Wall Street Ein viertes Bärenjahr droht

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird es diese Woche amtlich: 2002 war ein schlimmeres Börsenjahr als 2001 und 2000. Manche Börsianer sehen auch für nächstes Jahr schwarz.

New York - Zum Jahreswechsel wird immer besonders deutlich, dass die Wall Street von simplen Bauernregeln regiert wird. 2003 werde ein gutes Jahr, weil das dritte Jahr in der Amtszeit eines US-Präsidenten meistens gut sei, lautet eine dieser Weisheiten. Die Frage nach dem Warum stellt man besser nicht. Ist eine Sache der Statistik.

Ähnlich verhält es sich mit der gegenteiligen Prognose, dass 2003 ein schlechtes Jahr wird. Wenn nämlich der Januar ein Reinfall wird, wonach im Moment alles aussieht, besteht laut dem Stock Traders Almanach keine Hoffnung für das Gesamtjahr. Seit 1950 gilt diese Regel ohne Ausnahme.

Es sind wunderbare Kausalketten, mit denen sich die Börsianer zu Silvester beschäftigen. Wie ernst diese Bauernregeln zu nehmen sind, zeigt die gerade ausgebliebene "Santa-Claus-Rallye", die laut Almanach so gut wie garantiert war. Stattdessen gab der Dow Jones in der Weihnachtswoche 2,5 Prozent ab, der Nasdaq Composite verlor 1,1 Prozent.

Merrill Lynch: 2003 wird Bärenjahr

Auch die großen Banken werfen zu Silvester gerne einen Blick in die Kristallkugel. Zwar sind ihre Prognosen kaum zutreffender als die Bauernregeln, aber spekuliert wird trotzdem.

Das Meinungsspektrum ist breit: Die Optimisten, wie immer angeführt von Abby Cohen (Goldman Sachs), erwarten, dass der Dow Jones im neuen Jahr endlich den Abwärtstrend umkehren wird. Die Pessimisten, allen voran Richard Bernstein (Merrill Lynch), glauben an das vierte Bärenjahr in Folge. Das gab es bisher erst einmal: nach dem Börsencrash 1929.

Hoffnung auf Erholung der Unternehmensgewinne

Insgesamt überwiegen die Optimisten: Durchschnittlich wird erwartet, dass der S&P-500-Index im neuen Jahr um 14 Prozent steigen wird. Als Gründe führen die Börsianer eine erwartete Erholung der Unternehmensgewinne und ein weiteres Steuersenkungspaket der Bush-Regierung an.

Doch Optimismus an der Wall Street ist mit Vorsicht zu genießen. Schon 2002 sollte das Jahr des Aufschwungs werden. Stattdessen wurde es das Jahr der Skandale - und der Diskrepanzen. Die Gewinne der im S&P 500 gelisteten Unternehmen sollten den ursprünglichen Erwartungen zufolge durchschnittlich um 56 Cents pro Aktie wachsen. Die Wirklichkeit, die im Laufe des Januars zu Tage gefördert wird, liegt eher bei 38 Cents.

Die Suche nach Lichtblicken

Rund 2,7 Billionen Dollar Anlegerkapital vernichtet

Auch an der Börse lief alles anders als erwartet. Statt der prognostizierten zweistelligen Zuwächse wurde 2002 das schlimmste Börsenjahr seit 1974. Rund 2,7 Billionen Dollar an Anlegerkapital wurden vernichtet.

Und es gab kein Entrinnen: Alle zehn Sektoren des S&P 500 beenden das Jahr wohl im Minus. Der Dow Jones wird am Ende um rund 17 Prozent eingebrochen sein. Zum Vergleich: In den Krisenjahren 2000 und 2001 hatte er "nur" jeweils sieben Prozent verloren.

Das Umfeld bleibt schwierig

Während Silvester zumindest psychologisch einen Schlussstrich bedeutet, wird sich das wirtschaftliche Umfeld nicht über Nacht verändern. Die Erholung der Unternehmensgewinne etwa wird immer weiter aufgeschoben: Charles Hill von Thomson Financial/First Call rechnet damit frühestens im zweiten Halbjahr 2003. In den vergangenen Monaten haben die Analysten ihre Erwartungen drastisch reduziert (auf durchschnittlich zwölf Prozent Gewinnwachstum im ersten Halbjahr), und weitere Revisionen sind garantiert.

Die Weihnachtssaison, die schwächste seit fünf Jahren, hat sogar Zweifel an der Ausgabefreude der Verbraucher gesät. Auch bei den Unternehmensinvestitionen ist noch keine nachhaltige Erholung in Sicht.

Irak-Entscheidung Ende Januar?

Immerhin soll der erste Konjunkturbericht des Jahres positiv ausfallen. Der Einkaufsmanager-Index, der am Donnerstag veröffentlicht wird, ist voraussichtlich leicht gestiegen - von 49,2 Prozent im November auf 50,2 Prozent im Dezember. Jeder Wert über 50 bedeutet eine Ausdehnung der industriellen Produktion. Es wäre die erste Expansion seit einigen Monaten.

Doch die Unsicherheit über einen möglichen Irak-Krieg wird mindestens bis zum 27. Januar die Märkte belasten. An dem Tag legen die Uno-Inspektoren ihren Bericht über etwaige Massenvernichtungswaffenlager vor. Am folgenden Tag hält Präsident Bush seine jährliche "State of the Union"-Rede. Er könnte die Gelegenheit benutzen, vor einem Millionenpublikum eine Kriegserklärung abzugeben. Das letzte Mal hatte er in der Rede den Begriff der "Achse des Bösen" geprägt.

Auch die Sorge um Nordkorea und Venezuela belastet

Dazu kommen die Sorgen über Nordkorea und Venezuela. Die Ankündigung Nordkoreas, die Atom-Inspektoren der Uno auszuweisen, hatte den Dow Jones am Freitag über hundert Punkte gekostet. Und Venezuelas Generalstreik, gekoppelt mit der Irakkrise, hat den Ölpreis auf 33 Dollar getrieben. Bleibt er für einen Monat über 30 Dollar, so Experten, hätte das Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum.

Schlechte Aussichten also für 2003. Denn wie lautete gleich noch die Bauernregel? Wenn's im Januar trübe ist, kannst du das ganze Jahr vergessen.