Günter Ogger Die Bilanzfälscher

Das Ausmaß der Manipulationen bei Enron und Worldcom schockierte die Welt. In seinem Buch "Die Ego-AG" beschreibt Günter Ogger, wie es zu diesen Skandalen kommen konnte. manager-magazin.de präsentiert den Text mit freundlicher Genehmigung des Autoren.

Die schlimmste Krise des Kapitalismus seit dem "Schwarzen Freitag" von 1929 begann an einem Novembertag des Jahres 2001. Aus ihrem Fenster beobachtete Maureen Castaneda ein seltsames Treiben im Büro gegenüber. Männer schleppten Kisten heran, zerrten jede Menge Papier heraus und stopften es eilig in die Aktenvernichter.

Weil ihr das Ganze merkwürdig vorkam, schlich sie sich nach Dienstschluss hinüber, stellte eine Kiste mit den geschredderten Papierschnipseln sicher und brachte sie zu einer Anwaltskanzlei.

Ihr Misstrauen war nicht grundlos, denn seit einigen Wochen liefen böse Gerüchte um in der Hauptverwaltung des texanischen Energiekonzerns, bei dem sie beschäftigt war. Am 16. Oktober hatte das Unternehmen nach Jahren unaufhörlichen Erfolgs erstmals einen Verlust bekannt gegeben: 638 Millionen Dollar fürs dritte Quartal.

Die roten Zahlen standen, so meldete der Flurfunk, im Zusammenhang mit einer Übernahmeofferte des - inzwischen wieder abgesprungenen - Konkurrenten Dynegy . Offenbar hatten die Kaufinteressenten rechtzeitig entdeckt, dass es mit Enron  nicht zum Besten stand.

Wie schlecht es um den sechstgrößten US-Konzern wirklich bestellt war, bekamen die Angestellten erst einige Tage später mit. Am 2. Dezember beantragte der Energielieferant, der 20000 Mitarbeiter beschäftigte und 100 Milliarden Dollar umsetzte, Gläubigerschutz nach Paragraph 11. Enron war pleite, 4500 Mitarbeiter wurden sofort entlassen, die anderen bangten um ihre Jobs.

An den Finanzmärkten lösten die Schockwellen aus dem texanischen Houston ein nachhaltiges Beben aus. Enron wurde zum Symbol für die Verderbtheit des westlichen Wirtschaftssystems. Der Zusammenbruch des Energielieferanten, der mit Strom, Gas, Wasser, Mikrochips und sogar mit Wertpapieren handelte, gab den Blick frei auf ein gigantisches Lügengebäude.

Statt gewaltiger Vermögenswerte besaß das seit seiner Gründung im Jahr 1985 stürmisch gewachsene Unternehmen vor allem Schulden, statt hoher Gewinne hatte es seit Jahren immer nur Verluste gemacht. Die Enron-Bilanz war von A bis Z gefälscht, und die von Maureen Castaneda beobachtete Aktenvernichtung diente dem Zweck, Beweise verschwinden zu lassen. David Duncan, Partner von Arthur Andersen, der fünftgrößten Wirtschaftsprüfergesellschaft der Welt, soll den Befehl zum Shreddern gegeben haben.

"Enronitis" und andere Seuchen

Wenn schon ein Riesenkonzern wie Enron die Bilanzen fälschte und renommierte Wirtschaftsprüfer dies nicht nur zuließen, sondern sogar noch förderten - wem, fragten sich verwundert die Anleger in der ganzen Welt, ist dann noch zu trauen in "Corporate America"?

Binnen weniger Tage verloren die Enron-Aktionäre 60 Milliarden Dollar, und beim TV-Sender ABC erzählte der Pipeline-Arbeiter Charles Prestwood, seit Oktober im Ruhestand, wie sich seine in Enron-Aktien angelegten Ersparnisse von 1,2 Millionen Dollar verflüchtigt und er seine ganze Rente eingebüßt hatte.

Die Empörung der um ihre Altersbezüge geprellten Enron-Angestellten schlug um in offenen Hass, als sich herausstellte, dass die Manager des Konzerns kurz vor der Pleite noch Vermögenswerte von über einer Milliarde Dollar beiseite geschafft hatten. Den - inzwischen zurückgetretenen - Konzernboss Kenneth Lay und seinen Finanzchef Andrew Fastow erreichten Morddrohungen, Vizepräsident Clifford Baxter wurde erschossen in seinem Auto aufgefunden.

Wie eine gefährliche Seuche infizierte die "Enronitis" nach und nach die ganze Welt. Im Weißen Haus musste sich Präsident George W. Bush gegen den Vorwurf verteidigen, er habe die Börsenaufsichtsbehörde SEC absichtlich geschwächt, um seinem Duzfreund "Kenny" Lay einen Gefallen zu erweisen.

Der gestürzte Enron-Chef zählte erwiesenermaßen zu den wichtigsten Finanziers des Bush-Wahlkampfs. Arthur Andersen büßte die Shredderaktion in Houston mit dem Untergang. In den USA verlor die weltumspannende Prüfergesellschaft die Lizenz.

Einige der größten Banken der Welt gerieten unversehens in den Verdacht, Helferdienste für Kenneth Lay und seine Räuberbarone geleistet zu haben. Die City-Group, Nummer eins der Finanzbranche, gab Enron Kredite über 4,8 Milliarden Dollar, die dort aber nicht als Schulden, sondern als Zahlungen an Energielieferanten verbucht wurden.

J. P. Morgan Chase war mit 3,7 Milliarden, CSFB und Deutsche Alex Brown, Töchter europäischer Großbanken, waren mit weiteren Großkrediten dabei. Ohne die Mitwirkung der Banker an den kunstvollen Transaktionen wäre der Schwindel kaum möglich gewesen, vermutet Carl Levin, Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses des US-Senats, und schaltete die Justizbehörden ein.

Die Ermittlungen ergaben, dass Enron nicht nur Mitarbeiter, Aktionäre und Banken betrogen, sondern auch noch den Bundesstaat Kalifornien im Jahr 2001 in eine bedrohliche Energiekrise gestürzt hatte. Um die gesetzlich vorgeschriebenen Höchstpreise für Strom auszuhebeln, erzeugte der texanische Konzern einen künstlichen Energiestau, in dem er den für Kalifornien bestimmten Strom erst woanders hin exportierte, um ihn dann zu höheren Preisen zurückzukaufen.

Der Worldcom-Skandal

Die so genannte "Megawatt-Wäsche" funktionierte so gut, dass sich die Stromrechnungen der Kalifornier binnen kurzer Zeit vervierfachten und der Bundesstaat zusätzliche 40 Millionen Dollar ausgeben musste, um der Krise Herr zu werden.

Enron, das wurde schnell klar, war kein Einzelfall. Alarmiert von den Hiobsbotschaften aus Houston, gruben sich Analysten und Investoren tiefer in die Bilanzen anderer US-Konzerne hinein, und was sie zutage förderten, trieb ihnen nicht selten das blanke Entsetzen in die Augen. Als ein Vierteljahr nach Kenneth Lays Rücktritt mit "Bernie" Ebbers ein zweiter, von der Wall Street lange Zeit hofierter Megamanager das Handtuch warf, begannen sie sich mit Worldcom zu beschäftigen.

Binnen weniger Jahre hatte der Kanadier Ebbers das 1983 gegründete Unternehmen aus Clinton im Bundesstaat Mississippi durch permanente Zukäufe zur zweitgrößten US- Telefongesellschaft gemacht, gleich nach dem Marktführer AT & T. Kurz bevor der raubeinige, meist in Cowboystiefeln herumlaufende Hobbyfarmer abmusterte, ließ er sich von seiner anscheinend kerngesunden Firma noch schnell einen Kredit über 340 Millionen Dollar einräumen.

In der Worldcom-Bilanz standen Aktiva von sagenhaften 103 Milliarden Dollar zu Buche. Das Geschäftsjahr 2001 hatte 1,4 Milliarden Dollar Gewinn gebracht, und fürs erste Quartal 2002 meldete die Telefongesellschaft immerhin noch 130 Millionen verdienter Dollar. Kaum aber hatte Ebbers-Nachfolger John Sidgmore einen Blick in die Bücher seiner Gesellschaft getan, war Schluss mit lustig.

Anfang Juni gab Worldcom "Fehlbuchungen" von 3,8 Milliarden bekannt, zwei Monate später wurden weitere 3,3 Milliarden in einem so genannten "Regentagefonds" der Gesellschaft entdeckt. Der zuvor so solide aussehende Telekomkonzern, über dessen Leitungen gut die Hälfte des weltweiten Internetverkehrs abgewickelt wurden, entpuppte sich als Pleitefall von weit größeren Dimensionen als Enron.

Die mit 103 Milliarden Dollar zu Buche stehenden Vermögenswerte würden bei einem Verkauf gerade mal acht Milliarden einbringen, rechnete das "Wall Street Journal" vor; der auf dem zahlungsunfähigen Konzern lastende Schuldenberg wog aber 41 Milliarden.

Bei ihren Betrügereien waren die Worldcom-Manager noch dreister vorgegangen als die Kollegen aus Texas. "Line Costs", also Gebühren, die an lokale Endkundenversorger zu zahlen waren, hatten die kreativen Buchhalter um Finanzchef Scott Sullivan und Controller David Meyers einfach als "Investitionen" verbucht, obwohl sie keineswegs zu einem Vermögenszuwachs führten.

Und wieder ruhte der Segen von Arthur Andersen auf dem Gesamtkunstwerk. Hatten die Prüfer bei Enron 25 Millionen Dollar für die Bilanz und nochmals 27 Millionen für "Beratungsleistungen" abgerechnet, so gaben sie sich bei Worldcom mit bescheidenen 4,4 Millionen für die Bilanz und 12,4 Millionen für die Beratung zufrieden, obwohl der Schaden hier ungleich größer war.

8000 Milliarden Dollar vernichtet

Der Worldcom-Börsenkurs, zu Bernie Ebbers' Zeiten raketengleich um 7000 Prozent gestiegen, fiel nach den Enthüllungen in sich zusammen und vernichtete Aktienkapital im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar. Zum Schluss war die einst zweitgrößte Telefongesellschaft Amerikas an der Börse weniger wert als der Kredit, den sie ihrem Gründer vor seinem Abgang ausbezahlt hatte.

Während die Worldcom-Pleite die Kurse nahezu aller Telekom-Gesellschaften der Erde in den Abgrund zog, erklärte sich Verursacher Ebbers, der zuvor ein Jahresgehalt von elf Millionen Dollar bezogen hatte, für zahlungsunfähig. Seine Douglas-Lake-Ranch, die größte Kanadas, hat der Konkursverwalter beschlagnahmt, die Yacht "Aquasition" ist verkauft, nur seine Cowboystiefel trägt der Mann, der angeblich von nichts wusste, immer noch.

Kaum war Worldcom in der größten Pleite der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte untergegangen, stiegen immer neue Blasen aus dem Sumpf der Betrüger-Ökonomie an die Oberfläche. Verblüfft nahmen die US-Bürger zur Kenntnis, dass ihre seit einem Jahrzehnt boomende Powerwirtschaft, um die sie einst die ganze Welt beneidet hatte, in Wahrheit eine Fälscherwerkstatt war, und dass sie ihre Ersparnisse nicht tüchtigen und seriösen Managern, sondern Lügnern und Betrügern anvertraut hatten.

Nicht weniger als 158 Unternehmen, deren Aktien an der Börse gehandelt wurden, mussten im Jahr 2002 ihre Zahlen fürs vergangene Geschäftsjahr korrigieren, und die Börse quittierte die Enttäuschung der Aktionäre mit dem schlimmsten Wertverlust, den je ein Land in Friedenszeiten erlitten hat.

Rund 8000 Milliarden Dollar lösten sich in nichts auf, seit die Spekulationsblase an der Wall Street geplatzt war, und das beutelte die einzige verbliebene Supermacht der Erde mehr als jedes andere Ereignis seit dem Ende der großen Depression in den 30er-Jahren. Paul Krugman, Amerikas bedeutendster Wirtschaftswissenschaftler, nannte die Bilanztricksereien der Gauner in den Chefetagen einen "bedeutsameren Wendepunkt für die amerikanische Gesellschaft als der Anschlag vom 11. September 2001".

Der Kurssturz der Aktien vernichtete nicht nur einen großen Teil ihrer Ersparnisse, sondern ließ die Amerikaner, die über 60 Prozent ihrer Ruhestandsbezüge aus Aktien beziehen, auch an der Zukunft zweifeln. Da gleichzeitig ausländische Investoren, die das Land zuvor im Vertrauen auf die Stärke seiner Währung mit Geld überschüttet hatten, binnen weniger Wochen über 37 Milliarden Dollar abzogen, geriet auch der Dollar an den internationalen Devisenmärkten so stark unter Druck, dass er bald kaum mehr wert war als ein schlichter Euro.

Günter Ogger: Warum die Sicherungssysteme versagen Günter Ogger: Das virtuelle US-Wirtschaftswunder Interview: Günter Ogger über die "Ego-AG"

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