Märkte Das Spiel "Prügel den Dax" geht weiter

Der Dax schwankt immer stärker. Der Markt ist Spielwiese für Daytrader und Leerverkäufer - sie prügeln den kraftlosen Index seit Monaten herunter, herauf und wieder herunter. Auf die deutlichen Gewinne am Vortag dürfte schon bald der nächste Schlag folgen.

Hamburg – Am Mittwochmorgen war sie wieder da, die klassische Affenschaukel. Kurz nach Handelsbeginn stürzte der Dax, bereits am Vortag schwer verprügelt, um weitere 30 Punkte ab und kam seinem Sechsjahrestief bei 2519 Punkten bedrohlich nah. Anleger hielten den Atem an.

Doch auf den Sturz folgte ebenso rasant die Klettertour: Rund 15 Minuten später notierte der Index wieder knapp im Plus. Eine Schwankung von zwei Prozent im Index, ohne dass irgendwelche Nachrichten von Unternehmensseite die Kurse bewegt hätten. Eigentlich ist nichts weiter passiert, doch hat sehr viel Geld die Seiten gewechselt. Das gleiche Spiel am Donnerstagmorgen: Der Dax knickt zum Handelsstart kräftig ein, doch schon bald darauf folgt die Klettertour.

"Shortselling funktioniert seit drei Jahren sehr gut"

Wieder sind die üblichen Verdächtigen im Gespräch: Short Seller, die Aktien leer verkaufen und auf weiter fallende Kurse setzen. Knickt der Index ein, kaufen sie ihre geliehenen Aktien zum günstigeren Preis zurück und erzielen dabei stattliche Gewinne.

Der Moment, in dem die "Shorties" ihre offenen Positionen schließen und ihre Gewinne auf die sichere Seite bringen, ist gleichzeitig der Startschuss für die Gegenbewegung: Der Index klettert in schnellen Tempo nach oben.

Der nächste Angriff kommt bestimmt

Die deutlichen Gewinne am Nachmittag waren ein weiteres Indiz dafür, dass weitere Leerverkäufer ihre Positionen glatt gestellt haben - die Indizes sind fest im Griff der Daytrader. Bis zum Abend baute der Dax seine Gewinne zeitweise auf mehr als drei Prozent aus: Doch der nächste Angriff der Shortseller kommt bestimmt.

"Diese Strategie funktioniert seit drei Jahren sehr gut – warum sollte sie nicht noch weiter funktionieren?", kommentiert Frank Schallenberger, Marktstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg, das Geschehen. Daran seien mitnichten nur die berüchtigten angloamerikanischen Hedgefonds beteiligt, auf die Kommentatoren so gerne verweisen. Auch deutsche Anlageprofis spielen bei dem Spielchen "Prügel den Dax" munter mit.

Verkaufsorgie am Vormittag

"Viele Profis verkaufen morgens, um sich bis zum Abend mit Gewinn wieder einzudecken", sagt Schallenberger. Dies funktioniert meist dann besonders gut, wenn aus den USA, wie am Donnerstag Morgen, durchwachsene bis schwache Vorgaben kommen. Der Deutsche Aktienindex, verprügelt und ohne eigene Kraft, vollzieht ohnehin seit Monaten nur noch die Vorgaben aus Übersee nach. Jedes Zittern im Dow, jedes Zeichen der Unsicherheit und jede neue Spekulation über eine bald beginnenden Krieg im Irak ist Anlass für ein erneutes Abtauchen im Dax.

"Es ist deprimierend, aber in einem intakten Bärenmarkt funktioniert dieses Vorgehen schon sehr lange", sagt Schallenberger. Schon bei einem Dax-Stand von 4500 Punkten hätten Beobachter geglaubt, dass Aktien billig seien und die Luft für Leerverkäufer dünn werde. "Das haben sie dann bei 3500 Punkten wiederholt. Und jetzt sind wir bald bei 2500 Punkten."

Klassische Investoren, die Aktien kaufen, halten und erst Jahre später verkaufen wollen, halten sich schon seit langem zurück. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass die Aktie eines Unternehmens steigt, selbst wenn es gute Zahlen melden sollte. Das Einzige, worauf Verlass ist, sind die Nervosität und die wiederkehrenden Schwächeanfälle im Index.

Shorties, Hedging, Spekulanten: Wer im Markt jetzt noch aktiv ist

Wer im Markt noch mitspielt

Wer ist in einem solchen Markt noch aktiv? Privatanleger dürften in Deckung gegangen sein, meint Schallenberger. Sie hätten sich oft genug die Finger verbrannt, und warum sollten sie ausgerechnet jetzt Aktien kaufen, wenn man sie in einigen Wochen wahrscheinlich noch billiger bekommen kann.

Die Fondsmanager und institutionelle Anleger sieht er derzeit "eher auf der Verkäuferseite": Einige von ihnen betreiben dabei klassisches Hedging und sichern sich durch Put-Optionen gegen weitere Verluste im ohnehin zerrütteten Depot ab. Die meisten dieser Sicherungsgeschäfte seien jedoch inzwischen abgeschlossen, meint der Experte der LBBW. Die meisten institutionellen Investoren seien bis zu einem Dax-Stand von 2800 bis 2900 Punkten abgesichert – fällt der Index weiter, ergeben sich durch die Absicherungsgeschäfte keine weiteren Verluste.

"Vielleicht erhöht der eine oder andere Investor derzeit seine Absicherungsquote, doch bei einem Dax-Stand unter 2700 Punkten sind überwiegend spekulativ orientierte, echte Leerverkäufer am Werk", sagt Schallenberger. Die Shorties sind zurück – die Angst vor einem möglichen Irak-Krieg und die nervösen, extrem schwankenden Indizes schaffen für sie ideale Bedingungen.

"Chancen auf neue Tiefs sind groß"

Rein und raus – Langfristanlage kein Thema

Die Rede von US-Außenminister Colin Powell war zwar kurzfristig von deutlichen Kurszuwächsen begleitet, weil wieder einmal neue Gerüchte über eine Flucht Saddams durch den Markt schwirrten. Die Rede dürfte dem Index aber keine nachhaltige Unterstützung geben, schätzt der Marktstratege. "Auch US-Präsident George W. Bush hat sich in seiner jüngsten Rede wie erwartet geäußert, und die Märkte gingen trotzdem runter." Auch dies sei ein Anzeichen für einen intakten Bärenmarkt: "Jeder Anlass, der sich bietet, wird derzeit für weitere Verkäufe genutzt", sagt Schallenberger. Mittelfristig sei mit einem weiteren Test der Tiefstände zu rechnen.

Wie fest die Bären den Markt derzeit im Griff haben, zeigen die jüngsten positiven Nachrichten der Dax-Unternehmen. Beispiel DaimlerChrysler: Das Unternehmen vervierfacht den operativen Gewinn, erhöht die Dividende um 50 Prozent – und die Aktie, die seit Monaten in der Nähe ihres Zehnjahrestiefs dümpelt, gibt dennoch kräftig ab. "Auch SAP, Siemens und Infineon haben positiv überrascht", sagt der Analyst. "Doch im Bärenmarkt wird dies schlicht ignoriert." Rein und raus – was zählt, sind schnelle Zocks und Tagesgewinne. Langfristige Anlage? Derzeit kein Thema.

Charttechnisch habe der Dax ohnehin keine nennenswerten Widerstände mehr zu bieten. Er ist angeschlagen und charttechnisch im Niemandsland. Anfang Oktober hatte der Dax im Handelsverlauf ein Tief von 2519 Punkten markiert. Doch ein robuster Widerstand ist auch diese Linie nicht, sagt Schallenberger: Fallen Dow Jones und Nasdaq, fällt der Dax mit. "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir neue Tiefs testen, liegt derzeit bei mehr als 50 Prozent."

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