Börse 2002 Dax verliert über 40 Prozent

Ein miserables Börsenjahr ist zu Ende gegangen. Was bleibt, ist ein dickes Minus - und die Hoffnung auf Besserung. Zumindest die Banken glauben noch an den Aufschwung.

Frankfurt am Main - Nach dem Aktien-Albtraum 2002 hoffen die Börsianer im kommenden Jahr auf die Rückkehr zumindest eines kleinen Bullen - das Symbol für steigende Kurse. Ende 2003 soll der Dax wieder bei 3800 Punkte stehen - das schätzen zumindest die von dpa befragten Geldhäuser im Durchschnitt.

Den letzten Handelstag des alten Jahres beendete das wichtigste deutsche Börsenbarometer am Montag mit 2892,63 Punkten - mehr als 40 Prozent niedriger als Anfang Januar. Nicht ein einziger Wert der 30 wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften bescherte seitdem den Aktionären Kursgewinne.

Bestenfalls Seitwärtsbewegung

Ein Dax-Stand von 3800 Punkten, wie von Banken für 2003 erwartet, würde einen Kursanstieg von gut 25 Prozent bedeuten. "Woher sollte das kommen", fragt sich Richard Zellmann von Helaba Trust. Der Aktienmarkt-Spezialist der Tochter der Hessisch-Thüringischen Landesbank erwartet höchstens 3500 Punkte.

Im Lager der Skeptiker sind auch große Institute wie Deutsche Bank oder das US-Haus Merrill Lynch vertreten. Sie meinen, dass der Dax im kommenden Jahr nicht vom Fleck kommt, sich also - im Börsenjargon – "seitwärts bewegt".

Eine Konjunkturerholung in der zweiten Jahreshälfte, steigende Firmengewinne und Fortschritte beim Schuldenabbau sollen nach Meinung der Optimisten zu einer Trendwende führen. Die HypoVereinsbank argumentiert zudem mit Vermögensumschichtungen der Anleger von Anleihen und Tagesgeld zurück in Aktien. Besonders optimistisch ist die DZ Bank, die mit einem Sprung des Dax auf 4200 Punkte rechnet.

Für die Aktien-Experten der Banken entpuppte sich 2002 allerdings einmal mehr als Prognose-Debakel. Sie hatten mehrheitlich mit einem Anstieg des Dax auf 5500 bis 5800 Punkte gerechnet. Stattdessen erlebte der deutsche Aktienmarkt einen Kurssturz wie seit der Währungsreform von 1948 nicht mehr.

Schlimmstes Jahr seit 1945

Drei Jahre regierte der Bär auf dem Parkett. Auch das hat es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gegeben. Nahe der 3000-Punkte-Marke hangelte sich der Leitindex zuletzt vor fünf Jahren entlang.

Ein langer Irak-Krieg könnte aus den Prognosen einmal mehr Makulatur machen. 2002 verdarben dreiste Bilanzfälschungen großer US-Konzerne sowie das Fehlen einer breiten Wirtschaftserholung den Börsianern den Appetit auf Aktien. 2003 könnten es explodierende Ölpreise in Folge eines eskalierenden Irak-Konflikts tun.

Euro-Märkte hängen weiterhin an der den US-Börsen

Solange die US-Konjunktur nicht Tritt fasst und die Kurse an der Wall Street wieder nach oben zeigen, haben Anleger in Deutschland ohnehin nichts zu lachen. Die europäischen Märkte sind weit davon entfernt, sich von der Entwicklung der US-Börsen zu emanzipieren.

Speziell der deutsche Aktienmarkt koppelte sich höchsten nach unten ab. Der wichtigste US-Börsenindex Dow Jones verlor 2002 nur 15 Prozent an Wert. Die US-Technologiebörse Nasdaq büßte rund 30 Prozent ein. Selbst in London, Paris und Tokio lagen die Aktien-Einbußen nur zwischen 20 und 30 Prozent.

Skandalgeschichte in Deutschland schrieb der Telematik-Spezialist Comroad, der beinahe seine gesamten Umsätze frei erfunden hatte. Das erschütterte das Vertrauen in Wirtschaftsprüfer und Bilanzen auch hier zu Lande. Doch mit der Strafverfolgung betrügerischer Manager tun sich deutsche Behörden schwer. Es fehlen Gesetze, die Übeltäter wirklich schmerzen.

Größter Flop im Dax war die Aktie des Finanzdienstleisters MLP , die in Nemax-Manier 87 Prozent verlor. Der Aktienwert der Allianz  - lange ein Hort an Stabilität - halbierte sich.

Von allen Verlierern am besten schnitt der Sportartikelhersteller Adidas Salomon  mit einem Minus von knapp zwei Prozent ab. Die Umsätze an den deutschen Aktienmärkten verringerten sich 2002 nach Angaben der Börse um rund zehn Prozent auf ein Billion Euro.

Kurssturz wurde ein ökonomischer Belastungsfaktor

"Der aktuelle Börsencrash ist zwar in etwa genauso stark wie der von 1987, aber er dauert länger - das setzt sich in der Psychologie der Anleger viel massiver fest", erklärt der Direktor des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Franz-Josef Leven. "1987 hatten wir es mit einem reinigenden Gewitter zu tun, heute mit einem veritablen Orkan."

Längst ist aus dem Kurssturz ein ökonomischer Belastungsfaktor geworden. Die Verluste im eigenen Wertpapierdepot dämpfen die Konsumlust der Verbraucher und schränken den finanziellen Spielraum der Unternehmen ein, hat die Bundesbank herausgefunden. Kursverluste von 30 Prozent genügen, um das Wachstum um 0,1 Prozentpunkte zu dämpfen, schätzt die Notenbank.

Yasmin Osman, dpa

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