TecDax Alter Wein in neuen Schläuchen?

Der Neue Markt ist tot, es lebe der TecDax. Ob das Wachstumssegment damit allerdings den Neuanfang schafft, bleibt noch dahingestellt.

Frankfurt - Der Neue Markt ist so gut wie tot - seine wichtigsten Aktien werden aber im neuen Technologieindex TecDax weiterleben. Ob damit aber ein Neuanfang nach den Aufsehen erregenden Skandalen und Pleiten im einst hochgejubelten Wachstumssegment gelingt, ist unter Experten umstritten. Von "Alter Wein in neuen Schläuchen" bis "Befreiungsschlag" lauten die Meinungen.

Den Schlüssel zum Erfolg sehen viele Kommentatoren bei den Aktiengesellschaften selbst. "Viel wird davon abhängen, ob es den Unternehmen gelingt, Vertrauen zurückzugewinnen", sagt der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz.

In der New-Economy-Euphorie galt der Neue Markt bei Finanzprofis, privaten Anlegern und Journalisten lange Zeit als unerschöpfliche Goldgrube. Die Kurse der dort notierten Unternehmen kletterten stetig, die Firmen überboten sich gegenseitig mit Erfolgsmeldungen. Wer nicht Aktien von mindestens einem Nemax-Wert in seinem Depot hatte, galt unter Anlegern als hoffnungsloser Fall.

Wachstumssegment - das war einmal

Heute nimmt die Bezeichnung Wachstumssegment kaum noch jemand in den Mund. Gewachsen ist am Neuen Markt in den vergangenen drei Jahren allenfalls die Zahl der Insolvenzen, Betrügereien und sonstigen Hiobsbotschaften.

Mehr als 40 Unternehmen, die einst am Neuen Markt notiert waren oder sind, mussten bereits Insolvenz erklären. Die Kurse der Nemax-Aktien haben zum Teil mehr als 95 Prozent ihres einstigen Spitzenwerts verloren - und ein Heer desillusionierter Anleger zurückgelassen.

Seit Dienstag nach Börsenschluss ist nun klar, welche Unternehmen es in den TecDax schaffen (siehe: "Die TecDax-Werte im Überblick"). Formal lebt der Neue Markt zwar vorerst noch weiter, spätestens Ende des Jahres wird er aber eingestellt. Der Nemax 50 , der die 50 wichtigsten Werte des Neuen Marktes erfasst, wird gar noch bis Ende 2004 berechnet. Hintergrund sind allerdings technische Überlegungen der Deutschen Börse: Es gibt Finanzprodukte, die direkt auf den Nemax 50 abgestellt sind, und nicht von einem Tag auf den anderen eingestellt werden können. Ein Beispiel dafür sind Indexzertifikate.

Ist der Ruf erst ruiniert ...

Dass mit der jetzt anstehenden Einführung des nur noch 30 Titel umfassenden TecDax die übrigen Nemax-Werte weiter Richtung Bedeutungslosigkeit trudeln, gilt unter vielen Experten als ausgemacht. So schreiben etwa die Sparkassen auf ihrer Internet-Seite: "Aktien aus dem Nemax 50, die künftig nicht dem TecDax angehören werden, gefährden ihr Depot." Es bestehe die Gefahr, dass sich für diese Titel künftig niemand mehr interessiere.

Bereits in den vergangenen Jahren ist das Interesse am Neuen Markt rapide gesunken. "Der Ruf des Neuen Marktes wurde ruiniert", sagt DSW-Sprecher Kurz. Die Schuld dafür ist nach Expertenmeinung bei einigen Unternehmen zu suchen. Ehemalige Hoffnungsträger wie Comroad und EM.TV  beschäftigten zuletzt stärker die Gerichte als die Anleger. Von Index-Höchstständen deutlich über 9000 Punkte im Jahr 2000 ist der Nemax 50 heute Lichtjahre entfernt, die Handelsumsätze machen nur noch einen Bruchteil derjenigen aus Glanzzeiten aus.

Comroad und andere Skandale

Beim Telematik-Spezialisten Comroad stellte sich heraus, dass fast die gesamten Firmenumsätze nur auf dem Papier existierten. Ex-Chef Bodo Schnabel sitzt inzwischen hinter Gittern. Als Synonym für den Niedergang des Neuen Marktes steht auch das Medienunternehmen EM.TV. Der Traum von einer weltweiten Spitzenstellung endete fast in der Pleite. Auch die Gründer Florian und Thomas Haffa müssen sich derzeit vor Gericht verantworten, unter anderem wegen des Vorwurfs des Kursbetrugs.

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