Interview "Eine fremde und seltsame Welt"

Die Verurteilung des Bilanzfälschers Bodo Schnabel ist vor allem einer Frau zu verdanken - der Journalistin und Buchautorin Renate Daum, die den Comroad-Skandal aufdeckte. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam.
Von Clemens von Frentz

mm.de:

Frau Daum, Ihre Recherchen haben dazu geführt, dass die Bilanzfälschungen bei Comroad  aufgedeckt wurden. In dem Buch, das Sie nun über den Fall geschrieben haben, ist noch einmal nachzulesen, wie konsequent die Analysten und Wirtschaftsprüfer die falschen Zahlen jahrelang abgesegnet haben. Wann wurden Sie misstrauisch?

Daum: Misstrauisch geworden bin ich schon beim Börsengang im November 1999. Damals war es allerdings mehr eine Ahnung ohne konkrete Indizien. Gewissheit wurde daraus erst bei einem Besuch in Asien 2001.

mm.de: Weil Sie feststellten, dass die von Comroad angegebenen Adressen der angeblichen Geschäftspartner nicht existierten?

Daum: Ganz so kann man das nicht sagen. Die Adressen an sich gab es alle. Allerdings waren dort keine Geschäftspartner von Comroad zu finden. In einen Fall war es beispielsweise so, dass die Firma, die unter der angegebenen Adresse ihren Sitz hatte, tatsächlich schon einmal Geschäfte mit Comroad gemacht hatte. Allerdings war die Geschäftsbeziehungen schon längst wieder aufgegeben, um mit einem Konkurrenzunternehmen von Comroad zu arbeiten.

mm.de: Aber es gab doch auch Firmen, die auf Schnabels Liste standen, ohne je mit Comroad Geschäfte gemacht zu haben ...

Daum: So ist es. Mein Lieblingsbeispiel ist immer noch der Fall des Unternehmens-Präsidenten, der laut Schnabels Angaben Geschäftspartner von Comroad war. Im Gespräch mit ihm erfuhr ich, dass er Comroad gar nicht kannte und sein Geld in Wahrheit mit Kettensägen verdiente.

mm.de: Wie hat die Staatsanwaltschaft auf ihre Enthüllungen reagiert?

Daum: Erst mal gar nicht. Ich hatte schon im Juni 2001 in einem Artikel dargelegt, dass die testierten Zahlen nicht stimmen könnten. Für meine Begriffe waren sie viel zu hoch. Eigentlich hätte ich erwartet, dass die Staatsanwaltschaft das interessieren würde, aber das war nicht der Fall. Einige Zeit später habe ich noch mal nachgelegt und geschrieben, dass vermutlich maximal zehn Prozent des angegebenen Asien-Umsatzes erwirtschaftet wurden.

mm.de: Wie war die Reaktion der Justizbehörden?

Daum: Auch das hat nicht gereicht. Selbst unser Hinweis im Januar 2002, dass Schnabel offensichtlich eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte und die Zahlen sowohl für 2000 als auch für 2001 falsch sind, blieb erst mal ohne Konsequenzen auf Seiten der Justizbehörden.

Das Verhalten der Behörden

mm.de: Standen Sie damals schon in Kontakt mit der Staatsanwaltschaft?

Daum: Ich habe die Staatsanwaltschaft regelmäßig angerufen, um zu fragen, ob sie bereits ermittelt, denn die Delikte, die bei Comroad zu vermuten waren, sind ja so genannte Offizial-Delikte. Bei diesen Anfragen habe ich immer wieder die Auskunft bekommen: Es liegt nichts vor, wir ermitteln nicht.

Selbst im Januar 2002, als die Hinweise immer deutlicher wurden, hat die Staatsanwaltschaft unverändert erklärt, dass kein hinreichender Tatverdacht vorliege. Das ist schon kurios, wenn man sich daran erinnert, dass Bodo Schnabel am Ende sieben Jahre Haft bekommen hat.

mm.de: Hatten Sie zu Bodo Schnabel selbst auch Kontakt?

Daum: Anfangs schon. Wir haben uns im November 1999 getroffen zu einem Interview, nachdem ich vorher bereits kritisch berichtet hatte. Das gefiel ihm natürlich gar nicht. Anschließend hat er sich nie mehr mit mir getroffen, sondern nur noch über E-Mail mit mir kommuniziert. Das allerdings auch nur bis Mai 2001. Dann brach der Kontakt ab. Bis jetzt. Jetzt redet er wieder mit mir.

mm.de: Welchen Eindruck hatten Sie damals von Bodo Schnabel?

Daum: Er wirkte wie ein echter Macher und gleichzeitig kumpelhaft, "Down to Earth", wie man in der New Economy so schön sagt. Einer, der alle mitreißt. Bei seinen Mitarbeitern war er sehr beliebt. Und vor allem: Ganz seltsam, er hatte eine ungeheure Überzeugungskraft, auf alle Leute, offenbar auch auf die Analysten.

mm.de: Wie sind denn die Analysten und die Banken mit Ihnen umgegangen, als Sie das Thema Comroad untersucht haben?

Daum: Die haben mich gar nicht an sich rangelassen. Es war schon sehr schwierig, überhaupt mit denen zu reden. Sie haben rundweg geleugnet, dass Betrug im Spiel sein könnte. Das galt auch für Concord Effekten , die Emissionsbank. Man wollte von diesen Verdachtsmomenten nichts wissen. Es war einfach unglaublich.

mm.de: Galt das tatsächlich für alle Analysten? Einige müssen doch etwas gemerkt haben, jedenfalls die Experten der großen Banken.

Daum: Nun, anfangs haben sich die großen Banken für Comroad gar nicht interessiert, weil die viel zu klein waren. Erst als die Marktkapitalisierung immer höher wurde, kam auch das Interesse. Da gab es dann auch einige Analysten, die den Verdacht entwickelt haben, dass da was nicht stimmen konnte.

mm.de: Diese Analysten haben aber offenbar nicht die Öffentlichkeit informiert?

Daum: Richtig. Es wurde nicht die breite Öffentlichkeit informiert, wohl aber die so genannten guten Kunden. Auf diesen Umstand bin ich nur deswegen gestoßen, weil der Kurs der Aktie irgendwann signifikant schwächer wurde, obwohl es aus dem Hause Comroad immer nur gute Nachrichten gab.

Ich bin der Sache dann nachgegangen und habe tatsächlich einen Analysten gefunden, der misstrauisch geworden war und seinen Kunden einen Hinweis gegeben hatte. Die haben dann offensichtlich verkauft. Die erste offizielle Verkaufsempfehlung gab es allerdings erst im Sommer 2001.

Ein Besuch im Gefängnis

mm.de: War das der Auslöser für die Behörden, sich das Unternehmen einmal näher anzusehen?

Daum: Nicht ganz. Das dauert noch einige Monate. Mitte Februar 2002, einige Tage nach einem neuen Artikel von mir, kam plötzlich die Nachricht, dass die Wirtschaftsprüfer-Gesellschaft KPMG ihr Mandat fristlos gekündigt hatte.

Erst danach hat die Staatsanwaltschaft mit Ermittlungen begonnen, allerdings erst, nachdem eine anonyme Anzeige gegen Comroad  eingegangen war. Diese Strafanzeige ging, soweit ich weiß, an die hessische Börsenaufsicht. Die hat sich eingehend mit der Sache befasst, eine Akte dazu angelegt und diese an die Staatsanwaltschaft geschickt.

mm.de: Das Ergebnis ist bekannt. Schnabel wurde angeklagt und am 21. November zu sieben Jahren Haft verurteilt. Seine Frau, die im Aufsichtsrat gesessen hatte, bekam zwei Jahre auf Bewährung. Haben Sie danach noch einmal mit Schnabel gesprochen?

Daum: Ja, drei Tage nach der Urteilsverkündung. Ich habe ihn im Gefängnis besucht.

mm.de: Wie muss man sich das bildlich vorstellen? Saß Schnabel Ihnen in gestreifter Häftlingskleidung gegenüber?

Daum: Das nicht. Er trug ein schwarzes Comroad-Polohemd.

mm.de: Über was wurde gesprochen?

Daum: Schnabel kam noch einmal auf die angeblichen Geschäftspartner in Hongkong zu sprechen und versuchte mir glaubhaft zu machen, dass diese Geschäftspartner existiert hätten.

mm.de: Damit wir uns richtig verstehen: Wir reden also von den Geschäftspartnern, deren Nicht-Existenz Schnabel zwischenzeitlich eingestanden hatte?

Daum: Genau. Insofern war ich natürlich erstaunt und habe Herrn Schnabel an sein umfassendes Geständnis erinnert. Daraufhin sagte er mir, zu diesem Geständnis sei er gezwungen worden. Man habe ihn damit erpresst, dass die Bewährungsstrafe seiner Frau in Gefahr gerate, wenn er nicht gestehe. Nur deswegen habe er diese Aussage gemacht.

mm.de: Ist der Mann einfach nur gerissen wie kein zweiter, oder glaubt er das, was er erzählt?

Daum: Nach meiner Einschätzung letzteres. Deswegen ist es ihm wohl auch gelungen, seine Erfolgsstorys so glaubhaft zu verkaufen. Er lebt in seiner eigenen Welt - einer fremden und seltsamen Welt. Daran hat der Prozess wohl nichts geändert. Im Übrigen fühlt er sich ungerecht behandelt und glaubt, man habe an ihm ein Exempel statuieren wollen.


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