Mittwoch, 24. Juli 2019

Volkswagen Pischetsrieders Dilemma

Der Vorstandschef hat das Jahr 2003 bereits abgehakt. Bei der Neuordnung des Konzerns hastet er von Baustelle zu Baustelle. Diese "Altlasten" sind ihm nicht anzulasten. Pischetsrieder setzt auf den sanften Übergang. Dabei wäre mehr Härte angezeigt.

Hamburg/Dresden – Gerade ein Jahr im Amt, bläst Volkwagen-Chef Pischetsrieder der Wind so scharf ins Gesicht wie selten zuvor. Nicht genug, dass der Wahl-Wolfsburger eine verfehlte Modellpolitik seines Vorgängers Piëch ausbügeln muss. Das Ergebnis sinkt weiter, die Marktanteile gehen zurück. Die wichtigsten Absatzmärkte in den USA und Westeuropa brechen weg. Im selbst ausgerufenen Jahr des Übergangs lasten zudem ein starker Euro und unkalkulierbare politische Risiken auf dem Konzern.

VW-Chef Bernd Pischetsrieder muss an mehreren Fronten zulgeich kämpfen.
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VW-Chef Bernd Pischetsrieder muss an mehreren Fronten zulgeich kämpfen.
Es entbehrt nicht der Ironie, dass Pischetsrieder gerade die Gläserne Manufaktur in Dresden, die Geburtsstätte des Prestige-Boliden "Phaeton", zum Ort des Abgesangs auf das Jahr 2003 gewählt hat. Die Märkte haben am Dienstag den schwachen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr als verkappte Gewinnwarnung interpretiert. Die Aktie von Volkswagen Börsen-Chart zeigen brach in der Spitze um mehr als zehn Prozent ein.

Als wenig überraschend interpretiert dagegen Robert Pottmann von M.M. Warburg den düsteren Ausblick. "Diese Entwicklung hat sich abgezeichnet. Es war klar, dass Volkswagen wegen der auslaufenden Modellreihen des Golf und Passat 2003 Schwierigkeiten bekommen wird", sagt der Auto-Analyst im Gespräch mit manager-magazin.de. Pischetsrieder seien die "Altlasten" allerdings nicht anzulasten.

Die Marke Audi zu lange vernachlässigt

Unter der Ägide Piëchs haben sich die Wolfsburger in der Vergangenheit zu sehr auf die Prestigeobjekte "Phaeton" und "Touareg" konzentriert, sagen auch andere Experten. Viele Investitionen seien in die Marke Volkswagen anstatt in Audi geflossen. "Volkswagen hat Audi zu lange vernachlässigt. Hätte der Konzern hier geschickter agiert, würde Audi in den USA jetzt besser dastehen", sagt Pottmann. Zumindest hätten sich die Ertragsprobleme bei Golf und Passat damit abfedern lassen, glaubt der Analyst.

Pischetsrieder weiß um die Probleme und hat eine große Modelloffensive angeschoben. Allein in diesem Jahr kommt quasi im Drei-Wochen-Rhythmus ein neues VW-Modell an irgendeinem Ort auf dieser Welt auf den Markt. Die Wagen sollen Nischen besetzen und zugleich die Unterschiede zwischen den konkurrierenden Konzernmarken VW, Audi, Skoda und Seat deutlicher machen.

Die Modelloffensive hält Pottmann für sinnvoll. Mit dem Mini-Van "Touran", dem Geländewagen "Touareg" und dem kommenden Golf V sei Volkswagen auf dem richtigen Weg.

Unstrittig ist aber zugleich, dass Volkswagen mit den beiden erstgenannten Modellen dem Markt im Grunde hinterher läuft. Der neue Golf wird seine Wirkung ohnehin erst im kommenden Jahr voll entfalten.

Die Aussage des Vorstandschefs, in 2004 Jahr auch dank stärkerer Kostensenkungen das Ergebnis deutlich zu steigern, hält der Experte von M.M. Warburg für realistisch. Er sei angemessen davon auszugehen, dass sich die geopolitische Lage entspannen und damit auch die Wirtschaft mit Ende dieses Jahres erholen dürfte. "Ich halte nichts von Worst-Case-Szenarien."

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