Comroad Sieben Jahre Haft für Bodo Schnabel

Der Firmengründer muss wegen gewerbsmäßigen Betrugs, Insiderhandels und Kursbetrugs für sieben Jahre ins Gefängnis. Seine Frau erhielt eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Zudem sollen rund 20 Millionen Euro aus dem Vermögen der Familie eingezogen werden. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. Experten begrüßen die Entscheidung.

München - Erstmals ist in Deutschland ein Manager des Neuen Marktes zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Das Münchner Landgericht befand am Donnerstag den wegen gewerbsmäßigem Betrugs und Bilanzfälschung angeklagten Comroad-Gründer Bodo Schnabel für schuldig und schickte ihn für sieben Jahre ins Gefängnis. Außerdem soll er eine Summe von 18 Millionen Euro zahlen.

Zuvor hatte der 51-Jährige überraschend ein Geständnis abgelegt, nachdem er monatelang alle Vorwürfe geleugnet hatte. Zwischenzeitlich hatte er obendrein eine offenkundig falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben, da die Gerüchte über Manipulationen in seinen Bilanzen immer lauter geworden waren. In einem Brief an seine Aktionäre sprach er gar von "verleumderischer Polemik" und "rufschädigender Berichterstattung", die sich als völlig gegenstandlos erweisen werde.

Schnabels Ehefrau Ingrid wurde wegen Beihilfe zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Darüberhinaus ordnete das Gericht an, dass sie eine Summe von 1,6 Millionen Euro zu zahlen hat. Ingrid Schnabel, die im Aufsichtsrat von Comroad  saß, hatte im Auftrag ihres Mannes Rechnungen einer Firma in Hongkong gefälscht.

Beim Herausrücken der Beute kooperativ gezeigt

Richter Wolf-Stefan Wiegand sagte in seiner Urteilsbegründung: "Sie haben das Vertrauen in die Ehrlichkeit der Börse mit erschüttert. Sie haben an dieser Luftblase mitgeblasen und dabei kräftig verdient." Als strafmildernd wertete er, dass beide Angeklagte "sich beim Herausrücken der Beute kooperativ gezeigt" hätten. Während Ingrid Schnabel das Urteil mit Tränen in den Augen verfolgte, blieb Bodo Schnabel gelassen.

Die Angeklagten nahmen das Urteil noch im Gerichtssaal an. Damit ist die Entscheidung rechtskräftig und dürfte auch für andere Verfahren wegen Kursbetrugs von Bedeutung sein. Durch die Verurteilung steigen nach Ansicht von Aktionärsschützern die Chancen der geprellten Kleinanleger auf Schadenersatz.

Schnabel hatte seine Anwälte zuvor eine Erklärung verlesen lassen, er räume die in der Anklage erhobenen Vorwürfe "in objektiver und subjektiver Hinsicht ein". Demnach hatte er fast den gesamten Umsatz seines Unternehmens gefälscht und dank wiederholter unrichtiger Erfolgsmeldung persönlich zusammen mit seiner Ehefrau fast 30 Millionen Euro mit Aktienverkäufen verdient. Schnabels Frau hatte die Vorwürfe bereits beim ersten Verhandlungstag in vollem Umfang eingestanden.

"Ich konnte mich dem Sog des Neuen Marktes nicht entziehen", hieß es in Schnabels Erklärung, "mein Fehler bestand darin, dass ich in der Euphorie des Neuen Marktes ausschließlich zukunftsorientiert gedacht habe".

Er sei sich jedoch sicher gewesen, die nach seinen Worten "vorgezogenen Umsätze" rasch durch wirkliche Umsätze ersetzen zu können. Das Unternehmen musste im Frühjahr einräumen, dass gerade einmal 1,4 Prozent des angeblichen Umsatzes von zuletzt 93,6 Millionen Euro tatsächlich nachweisbar seien. Dem Schuldanerkenntnis ging ein erheblicher Druck des Richters voraus.

SdK begrüßt das Urteil

Staatsanwalt Peter Noll hielt dem Angeklagten trotz eines "zigfachen Millionenbetrug" die Eigendynamik des Falles zu Gute: "Zu einem Clown gehört auch ein Zirkus, und dieser Zirkus hat sich Neuer Markt genannt", sagte Noll. Man müsse erstaunt darüber sein, dass sämtliche Kontrollmechanismen des Marktes versagt hätten, "von den Wirtschaftsprüfern ganz zu schweigen".

Die Finanzbranche habe Schnabels Fantasiezahlen stets geglaubt: "Man fragt sich, was Marktanalysten vom Marktgeschehen wissen." Noll hatte sieben Jahre Haft für Schnabel sowie eine Haftstrafe von drei Jahren für dessen Ehefrau gefordert.

Harte Kritik an den Wirtschaftsprüfern

Auch Schnabels Anwalt Thomas Pfister, der bereits den selbsternannten "Hacker-König" Kim Schmitz vertreten hatte, machte in seinem Plädoyer die Neue-Markt-Euphorie mitverantwortlich für die Tat. "Wenn ein System so gut funktioniert, wird einem der Ausstieg schwer gemacht".

Scharf kritisierte er das Versagen der Kontrolle des Unternehmens: "Einer der besonderen traurigen Helden dieses Prozesses ist die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG", sagte er. In der Hysterie des Neuen Marktes seien "unfähige Mitarbeiter in die Arena geschickt worden". Schnabels zweiter Anwalt, Peter Krauß, nannte seinen Mandanten "auch ein Opfer der damaligen Zeit".

Die Abhängigkeit der Aufsichtsrätin Ingrid Schnabel

Während Bodo Schnabels Anwälte auf eine Strafe von unter sieben Jahre plädierten, forderte der Rechtsanwalt von Ingrid Schnabel eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren für seine Mandantin. Sie sei von ihrem Mann abhängig gewesen: "Hätte sie dem Clown die Pappnase herunter gerissen, wäre das das Ende der Beziehung gewesen", sagte er.

Gegen 18 Uhr teilte Comroad per Ad-hoc-Meldung mit, dass die Bilanzen für 1999, 2000 und 2001 "aufgrund der bekannten Vorkommnisse" von den Steuerberatern neu erstellt und von Wirtschaftsprüfern testiert werden müssten. Diese Arbeiten seien unverhältnismäßig aufwendig und würden voraussichtlich Beginn 2003 abgeschlossen.

Vorstand will gegen das Delisting klagen

Gleichzeitig meldete der Vorstand, dass die Deutsche Börse  den Widerspruch gegen das Delisting abgewiesen habe. Man werde nun "in den gesetzlichen Fristen" dagegen Klage einreichen. Die Aktie des Unternehmens, die in ihren besten Zeiten über 60 Euro gekostet hatte, ist inzwischen keine 20 Cent mehr wert.

Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) begrüßte die Verurteilung von Bodo Schnabel, rechnet aber dennoch nicht mit einer schnellen Rückkehr des Vertrauens der Anleger in die Börse. "Das Urteil hat keine Signalwirkung", sagte SdK-Chef Klaus Schneider am Freitag in München der Nachrichtenagentur dpa-AFX.

"Ein großer Sieg für die Anleger"

Der Fall Comroad sei nicht mit anderen Verfahren gegen ehemalige Vorstände von Neuen-Markt-Unternehmen vergleichbar. Bodo Schnabel habe "reinrassiger Betrug" nachgewiesen werden können.

In weiteren Fällen wie dem laufenden Verfahren gegen die Vorstände und Gründer des Medienunternehmens EM.TV , Thomas und Florian Haffa, werde es für die Staatsanwaltschaft schwierig sein, den Angeklagten vorsätzlichen Betrug nachzuweisen, sagte Schneider mit Blick auf den bisherigen Verlauf des Prozesses vor dem Münchener Landgericht. "Wenn das aber gelingt und harte Urteile folgen, dann könnte das Vertrauen von Millionen Kleinaktionären zurückkommen."

Kritik am Finanzmarktförderungsgesetz

Der SdK-Chef zeigte sich überrascht von der Höhe des Urteils gegen Schnabel. "Ich will nicht ausschließen, dass die laufende öffentliche Diskussion das Gericht ein wenig beeindruckt hat", sagte Schneider. "Die wollten ein Zeichen setzten".

Zugleich erneuerte Schneider die Forderung der Schutzgemeinschaft nach einer verschärften Haftung für Vorstände. "Das vierte Finanzmarktförderungsgesetz ist auf halbem Weg stehen geblieben. Es reicht nicht, dass Vorstände lediglich für falsche Angaben in Pflichtmitteilungen haften."

"Ein großer Sieg für die Anleger"

Der Gesetzgeber sei zudem gefordert, "bessere Möglichkeiten zu schaffen, damit sich die Anleger von verurteilten Vorständen und ihren Unternehmen ihr durch deren Schuld an der Börse verlorenes Geld wiederholen könnten".

Auch der Börsenexperte Wolfgang Gerke begrüßte die Entscheidung, warnte jedoch vor übertriebenen Hoffnungen. "Das Urteil ist ein großer Sieg für die Anleger", sagte Gerke am Freitag in Nürnberg. Allerdings lasse sich aus dem Ausgang des Verfahren gegen Bodo Schnabel nicht ableiten, "dass in ähnlichen Fällen ähnliche Urteile zu erwarten sind."

Verschärfung des Strafrechts gefordert

Dennoch hofft Gerke auf eine "Signalwirkung" des Urteils: "Endlich bekommen auch in Deutschland unseriöse Manager die Quittung und hohe Gefängnisstrafen." Die Chancen für Kleinanleger, ihr Geld wieder zurückzubekommen, seien dennoch nicht hoch.

Gerke forderte deshalb außer einer Verschärfung des Strafrechts einen besseren Zugriff der geprellten Aktionäre auf das ergaunerte Vermögen der Vorstände. Nur dann könne das verlorene Vertrauen der Anleger wiederkommen.

Schadenersatzklage für 300 Geschädigte

Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht nun "absolut gute Chancen", Schadenersatzansprüche für die Aktionäre tatsächlich zugesprochen zu bekommen. Schnabel habe eingeräumt, vorsätzlich gelogen und betrogen zu haben. Außerdem habe das Gericht bereits 20 Millionen Euro zur Entschädigung beschlagnahmt.

Nach der bislang gegen das Unternehmen, die Banken und die KPMG beim Landgericht Frankfurt eingereichten Prospekthaftungsklage mit rund 300.000 Euro Schadenersatzsumme für ungefähr 30 Aktionäre, werde sie jetzt "ganz flott" Schadenersatzklagen beim Landgericht München einreichen.

Klaus Rotter hält die Entscheidung für "wegweisend"

Peter Gundermann von Tilp & Kälberer Rechtsanwälte in Kirchentellinsfurt bei Tübingen meint, dass das Gericht "ein richtiges Signal gesetzt habe", wonach ein derartig "eklatantes Verhalten" nicht toleriert werde. Er sei nun "ziemlich zuversichtlich, letztlich zum Ziele zu kommen", und Schadenersatzansprüche geltend zu machen.

Klaus Rotter von der Münchner Kanzlei Rotter Rechtsanwälte bezeichnete die Entscheidung als "wegweisend". Das Ehepaar Schnabel habe eingeräumt, eine sittenwidrige Schädigung bewusst in Kauf genommen zu haben. Deshalb werde er nun für rund 300 Anleger eine Schadenersatzklage einreichen, in der die vorsätzliche sittenwidrige Schädigung im Mittelpunkt stehe.

Bislang hat Rotter nach eigener Auskunft für 150 Mandanten eine Prospekthaftungklage verbunden mit einer deliktischen Klage eingereicht. Insgesamt belaufe sich die Schadenersatzsumme seiner Mandanten auf rund sieben Millionen Euro.


Bodo Schnabels Brief an seine Aktionäre Neuer Markt: Die Liste der Pleiten und Skandale Prüfer: Wer Mängel aufdeckt, riskiert Geld Interview: "Comroad in jedem Bilanzsystem möglich"

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