Interview "Wer anständig lebt, gilt als Depp"

Seit Jahren vergeht kaum ein Tag ohne neue Wirtschaftsskandale. Der Neue Markt ist ruiniert, die New Economy gescheitert, das US-Wirtschaftswunder gründlich entzaubert. In seinem neuen Buch "Die Ego-AG" analysiert Günter Ogger die Gründe für diese Entwicklung.
Von Clemens von Frentz

mm.de:

Herr Ogger, das Börsenjahr 2002 ist überstanden, aber kaum hat das neue Jahr begonnen, hört man schon wieder neue Schreckensmeldungen über Insolvenzen, Börsenskandale und weitere Bankenprobleme. Dabei hatten die meisten Anleger doch gehofft, dass nun endlich alles besser wird. Waren die Hoffnungen verfrüht?

Ogger: Das ist zu befürchten. Ich bin überzeugt, dass wir im Jahr 2003 noch mehr von solchen Finanzskandalen hören werden. Kürzlich sprach ich mit einem Wirtschaftsprüfer aus München, der das ganz ähnlich sieht. Nach seiner Einschätzung haben etliche Firmen in ihrer Bilanz immer noch Vermögenswerte, die eigentlich längst als wertlos abgeschrieben worden sein müssten. Da ist mit einer Menge weiterer Skandale zu rechnen.

mm.de: Mit skandalösen Verhältnissen im deutschen Wirtschaftsleben befassen Sie sich auch in Ihrem neuen Buch "Die Ego-AG". Nach der Lektüre hat man den Eindruck, man wird als normaler Mensch, als Anleger und als Verbraucher, als Angestellter und Selbständiger, immer wieder betrogen und belogen. Eine Zustandsbeschreibung, die deprimiert ...

Ogger: ... und wütend macht. Wenn man sich mit den herrschenden Verhältnissen im Detail auseinandersetzt, überkommt einen ein heiliger Zorn. Der Verfall der Sitten, der sich da offenbart, ist erschreckend.

mm.de: Was ist Ihrer Ansicht nach die Ursache für diese Entwicklung?

Ogger: Ursachen gibt es gleich mehrere, und zwar sowohl im gesellschaftlichen als auch im ökonomischen sowie im juristischen Bereich. Als wichtigste Ursache sehe ich den Umstand, dass hierzulande Wirtschaftsverbrechen zu wenig geahndet werden. Es wird nicht hart genug durchgegriffen, deswegen fehlt es an abschreckenden Urteilen.

Der zweite wichtige Aspekt ist psychologischer Natur. Er hat zu tun mit dem Verlust der Werte, der immer wieder beklagt wird. Es gibt doch heutzutage keine tragende Idee mehr, die über das nackte Geldverdienen hinausgeht. Das Christentum hat abgewirtschaftet, die Kirchen sind - anders als früher - keine moralische Autorität mehr, und es gibt keine allgemein verbindliche Instanz, die diese Lücke füllen könnte.

Weder Politiker noch Unternehmer werden ihrer Vorbildfunktion gerecht. Stattdessen orientiert man sich vor allem am eigenen Vorteil und daran, was die anderen machen. Es ist ähnlich wie auf der Autobahn: Sobald einer anfängt zu drängeln und rechts zu überholen, machen es alle anderen nach. Dieser Drang, sich durchzusetzen, wirkt sich verhängnisvoll aus, wenn er nicht gebremst oder kanalisiert wird.

Egoismus und Raffgier

mm.de: Ist dieses Phänomen denn wirklich neu? Egoismus und Raffgier machten doch schon den alten Römern zu schaffen ...

Ogger: Das ist richtig, egoistisches Verhalten gab es schon immer. Früher allerdings war es einigen wenigen vorbehalten - denjenigen, die sich dieses Privileg leisten konnten. Heute ist es eine Massenveranstaltung geworden.

In gewisser Weise hat das auch mit den allgegenwärtigen Medien zu tun, die dafür sorgen, dass jeder alles mitkriegt. Das führt schnell zu Nachahmungseffekten. Auch die Politik darf man nicht vergessen, deren Vertreter sich oft genug ohne Skrupel die Taschen voll stopfen und anschließend alles aussitzen. Gewählt ist gewählt ...

Dazu kommt der soziale Neid. Es läuft nach dem Motto: Wenn es die anderen machen, macht man es selber eben auch. Wer sich anders verhält und anständig lebt, gilt als Einfaltspinsel und hoffnungsloser Depp.

mm.de: Also ein Werteverfall auf ganzer Linie?

Ogger: Auf ganzer Linie kann man vielleicht nicht sagen, denn es gibt auch noch positive Ausnahmen, selbst in der hohen Wirtschaft. Denken Sie an Jürgen Weber, den Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa . Bevor er seinen Mitarbeitern Gehaltskürzungen zumutete, hat er seine Vorstandskollegen gezwungen, auf zehn Prozent der Bezüge zu verzichten.

Mit so einem Verhalten ist ein Topmanager mittlerweile aber schon ein Exot. Wer heute noch oben kommen will, muss sich in erster Linie anpassen. Deswegen sitzen ja in den Führungsetagen fast nur noch Opportunisten. Was will man von denen an Werten vermittelt bekommen?

mm.de: Das Problem liegt also vor allem darin, dass den Menschen positive Identifikationsmöglichkeiten fehlen?

Ogger: Das ist eines der Hauptprobleme. Man muss einfach feststellen, dass die Menschen sich heute an ganz anderen Werten und Vorbildern orientieren. Gerade in den Zeiten des Aktienbooms haben Figuren wie Thomas Haffa von EM.TV  und andere Börsengewinnler einen ungeheuren Motivationsschub ausgelöst.

Das waren plötzlich Idole. Man las mit Staunen, dass ein ehemaliger Schreibmaschinen-Verkäufer nach wenigen Jahren ein Milliarden-Vermögen auf dem Konto hatte, und das machte auf viele Leute so großen Eindruck, dass sie gar nicht mehr danach fragten, wie dieser Reichtum erwirtschaftet wurde.

Naivität und Isolation

mm.de: Wenn dem so wäre, müsste man diesen Menschen allerdings eine erschreckende Naivität bescheinigen ...

Ogger: Diese Naivität gibt es auch. Immer mehr Menschen sind vereinsamt und sozial isoliert, gerade in der Großstadt. Da suchen sich viele eine Ersatzwelt und entsprechende Identifikationsfiguren in den Medien. Deswegen verkaufen sich die Yellow-Press-Blätter ja so gut.

mm.de: Wenn die Ursachen des Desasters vor allem psychologischer und sozialer Natur sind, stellt sich doch die Frage, was der Staat überhaupt noch unternehmen kann, um seine Bürger in ihrem mitunter kriminellen Tun zu bremsen. Brauchen wir mehr Lenkung durch den Staat, um wieder saubere Verhältnisse in der Wirtschaft bekommen?

Ogger: Ich habe kürzlich noch mit einem Oberstaatsanwalt gesprochen, der - wie viele seiner Kollegen - der Ansicht ist, dass der Staat eigentlich im ausreichenden Maß für entsprechende Gesetze gesorgt hat. Sie werden nur nicht konsequent genug angewendet. Was fehlt, ist mehr qualifiziertes Personal bei der Justiz und Geld.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass alle Staatsanwälte den Justizministern unterstellt sind. Das kann im einen oder anderen Fall für die konsequente Verfolgung von Wirtschaftsgangstern ziemlich hinderlich sein. Was wir brauchen, ist die Befreiung der Justiz von politischen Einflüssen und eine bessere Ausstattung der zuständigen Behörden.

mm.de: Vor allem der letzte Punkt ist nach Einschätzung vieler Experten ja das größere Problem. Oft wird beanstandet, dass Ermittler und Richter eklatante Wissens- und Erfahrungsdefizite im Bereich der Wirtschaftskriminalität haben.

Ogger: Dieser Eindruck drängt sich auf. Was auf jeden Fall fehlt, ist ein ausreichendes Gesetzeswerk zum Schutz vor Anlagebetrug. Und das ist kein Zufall. Der Staat hat zwar immer darauf geachtet, dass seine eigenen Interessen gewahrt wurden. Also hat er beispielsweise etliche tausend Steuervorschriften erlassen, die knallhart angewendet werden. Da gibt es kein Pardon.

Der Anleger bleibt auf der Strecke

mm.de: Ähnlich konsequent setzt sich der Staat aber doch auch für den Anlegerschutz ein, wenn man den offiziellen Verlautbarungen glaubt.

Ogger: Der Schutz des Anlegers interessiert den Staat offenbar kaum. Das jüngste Beispiel Comroad  zeigt das sehr schön.

Der Freistaat Bayern hatte bei der Familie des jetzt verurteilten Ex-Chefs Bodo Schnabel rund 20 Millionen Euro sichergestellt. Diese Summe wird allerdings nicht dazu eingesetzt, die geprellten Anleger zu entschädigen, sondern sie wird von den Behörden einkassiert. Das ist ein Unding - und ein schlechtes Signal für den Bürger, der sich ja vom Staat ohnehin oft genug betrogen fühlen muss.

mm.de: Können Sie sich angesichts dieser Verhältnisse vorstellen, dass es in absehbarer Zeit doch noch eine Entwicklung in die Gegenrichtung gibt, damit das Vertrauen in die Wirtschaft und die Börse wiederhergestellt werden kann?

Ogger: Das hoffe ich, denn die Krise unseres Aktienmarktes ist ja in erster Linie eine Vertrauenskrise. Allerdings deutet momentan wenig darauf hin, dass wir einen radikalen Kurswechsel erleben werden. Dieser Prozess, wenn er denn stattfindet, wird eine sehr langer und mühsamer.

Der Anstoß dazu wird im Zweifelsfall von den Banken und Emittenten kommen, denn sie sind es ja, die das Geld der Anleger haben wollen. Lange Zeit hat das auch prima geklappt - bis der Absturz am Neuen Markt kam und das Vertrauen der Anleger erst mal futsch war. Wenn sie keine umfassenden Reformen einleiten, bricht ihnen die wichtigste Säule ihres Geschäftsmodells zusammen. Dann können sie den Laden dichtmachen.

Günter Ogger: Warum die Sicherungssysteme versagen Günter Ogger: Die Bilanzfälscher Günter Ogger: Das virtuelle US-Wirtschaftswunder Literatur: Die Bücherseite von manager-magazin.de Bücher: Die Bestseller-Liste von manager magazin

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.