Versicherer Rückkehr aus dem Tal der Tränen

Die miese Börsenstimmung hat die Branche in eine Krise gestürzt. Für 2003 setzen die großen Versicherer auf das Prinzip Hoffnung und neue Sicherungssysteme.

München - Für die Versicherungen war 2002 ein rabenschwarzes Jahr. Der Absturz der Börsen bescherte ihnen Milliardenverluste, steigende Beitragseinnahmen wurden von steigenden Ausgaben wieder aufgefressen. "Wir haben die schwierigste Situation seit dem Zweiten Weltkrieg", sagte der Präsident des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Bernd Michaels. Die meisten Bürger bekommen das direkt zu spüren: Die Renditen ihrer Lebensversicherungen sinken. Fürs neue Jahr setzt die Branche auf das Prinzip Hoffnung.

Der Verbandschef sieht allerdings vor allem ein "dickes Fragezeichen". Das Beitragswachstum soll sich verlangsamen von vier auf drei Prozent. Doch hie und da ertönen auch optimistische Rufe. Der scheidende Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle sagte: "Wir haben die Talsohle durchschritten!" Bei der Münchener Rück hieß es zum Kerngeschäft: "Wir sind aus dem Tal der Tränen heraus." Insgesamt sei man "vorsichtig optimistisch".

Zur Eigensicherung hat die Branche dieses Jahr zwei neue Netze eingezogen. Weil die Luft für einige kleine Lebensversicherungen dünn geworden ist - die strauchelnde Detmolder Familienfürsorge musste von einem Konkurrenten gerettet werden -, gründeten die deutschen Lebensversicherer die gemeinsame Auffanggesellschaft Protektor. Sie steht ab Januar bereit, die Verträge in Not geratener Gesellschaften zu übernehmen.

Beim zweiten Gemeinschaftsunternehmen, Extremus, können sich Unternehmen seit Oktober wieder gegen Terror-Schäden bis 13 Milliarden Euro in Deutschland absichern. Trotz Kritik an hohen Prämien sei die Nachfrage inzwischen hervorragend, sagte ein Sprecher. Neben vielen Immobilienfonds hätten auch schon mehrere Dax-Konzerne unterschrieben.

Börsenkrise setzt den Versicherern zu

Stärker noch als der Terroranschlag in den USA traf der Börseneinbruch die Versicherungen. Jede vierte deutsche Aktie ist im Besitz einer Versicherung, schätzt der GDV. Viele hatten ihre Depots gerade aufgestockt, als die Talfahrt begann. Die Münchener Rück musste den Wert ihres Aktienbesitzes bis September um 4,3 Milliarden Euro berichtigen, die Allianz rechnet mit der selben Summe zum Jahresende. Die Versicherungsaktien selbst büßten fast zwei Drittel ihres Wertes ein.

Inzwischen werden "langweilige" Geldanlagen mit niedrigen, aber sicheren Zinsen wieder hoch geschätzt. Die deutschen Lebensversicherer halbierten ihren Aktienanteil auf durchschnittlich zehn Prozent. Dabei nahmen sie auch Verluste in Kauf. Laut Bundesaufsichtsamt mussten viele auf Rücklagen zurückgreifen, um ihre hohen Renditeversprechen erfüllen zu können. Für 2003 wurden die Überschussbeteiligungen gesenkt auf durchschnittlich knapp fünf Prozent.

Auf der anderen Seite verkauften die Lebensversicherer im abgelaufenen Jahr fast zwölf Millionen neue Verträge und kassierten insgesamt 65 Milliarden Euro - fast die Hälfte sämtlicher Versicherungsprämien. Mit 4,5 Prozent Zuwachs sind die Lebensversicherer der größte Wachstumsmotor der Branche. Riester-Verträge trugen wesentlich dazu bei, auch wenn die Erwartungen hier vor Jahresfrist noch doppelt so hoch waren.

Für 2003 rechnen die Lebensversicherer nur noch mit 3,5 Prozent Wachstum. Eine eigene Altersvorsorge werde zwar immer notwendiger. Aber die gesetzlichen Abgabensteigerungen schwächten die Fähigkeit zur Eigenvorsorge, erklärte der Verbandschef.

Gesamte Branche kämpft mit Problemen

Auch die Krankenversicherungen konnten bei den Beitragseinnahmen stark zulegen. Obwohl die Bundesregierung den Wechsel zur privaten Krankenversicherung erschwert hat, ist der GDV optimistisch und rechnet im neuen Jahr sogar mit sechs Prozent mehr. Die Ausgaben für Ärzte und Medizin stiegen bisher zwar noch schneller, lagen aber weit unter den Einnahmen.

Dagegen schwammen für die Schaden- und Unfallversicherungen mit den Überschwemmungen im vergangenen Sommer 1,8 Milliarden Euro die Elbe hinunter. Der Schadenaufwand dieses Branchenzweiges stieg dramatisch, die Prämien kamen nicht mehr mit. Die Folge sind rote Zahlen: Je 100 Euro Einnahme mussten die Assekuranzen 104 Euro ausgeben.

Die Autoversicherungen machten eine Milliarde Euro Verlust. Eigentlich sollten die Autofahrer deutlich höhere Prämien zahlen, sagte Michaels. Aber wegen des harten Wettbewerbs könnten die Prämien 2003 nur leicht erhöht werden.

Roland Losch, AP

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