Salzgitter Übernahme verglüht im Hochofen der Belegschaft

Die Fusion des Unternehmens mit Arbed zu Europas größtem Stahlkonzern ist wieder völlig offen. Nun sollen die Arbeitnehmer mitentscheiden und die Lockrufe von British Steel überdacht werden.

Salzgitter/Luxemburg - Als weiteres Ergebnis einer Betriebsversammlung am Dienstag soll jetzt geprüft werden, wie bei einer Stahlehe folgende Bedingungen der Belegschaft sichergestellt werden können: Erhaltung des gesamten Salzgitter-Konzerns mit derzeit 12.500 Beschäftigten, Sicherung der Stahlwerke Salzgitter, Peine und Ilsenburg, Verbleib der Entscheidungsgewalt in Salzgitter sowie Verzicht auf Entlassungen. Dies wurde vom Land Niedersachsen und von der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) - den Hauptaktionären der Salzgitter AG - zugesichert. Möglicherweise würden auch noch andere Partner als Arbed geprüft, nachdem British Steel Interesse signalisiert habe, hieß es in Salzgitter.

Wie der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Horst Schmitthenner erklärte, waren die Verträge mit Arbed vorige Woche schon unterschriftsreif, ehe nach der vorzeitigen Veröffentlichung "die Notbremse gezogen wurde". Dem widersprachen SPD-Landesregierung und Nord/LB, die zusammen mit dem Salzgitter-Chef Hans-Joachim Selenz seit dem 23. Dezember mit Arbed intensive Gespräche geführt hatten, ohne die Arbeitnehmerseite zu informieren. "Der Landesregierung sind keinerlei unterschriftsreife Verträge oder ähnliche Papiere bekannt", sagte der Staatskanzleichef Peter-Jürgen Schneider.

Der luxemburgische Konzern versicherte den Mitarbeitern der Salzgitter AG am Dienstag, sie brauchten bei einem Verkauf ihres Unternehmens nicht um ihre Zukunft zu fürchten. Die Arbed SA sei in den vergangenen Jahren mehrere Partnerschaften mit ausländischen Stahlunternehmen eingegangen. Nie habe es dabei Entlassungen oder Standortschließungen gegeben.

Während der zweistündigen Betriebsversammlung geriet Selenz als Vorstandsvorsitzender des zweitgrößten deutschen Stahlunternehmens stark unter Druck. Es gab zahlreiche Rücktrittsforderungen und Mißfallensbekundungen. Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrates, Ernst Schäfer, kündigte daraufhin an, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat würden Ministerpräsident Gerhard Glogowski und Nord/LB-Chef Manfred Bodin bitten, den Vorstandschef abzusetzen.

Schäfer forderte zudem eine "lückenlose Aufklärung" über die Verhandlungen mit Arbed. "Wir sollten verhökert werden. Aber wir werden uns wehren." Auch der Betriebsrat werde sich aber weiteren Gesprächen nicht verschließen, wenn dabei eine gleichberechtigte Partnerschaft sichergestellt und die Interessen der Beschäftigten berücksichtigt würden.

Selenz erklärte, die Salzgitter AG könne allein im Weltmarkt bestehen, eine Partnerschaft mit Arbed böte aber "möglicherweise noch bessere Chancen". Zum Eklat kam es, als das Vorstandsmitglied Günter Geisler sich vor der Belegschaft offen von Selenz distanzierte, weil dieser die Vorstandsmeinung zu den Arbed-Plänen nicht vollständig wiedergegeben habe. Der Vorstand sehe wesentlich mehr offene Fragen, als Selenz genannt habe.

Massive Kritik wurde auch am Vorgehen von Land und Nord/LB laut, die 1998 mit der Übernahme der Salzgitter von der Preussag den Verkauf des Stahlkochers an die österreichische Voest Alpine verhindert hatten. Laut Selenz haben Land und Nord/LB im Dezember auf rasche Verhandlungen mit Arbed gedrängt. Aus der Landesregierung nahm niemand an der Betriebsversammlung teil. SPD-Fraktionschef Sigmar Gabriel hatte erklärt, die SPD halte an der Vereinbarung fest, daß die Salzgitter AG selbständig bleiben solle. Nach den bisherigen Fusionsplänen sollten 75 Prozent der Salzgitter-Anteile - alle 68 Prozent des Landes und der Nord/LB sowie weitere Anteile kleinerer Anleger - an Arbed gehen. Im Gegenzug sollten Land und Nord/LB bei Arbed mit deutlich unter 25 Prozent einsteigen.