Mittwoch, 19. Februar 2020

Lipobay-Desaster Bayer bebt

Reicht die Versicherungsdeckung, wenn die milliardenschweren Schadenersatzklagen Erfolg haben? Bayer äußert erstmals Zweifel. Unternehmenschef Wenning verteidigt dennoch die Strategie des Konzerns.

Leverkusen - Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer Börsen-Chart zeigen hat erstmals eingeräumt, dass mögliche Milliarden-Belastungen durch Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit dem Medikament Lipobay die Versicherungsdeckung übersteigen könnten.

 Lipobay-Klagen schweben wie ein Damoklesschwert über dem Konzern. Reicht die Versicherungsdeckung nicht, muss Bayer Rückstellungen bilden.
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Lipobay-Klagen schweben wie ein Damoklesschwert über dem Konzern. Reicht die Versicherungsdeckung nicht, muss Bayer Rückstellungen bilden.
Der Konzern prüfe daher, Rückstellungen zu bilden. "Sollten sich die Kläger trotz bestehender Verteidigungsargumente in erheblichem Umfang durchsetzen, ist es möglich, dass Bayer Belastungen ausgesetzt wird, die den versicherten Bereich übersteigen", sagte Konzernchef Werner Wenning am Donnerstag während der Bilanz-Pressekonferenz für das Geschäftsjahr 2002.

Bayer hatte den Blutfettsenker Lipobay/Baycol im Herbst 2001 vom Markt genommen. 18 Monate nach der Rückrufaktion ist damit das genaue Ausmaß des Schadens noch immer nicht absehbar. "Der Ausgang und die finanziellen Auswirkungen eines Prozesses vor allem in den USA lassen sich unmöglich mit Sicherheit voraussagen", sagte Wenning.

"Haben verantwortungsvoll gehandelt"

Sollten die Kläger ihre Forderungen durchsetzen, muss Bayer tief in die Tasche greifen. Bislang hat sich der Konzern darauf verlassen, dass die Versicherungssumme ausreicht, um alle Forderungen in Zusammenhang mit Lipobay zu erfüllen. In der Bilanz 2002 sei daher noch keine Vorsorge für Belastungen getroffen worden, die die Versicherungsdeckung übersteigen.

Dennoch gibt sich Konzernchef Wenning gelassen. "Wir sind weiterhin fest davon überzeugt, dass wir im Fall Lipobay/Baycol verantwortungsvoll und angemessen gehandelt haben", betonte Wenning. Zur Höhe der Versicherungsdeckung für Lipobay wollte ein Bayer-Sprecher keine Angaben machen.

In den USA steht unterdessen das Urteil im ersten Schadensersatzprozess um Lipobay unmittelbar bevor. Die Schlussplädoyers im ersten Prozess um Schadensersatz im texanischen Corpus Christi könnten möglicherweise noch am Donnerstag beginnen.

Zahl der Lipobay-Klagen steigt auf 8400

Obwohl sich der Dax deutlich erholte, verloren die Aktien des Chemie- und Pharmakonzerns zeitweise rund vier Prozent auf 10,06 Euro und waren erneut schwächster Wert im Index. Erst am Nachmittag konnte die Aktie die Verluste deutlich reduzieren. Bereits am Vortag hatte der Wert rund zehn Prozent verloren.

Die Zahl der Lipobay-Klagen sei mittlerweile auf 8400 gestiegen, wovon 4600 nahezu identisch seien. Bayer habe ohne Haftungseingeständnis bisher über 500 Vergleiche geschlossen und dafür etwa 140 Millionen Dollar bezahlt, hieß es. Bislang waren 7800 Klagen und 450 Vergleich bei Zahlungen von insgesamt 125 Millionen Dollar bekannt gewesen.

Rückstellungen in Milliardenhöhe eingepreist

"Die Zahlen von Bayer sind nicht so schlecht, aber das zählt im Moment wegen Lipobay nicht", sagte Michael Butscher von der Bayerischen Landesbank. Er erwartet, dass Bayer bald Rückstellungen bilden werde. Im Bayer-Kurs seien bereits einige Milliarden Euro für Schadenersatz eingepreist, ergänzte Andreas Theisen von WestLB Panmure.

Verhaltener Optimismus für 2003

Nach dem Krisenjahr 2002 zeigte sich Bayer für 2003 wieder verhalten optimistisch. Das operative Ergebnis vor Sonderposten könne voraussichtlich gesteigert werden, nachdem sich der Betriebsgewinn im Vorjahr fast halbiert hatte, bekräftigte Wenning. Voraussetzung sei aber, dass sich die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht gravierend verschlechtern. Die Entwicklung bei Umsatz und operativem Ergebnis in den ersten zwei Monaten des Jahres sei ermutigend gewesen.

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