Salzgitter AG Stahl-Chef vor dem Absturz

Im Streit um die Zukunft des Stahlkonzerns gerät Vorstandschef Hans-Joachim Selenz immer stärker unter Druck. Auch die Landesregierung rückt jetzt von ihm ab.

Hannover - Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben genug. Sie verlangen, daß der 47 Jahre alte Vorstandsvorsitzende abberufen wird. Dazu wollen sie noch in dieser Woche eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung beantragen. Selenz' Sprecher erklärte am Mittwoch, der Vorstandschef werde nicht von sich aus zurücktreten.

Ministerpräsident Gerhard Glogowski (SPD) sicherte dem Konzernbetriebsrat zu, er nehme den Willen der Belegschaft als Grundlage für die Entscheidung sehr ernst. Das Land und die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) sind die wichtigsten Aktionäre der Salzgitter AG. Intern heißt es in der SPD-Landesregierung, Selenz sei nicht mehr zu halten.

In einer Regierungserklärung im Landtag in Hannover versicherte Glogowski am Mittwoch, das Land wolle bei einer Fusion der Salzgitter AG mit der luxemburgischen Arbed-Gruppe alle Standorte des Stahlkonzerns erhalten. Sitz und Entscheidungszentrum müsse Niedersachsen bleiben. Ziel sei die langfristige Sicherung der Arbeitsplätze. Betriebsbedingte Kündigungen müßten ausgeschlossen werden. Das Unternehmen solle bei Produktion, Entwicklung und Personalmanagement eigenständig bleiben und die Verantwortung für Investitionen behalten, betonte Glogowski.

Bei einer Übernahme durch die österreichische Voest Alpine vor einem Jahr seien diese Bedingungen nicht gegeben gewesen. Deshalb hätten Land und Norddeutsche Landesbank die damalige Preussag-Stahl-AG aus dem Preussag-Konzern herausgekauft.

Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrates, Ernst Schäfer, sagte, die Zusicherungen Glogowskis entsprächen weitgehend den Bedingungen der Arbeitnehmerseite. Auch eine Kooperation mit Arbed lehnte Schäfer nicht grundsätzlich ab. "Die Arbed ist nicht unser Feind." Nun müßten ohne Zeitdruck Vor- und Nachteile eines Zusammenschlusses geprüft werden. Der Salzgitter-Vorstand solle zunächst erarbeiten, welche Möglichkeiten es gebe. Dies könne einige Wochen dauern. Vorher werde es keine weiteren Gespräche mit Arbed geben, sagte Schäfer.

Der Vorstandschef Selenz war wegen seines Vorgehens bei den Fusionsgesprächen von den Beschäftigten scharf kritisiert worden. Der SPD-Fraktionschef Sigmar Gabriel erklärte, Selenz habe zu verantworten, daß er während der zurückliegenden Gespräche mit Arbed den Vertretern von Land und Nord/LB fälschlicherweise erklärt habe, der gesamte Vorstand sei mit dem Verlauf der Verhandlungen einverstanden.

Die Turbulenzen um die mögliche Fusion führten im Landtag zu einem heftigen Parteienstreit. Umstritten waren vor allem die Glaubwürdigkeit der SPD-Landesregierung und die Frage, ob die Verhandlungen mit den Luxemburgern bereits vor dem Abschluß stünden.