Märkte Die Bären sind noch nicht vertrieben

Auf die Erholung folgt erneut der Rückschlag. An der Wall Street erwarten Händler mittelfristig neue Tiefstände. Ein Dow Jones unter 7200 Punkten sei denkbar. Viele US-Titel seien zu hoch bewertet.

Frankfurt – Die Nervosität steigt. Am Mittwoch hatten Anleger schon einmal den Ausverkauf geprobt und den Dax  bis auf 2563 Zähler gedrückt - nur 44 Punkte über dem Sechsjahrestief vom Oktober vergangenen Jahres. Auf die Erholung am Donnerstag folgte zum Wochenschluss ein weiterer Nackenschlag: Auf Grund der schwachen US-Konjunkturzahlen und der deutlichen Verluste an der Wall Street fiel der Dax am Freitag wieder in Richtung 2600 Punkte zurück.

"Die europäischen Märkte sind so verunsichert, dass sie jeden Schritt der US-Börsen nachvollziehen", sagte ein Händler. Schon eine leichte Kurserholung im Dow kann im Dax eine Rallye starten - doch diese Gewinne können, wie Anleger am Freitag Morgen erlebten, binnen Minuten wieder in sich zusammenfallen.

Händler: Nicht nur Bush-Rede gibt Verkaufssignal

In seinem Bericht zur Lage der Nation hatte US-Präsident George W. Bush keinen Zweifel daran gelassen, dass die USA die Konfrontation mit dem Irak notfalls auch im Alleingang militärisch beenden würden. Am 5. Februar will die USA dem Weltsicherheitsrat Beweise für illegale Waffenprogramme des Irak vorlegen. Die konjunkturelle Entwicklung der USA bezeichnete der Präsident selbst als "unbefriedigend".

Bushs Rede dürfte nur vordergründig als weiteres Verkaufssignal an den Aktienmärkten gewertet werden, sagte Aktienstratege Giuseppe Amato von Lang & Schwarz im Gespräch mit manager-magazin.de. "Wir befinden uns in einem Bärenmarkt. Und jedes kleine negative Argument wiegt in der derzeit angespannten Situation doppelt schwer." Umgekehrt könne es allerdings auch genauso schnell wieder nach oben gehen.

Aus seiner Sicht verzerrt der drohende Irak-Krieg die Diskussion um die Talfahrt an den Börsen. Die Probleme seien eher grundsätzlicher Art. So sieht Amato die Titel des im weiter gefassten S&P 500 angesichts der unsicheren konjunkturellen Entwicklung in den Vereinigten Staaten als viel zu hoch bewertet.

"Eigentlich müssten wir im S&P Kurs-Gewinn-Verhältnisse zwischen acht und zwölf haben", sagte Amato. Doch derzeit lägen die KGVs immer noch auf einem Niveau, bei dem man eher von einem Bullenmarkt sprechen würde, meinte der Stratege.

Den Optimismus, den die US-Regierung an ihr milliardenschweres Programm zur Ankurbelung der Konjunktur knüpft, teilt Amato nicht. Die Hoffnungen daran seien überzogen, zumal sich das Programm auf rund zehn Jahre erstrecke und das gigantische Etatdefizit erhöhen werde.

"Noch zu viele Cheerleader im Markt"

US-Verschuldung dramatisch - Euro weiter fest

Die geplanten Steuersenkungen würden vornehmlich den reichen Amerikanern zu Gute kommen. Auch von der geplanten Abschaffung der Dividendenbesteuerung profitiere nicht die breite Masse der Anleger. Allein dieser Vorschlag kostet nach Einschätzung von Volkswirten rund 300 Milliarden Dollar. Die Hälfte der Einsparungen ginge an Leute, die im Jahr mehr als 350.000 Dollar verdienen.

"Die dramatische Verschuldung in den USA wird sich mit dem Konjunkturprogramm Bushs erhöhen", warnte Amato. Das Leistungsbilanzdefizit von fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes sei besorgniserregend hoch. Der Dollar verliere zusehends an Wert, die ausländischen Investoren würden in Zukunft verstärkt ihr Geld aus Amerika abziehen, glaubt der Stratege. Amato hält es indes nicht für ausgeschlossen, dass der Euro im Verhältnis zum Dollar bald auf 1,30 bis 1,40 ansteigen könnte.

"Noch zu viele Cheerleader für Aktien"

Vor diesem Hintergrund könne er den aus seiner Sicht in vielen US-TV-Kanälen verbreiteten Optimismus nicht teilen. "Wir sehen in den USA viel zu viele Cheerleader für die Aktie", sagte Amato. Auch wenn die Märkte mit Kriegsbeginn im Irak kurzfristig um zehn bis 20 Prozent steigen könnten, rechnet er mittelfristig mit weiter fallenden Kursen. "Die Wall Street hat noch mehr Abwärtspotential, und wir werden mit nach unten gehen", sagte Amato.

So hält der Aktienstratege es durchaus für möglich, dass der S&P 500 unter 780 Zähler fällt. Der Dow Jones könnte unter die Marke von 7200 Punkten rutschten, was vom gegenwärtigen Niveau aus noch mal ein satter Abschlag von zehn Prozent wäre. "Der Bärenmarkt ist nicht tot. Wir werden die Tiefs noch einmal unterschreiten".

DaimlerChrysler: Gerüchte um erhöhte Dividende

Unter erheblichen Druck stehen seit Wochen Finanz- und Technologiewerte. Allianz  und Münchener Rück  loten beinahe täglich neue Tiefs aus: Jedes neue Zittern am Markt ist bei den Versicherern, die große Aktienportfolios halten, besonders deutlich zu spüren.

Die Aktie von DaimlerChrysler  hatte am Mittwoch zeitweilig bei 25,65 Euro notiert: Gerüchte, der Konzern werde die Dividende auf zwei Euro verdoppeln, sorgten jedoch für eine leichte Erholung.

Ebenso wie die Allianz  testet die Aktie von DaimlerChrysler trotz der leichten Erholung allerdings ihre tiefsten Notierungen seit mehr als zehn Jahren. Seit Frühjahr 1998 verlor das DaimlerChrysler-Papier rund 75 Prozent an Wert. Viele Investoren haben die Papiere von DaimlerChrysler und Allianz leer verkauft: Steigen die Kurse jetzt an, müssen die Shortseller ihre offenen Positionen schließen. Auf diese Weise sorgen sie für einen weiteren Kursanstieg.

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