NS-Fonds Drei Milliarden für Zwangsarbeiter?

Am Dienstag berät Kanzler Schröder mit den Chefs der größten deutschen Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft will offenbar noch lebende NS-Opfer schnell entschädigen.

Bonn - Die deutsche Wirtschaft ist anscheinend bereit, NS-Zwangsarbeiter unabhängig von Nationalität und Religion schnell und umfassend zu entschädigen. Entsprechende Vorgespräche fanden am Wochenende zwischen Unternehmensführern und Kanzleramtsminister Bodo Hombach (SPD) statt. Das teilte das Bundespresseamt am Montag mit. Am Dienstag wird Bundeskanzler Gerhard Schröder mit den Vorstandsvorsitzenden der größten deutschen Konzerne zusammentreffen, um über eine Lösung zu beraten. Zu den Gesprächen werden Repräsentanten der Unternehmen Allianz, BASF, Bayer, BMW, Daimler-Chrysler, Degussa, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Hoechst, Krupp-Hoesch, Siemens und Volkswagen erwartet.

Mehrere Vorstandsmitglieder von Unternehmen hätten nach den geheimen Unterredungen am Wochenende übereinstimmend erklärt, daß bisher noch nicht über die Höhe der Entschädigungen gesprochen worden sei, berichtet die "Welt". Die Zeitung schreibt aber unter Berufung auf Experten, daß die Wiedergutmachungssumme mehr als drei Milliarden Mark betragen werde. Als wichtigstes Ziel sei bei dem Treffen im Kanzleramt vereinbart worden, daß der Versöhnungsfonds der deutschen Wirtschaft möglichst alle NS-Opfer "unabhängig von deren Religion und Nationalität" entschädigen solle - also nicht nur amerikanische und israelische Opfer, sondern auch alle noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter in Osteuropa, hieß es in mehreren Zeitungsmeldungen. Eine Lösung könne noch im Sommer erreicht werden.

Laut "Süddeutscher Zeitung" sollen die Zahlungen für die vermutlich bis zu 800.000 Betroffenen im Osten über die vier Aussöhnungs-Stiftungen abgewickelt werden, die zwischen 1991 und 1992 in Polen, Rußland, Weißrußland und der Ukraine gegründet wurden.

Der Rechtsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, rechnet mit 200.000 bis 300.000 noch lebenden Anspruchsberechtigten, die in Konzentrations- oder Industrielagern gelitten hätten. Sie müßten angemessen entschädigt werden. Allein die Schwere des Leids und eventuelle Bedürftigkeiten sollten Maßstab für die Entschädigung sein, nicht aber der heutige Wohnsitz oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ehemalige Kriegsgefangene schieden aber aus rechtlichen Gründen aus. Auch werde der Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft nicht denselben Betrag fordern können wie ein Häftling, der im KZ habe Sklavenarbeit leisten müssen.

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