der starke Verlust bei Rohöl (minus 4,8 Prozent je Barrel) sowie Gold (minus drei Prozent je Feinunze) andererseits signalisieren: Die Märkte hoffen auf eine doch noch friedliche Lösung des Irak-Konflikts.

Nahrung hat diese vage Hoffnung von Gerüchten erhalten, die USA führten bereits "geheime Kapitulationsverhandlungen" mit Vertretern des irakischen Militärs. Pessimisten werden dies zurückweisen. Als ein rein taktisches Manöver dürften sie auch die Meldung erachten, dass die USA mit Blick auf eine wohl letzte Abstimmung im UN-Sicherheitsrat das Tempo rausnehmen. Doch dies ist nun mal derzeit der Strohhalm an den sich die Märkte klammern.

Der Dax beendete seine siebentägige Talfahrt und gewann rund sieben Prozent auf 2354 Zähler hinzu. Optimistisch für den heutigen Handelsauftakt in Frankfurt stimmt, dass die US-Indizes nach Börsenschluss in Deutschland noch weiter kletterten. Der Dow Jones gewann 3,6 Prozent auf 7821 Punkte hinzu. Der Nasdaq Composite stürmte um 4,8 Prozent auf 1340 Zähler vor.

Die mit Spannung erwartete Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder könnte den Märkten heute zumindest kurzfristig weiter Auftrieb geben. Der Politikabschlag auf den Dax ist immens, sagen Marktbeobachter. Deutschland leide nicht nur unter einer Konjunktur-, sondern auch unter einer Strukturkrise, heißt es. Doch kann Schröder angesichts der im Vorfeld vermutlich auch bewusst gestreuten Indiskretionen über seine möglichen Reformvorschläge, die Märkte überhaupt noch überraschen?

Die "Liste der Grausamkeiten" kann aus Sicht von Ökonomen und Marktbeobachtern gar nicht lang genug sein, damit der Standort Deutschland wieder an Attraktivität gewinnt, die Unternehmen eine deutliche Entlastung spüren, um schließlich mehr zu investieren und mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Ob nun Lockerung des Kündigungsschutzes, Senkung der Lohnnebenkosten durch mehr Eigenvorsorge bei Rente und Gesundheit oder drastische Einschnitte bei Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern – was angekündigt, muss vor allem auch schnell umgesetzt und darf nicht in langwierigen Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften oder der Opposition zerrieben werden, haben Experten zuvor im Gespräch mit manager-magazin.de angemahnt. Nur unter dieser Voraussetzung könnten Investoren und Bürger in Deutschland optimistischer in die Zukunft schauen.

Viel Hoffnung besteht indes nicht. Die Gewerkschaften sind stocksauer und haben gerade mit Blick auf die Kündigungsschutzpläne harten Widerstand angekündigt. Harte Auseinandersetzungen dürften auch die Pläne der Bundesregierung nach sich ziehen, in Tarifkonflikten notfalls eine Öffnung des Flächentarifvertrages per Gesetz zuzulassen, wie der "Tagesspiegel" heute berichtet.

Und auch die Opposition schmeißt dem Kanzler Knüppel zwischen die Beine. Nur einen Steinwurf vom Bundestag will sie heute mit ihrer Mehrheit im Bundesrat das "Steuervergünstigungsgesetz" zu Fall bringen – das Gros der in Gesetze zu gießenden Reformpläne Schröders muss indes auch durch den Bundesrat.

Wollen CDU/CSU und Gewerkschaften sich nicht des Vorwurfs der Destruktivität und der Unglaubwürdigkeit aussetzen, täten sie gut daran über Parteigrenzen und ideologische Schranken hinweg dort mitzuziehen, was Arbeitsmarkt und Wirtschaft in Deutschland wirklich nach vorne bringt.

Die Zeit für taktische Spielchen ist längst abgelaufen: Deutschland befindet sich am Rande einer Rezession, wie nicht zuletzt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung warnt.

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