Günter Ogger Warum die Sicherungssysteme versagen

In diesem Kapitel seines Buches "Die Ego-AG" befasst Günter Ogger sich mit dem Gebaren der Banken. manager-magazin.de präsentiert den Text mit freundlicher Genehmigung des Autoren.

Obwohl Banken gegen innere und äußere Feinde besser geschützt sind als alle anderen Unternehmen, werden sie zunehmend zu einem Risikofaktor für die Volkswirtschaft. Wenn die Leute an der Spitze eines Geldhauses krumme Geschäfte machen, versagen sämtliche Sicherheitssysteme.

Zwar kann in einer Bank kein einzelner Cent das Haus unkontrolliert verlassen, aber ein paar hundert Millionen Euro sind schnell verschwunden, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Der Fall AIB

691 Millionen Dollar vergeigte der Devisenhändler John Rusnak aus Baltimore in der US-Filiale der Allied Irish Banks (AIB). Drei Jahre lang merkte die in Dublin beheimatete größte irische Bank nicht, dass da einer ihrer Angestellten ein großes Rad an den Devisenmärkten drehte und dabei immer tiefer in die Verlustzone geriet.

Wo das Geld geblieben ist, wissen die irischen Bankbosse offenbar bis heute nicht so ganz genau. Klar ist nur, dass Rusnak seine verlustreichen Geschäfte mit mindestens fünf Großbanken machte, darunter auch die Deutsche Bank.

Hier dürfte der größte Teil jener Dollars angekommen sein, die die Iren-Bank als Verluste abschreiben musste. Selbstverständlich sprachen sich die ranghöchsten Bosse von jeder Schuld frei und ließen dafür ein paar ihrer Untergebenen für den sechstgrößten Bankbetrug der Nachkriegszeit büßen.

Der Fall Depfa

Der Fall Depfa

Wegen dubioser Kreditgeschäfte mit dem Mannheimer Baulöwen Wilfried Gaul (Wesbau Baubetreuungs-GmbH) erhielt die Deutsche Pfandbriefbank (Depfa) in Wiesbaden im Dezember 2000 Besuch vom Staatsanwalt. Das in der Branche angesehene Institut hatte dem Mannheimer Unternehmer im Jahr 1991 einen Kredit über 104,5 Millionen Mark zum Bau eines Bürohauses in Frankfurt bewilligt.

Das Objekt erwies sich jedoch als schwer vermietbar, und dem Unternehmer ging das Geld aus. Ein scheinbar normales Bankrisiko also. Was die Staatsanwälte auf den Plan rief, war die besondere Fürsorge des Depfa-Vorstands für Gaul, der sich 1996 für zahlungsunfähig erklärte.

Erregte schon die schiere Höhe des Kredits für einen mittelständischen Bauunternehmer Verdacht, so schien der sich durch den Fortgang der Geschäftsbeziehung zwischen Bank und Kreditkunde zu bestätigen.

Denn anstatt den Kredit fällig zu stellen, wie es üblich ist, wenn ein Kunde in Zahlungsverzug gerät, gewährte die Bank dem säumigen Schuldner ein neues Darlehen über knapp sechs Millionen Mark, und schließlich half sie ihm ganz aus der Patsche, indem die Depfa-Tochter GEV die leer stehende Immobilie, deren Verkehrswert auf gut 70 Millionen Mark geschätzt wurde, für stolze 108,3 Millionen ankaufte.

Da die GEV-Manager den überhöhten Preis nicht aus ihrer Kasse zahlen wollten, erhielten sie von der Mutterbank einen "Kaufpreiszuschuss" über 30,5 Millionen Mark.

Immobiliengeschäfte hatten der Wiesbadener Bank schon mehrfach Verluste eingetragen - so beim Kauf der Interhotels in der ehemaligen DDR wie bei der Finanzierung des Großpleitiers Jürgen Schneider. Vorstandschef Tilo Köpfler, privat in wenig erfolgreiche Geschäfte mit dem zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Großbetrüger Karl Fütterer verwickelt, kam im Gegensatz zu seiner Bank ungeschoren davon und wechselte vom Vorstand in den Aufsichtsrat des mittlerweile in zwei Banken aufgeteilten Instituts.

Der Fall Bayerische Landesbank

Der Fall Bayerische Landesbank

Großzügig ging auch das halbstaatliche Institut, dessen Kreditausschuss zur Hälfte aus Ministern und Staatssekretären besteht, mit dem Geld der Steuerzahler um.

Erst mussten die Landesbanker ihren Expansionsdrang nach Südostasien mit einem Verlust von 400 Millionen Euro bezahlen, der entstanden war, weil ein paar Angestellte in der Filiale Singapur gemeinsame Sache mit Kreditbetrügern machten, dann retteten sie auf Geheiß von Landesvater Edmund Stoiber die mit 270 Millionen Euro überschuldete Wohnungsgesellschaft LWS vor dem Bankrott, und schließlich warfen sie dem längst hoch überschuldeten Medienmogul Leo Kirch zwei Milliarden Euro Kredite in den Rachen und ließen sich dafür mit höchst dürftigen Sicherheiten abspeisen.

Da fielen die 80 Millionen, die sie beim Kauf der kroatischen Rijeka-Bank in den Sand setzten, kaum mehr ins Gewicht. Niemand wurde bis heute für die beispiellose Geldvernichtung zur Verantwortung gezogen, auch wenn die Staatsanwälte bereits das Büro des Bankchefs Alfred Lehner durchsuchen durften.

Der Fall WestLB

Der Fall WestLB

Auf etwa 200 Millionen Dollar taxieren Fachleute die Summe, die die Westdeutsche Landesbank an den indischen Großbetrüger Virendra Rastogi und seine Firmengruppe RBG Resources und Allied Deals verlor.

Der in London ansässige Geschäftsmann, angeblich einer der reichsten Menschen auf der britischen Insel, hatte sich offenbar mit gefälschten Dokumenten bei Banken in der ganzen Welt Kredite für Metallhandelsgeschäfte erschlichen, die lediglich auf dem Papier stattfanden. Inwieweit einzelne Banker davon profitierten, ist noch nicht geklärt.

Der Fall Sparkasse Tettenheim-Schindlar

Der Fall Sparkasse Tettenheim-Schindlar

Um rund 593 Millionen Mark erleichterte der ehemalige Vorsitzende des Vorstandes das kleine Institut in der Nähe von Passau, ehe man ihm auf die Schliche kam. Anton Lorenz wurde der Untreue in 85 Fällen überführt und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Fall Schmidt-Bank

Der Fall Schmidt-Bank

Als die in fünfter Generation geführte Privatbank im fränkischen Hof am 19. November 2001 praktisch zahlungsunfähig war und von vier Großbanken unter der Beteiligung der Bayerischen Landesbank übernommen wurde, galt der gesundheitlich angeschlagene Inhaber Karl Gerhardt Schmidt noch als ein Ehrenmann, dem man allenfalls vorwerfen konnte, er habe zu leichtgläubig Kredite an die mittelständischen Unternehmer in der strukturschwachen Region vergeben.

Doch bald kamen Zweifel auf am Geschäftsgebaren des Ex-Bankiers, der nicht nur private Rückschläge (Unfalltod seines ältesten Sohnes) verkraften musste, sondern praktisch sein ganzes Vermögen verlor.

Seit einiger Zeit ermitteln Staatsanwälte in Sachen Bilanzfälschung, Kapitalanlagebetrug und Konkursverschleppung. Um Wertberichtigungen auszugleichen, die durch Kreditausfälle notwendig geworden waren, soll Schmidt im Dezember 2000 Aktien der Tochtergesellschaft Consors zum Schein an eine andere Bank verkauft und den dabei anfallenden Buchgewinn seinen Einnahmen gutgeschrieben haben, obwohl er die Aktien später wieder zurückkaufen musste und deshalb eigentlich gar keinen Gewinn erzielt hatte.

Verübelt wird dem gestrauchelten Banker aber auch, dass er noch im Lauf des Jahres 2001, als ihm die Überschuldung seines Instituts längst klar gewesen sein muss, Aktien, Kapitalzertifikate und Genussscheine im Gesamtwert von mehr als 70 Millionen Euro an gutgläubige Kunden verkaufte, die nach der Pleite der Schmidt-Bank den größten Teil ihrer Einsätze abschreiben mussten.

Der Fall Sparkasse Mannheim

Der Fall Sparkasse Mannheim

Rund eine Milliarde Mark verschwanden im Laufe der Jahre bei diesem öffentlichrechtlichen Institut, das inzwischen, nach dem Zusammenschluss mit der Sparkasse Weinheim, als "Sparkasse Rhein-Neckar Nord" firmiert. Auch hier führten Kredite, die an Bauträger, oft unter seltsamen Umständen, vergeben wurden, zu hohen Verlusten.

So erhielt der Baulöwe Rolf Ramsteiner für das Speyrer Hotel Binshof & Ressorts in mehreren Raten Kredite von mehr als 110 Millionen Mark, die zum Teil über Strohmänner vergeben wurden, weil der Kreditausschuss Einwände gegen eine weitere Finanzierung des unrentablen Projekts erhoben hatte.

Am Ende musste die großzügig finanzierte Immobilie zwangsversteigert werden, für bescheidene 16,8 Millionen Mark. Der Prozess gegen die Pleitebanker aber endete mit drei Freisprüchen und nur einer Verurteilung. Der ehemalige Kreditvorstand Fridolin Hörner musste den Kopf hinhalten für die verlustreichen Geschäfte der Sparkasse, doch auch er kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Richter Joachim Plass großzügig: "Die Kammer hat bei allen Angeklagten keine ausreichenden Indizien für eine billigende Inkaufnahme von großen Risiken erkennen können." Schöner kann man das Verschwinden von einer runden Milliarde kaum entschuldigen.

Der Fall HSBC Republic

Der Fall HSBC Republic

Auf Promis wie Formel-1-Champion Michael Schumacher, den Rallyefahrer Armin Schwarz oder die französische Chansonettte Liane Foley hatte es ein Vermögensverwalter bei der monegassischen Filiale der britischen Großbank HSBC abgesehen.

Von deren Konten zweigte er im Lauf der Zeit rund 23 Millionen Euro für sich selbst ab, um seinen Lebensstil dem der Kunden anzupassen. So legte er sich mit dem unterschlagenen Geld zwei Villen und teure Autos zu, ehe ihm die Revision auf die Schliche kam.

Fazit

Ob fränkische Provinzbank, badische Sparkasse oder internationale Hochfinanz - in der Geldbranche ist, so scheint es, die Betrüger-Ökonomie allgegenwärtig. Banken, die ihren Kunden erst zur Steuerflucht raten und dabei auch noch kräftig mithelfen, aber ihre Hände schnell in Unschuld waschen, wenn es brenzlig wird, haben jeden Kredit verspielt.

Banken, die ihren Kunden erst die windigsten Aktien aufschwatzen und sie, nachdem die Kurse abstürzten, im Regen stehen lassen, verdienen Missachtung. Da sie ihren Vorsprung an Wissen und Erfahrung dazu gebrauchen, Kredit- wie Anlage-Kunden über den Tisch zu ziehen, darf man ihnen schlicht keine Gelegenheit mehr dazu geben.

Günter Ogger: Die Bilanzfälscher Günter Ogger: Das virtuelle US-Wirtschaftswunder Interview: Günter Ogger über die "Ego-AG"

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.