Rechts-Kolumne Geld zurück - die US-Klage macht's möglich

Europäische Investoren sehen nicht länger tatenlos zu, wenn amerikanische Aktiengesellschaften Werte in Milliardenhöhe vernichten. Anleger können sich Sammelklagen anschließen, sollten sich aber nicht von werbenden Kanzleien überrumpeln lassen.

Wenn eine an US-Börsen gehandelte Aktie in den Keller rauscht, muss sich das betreffenden Unternehmen nicht selten vor einem amerikanischen Gericht verantworten. Das Instrument der Sammelklage im amerikanischen Recht macht es möglich, dass die Aktionäre gemeinsam Schadensersatz verlangen können.

Doch welche Möglichkeiten haben deutsche oder europäische Investoren, sich an derartigen Aktionärssammelklagen zu beteiligen?

Wer im fraglichen Zeitraum Aktien des beklagten Unternehmens erworben hat, ist nach amerikanischem Recht ("Federal Rules of Civil Procedure 23") automatisch Mitglied dieser "Gruppe" von Klägern und hat damit Anspruch auf seinen Anteil an der vom Unternehmen zu zahlenden Entschädigungssumme.

Allerdings nur, wer es nicht versäumt hat, nach Abschluss des Verfahrens den sogenannten "Proof of Claim", ein Formular zur Geltendmachung von Ansprüchen, ausgefüllt an das zuständige Gericht zu schicken. Dieses Formular wird in der Regel allen Aktionären automatisch zugestellt. Die "passive" Teilnahme an einer Sammelklage ist für Kleinanleger die einzige Möglichkeit, wenigstens für einen Teil ihrer Verluste entschädigt zu werden.

Fondsmanagement kann aktiv werden

Eine Fonds- oder Versicherungsgesellschaft hingegen kann als sogenannter "Leitkläger" auftreten und in dieser Funktion aktiv in das Prozessgeschehen eingreifen. Ein finanzielles Risiko geht auch der Leitkläger nicht ein, denn das Honorar der Anwaltskanzlei wird nach Maßgabe des Gerichts aus der Entschädigungssumme finanziert.

Anleger, die als Leitkläger in Frage kommen, erhalten oft ungefragt Post von amerikanischen Klägerkanzleien. Hier ist Vorsicht geboten, insbesondere wenn das Anschreiben die Aufforderung enthält, ein Formular mit der Überschrift "Certification" auszufüllen und zu unterschreiben. Die Erklärungen dazu sind oft irreführend, so dass sich der Empfänger genötigt fühlt, dieses Formular auszufüllen - in der Annahme, nur so als Gruppenmitglied anerkannt und schließlich an einer Entschädigung beteiligt zu werden. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Antrag auf Bestellung zum Leitkläger.

Auf "Proof of Claim" kommt es an

Niemand ist dazu verpflichtet, als Leitkläger aufzutreten. In der Anfangsphase einer Sammelklage ist es auch überhaupt nicht nötig, Formulare irgendwelcher Art ausfüllen, um in die Gruppe aufgenommen zu werden und später Entschädigungszahlungen zu erhalten, da sich die Gruppenzugehörigkeit, wie bereits erwähnt, automatisch ergibt.

Wer sich mehr davon verspricht, seine Ansprüche individuell durchzusetzen, kann jederzeit , aus der Gruppe "austreten" (das sogenannte "Opting Out"), sobald eine formelle Benachrichtigung des Gerichts vorliegt. Anleger, die als Gruppenmitglieder von dem Gerichtsurteil profitieren wollen, brauchen sich um nichts anderes zu kümmern als darum, dass das Formular "Proof of Claim" rechtzeitig ausgefüllt und auf den Postweg in die USA gebracht wird.

Die Vorteile der Leitkläger

Es steht jedem Kläger frei, tatsächlich die Rolle eines Leitklägers zu übernehmen. Üblicherweise raten wir unseren Mandanten dazu, wenn sie erstens erfahrene Investoren sind, wenn sie zweitens einen relevanten Anteil an Aktien halten und wenn es sich drittens um ein erfolgversprechendes Verfahren handelt. In diesem Fall ist es vorteilhaft, Leitkläger zu werden, da sich dadurch sowohl der Anteil an der Entschädigung erhöhen als auch die Erfolgschancen der ganzen Gruppen erheblich verbessern können.

Es obliegt dem Leitkläger, eine Anwaltskanzlei auszuwählen, zu verpflichten und zu überwachen, die dann die Rolle der Leitkanzlei in dem Verfahren übernimmt und die gesamte Gruppe vertritt. Die Auswahl einer Kanzlei ist für den Leitkläger eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt.

Nicht von Kanzlei überrumpeln lassen

Man sollte daher keine Kanzlei wählen, über die man nicht zuvor detaillierte Informationen eingeholt hat. Es genügt keinesfalls, nur auf das unaufgefordert zugesandte Werbeschreiben einer beliebigen Kanzlei zu reagieren, die ihre Dienste, wie allgemein üblich, gebühren- und spesenfrei anbietet. In diesem Falle würde ja die Kanzlei den Leitkläger auswählen - und nicht umgekehrt. Ein solches Vorgehen verstößt sogar gegen das amerikanische Aktienrecht.

In der Regel versuchen mehrere Investoren, die Rolle des Leitklägers zu übernehmen. Das zuständige Gericht entscheidet über die Auswahl. Wer darauf verzichtet, Leitkläger zu werden, hat den Status eines passiven Mitglieds der Gruppe und damit keinen oder nur wenig Einfluss auf den Verlauf des Verfahrens, sowohl was die Prozessführung angeht als auch in Bezug auf die Höhe der Entschädigungssumme und ihre Verteilung auf die Mitglieder der Gruppe.

Ein passives Gruppenmitglied hat auch keine Mitsprache in Bezug auf die Auswahl der Leitkanzlei durch das Gericht. Ihm steht aber der gleiche Pro-Kopf-Anteil an der Entschädigungssumme zu wie den anderen Mitgliedern der Klasse und dem Leitkläger. Darüber hinaus hat jedes Gruppenmitglied das Recht, gegen geplante Regelungen des Falles Widerspruch einzulegen.

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