Die Thilenius-Kolumne Die Angst vor der Deflation

In den USA wird das Geld derzeit praktisch verschenkt. Ähnlich ist es in Japan, das seit Jahren unter dem Würgegriff der Deflation leidet. Doch für die USA ist das noch kein Grund zum Schwarzsehen.

Seit der Senkung der kurzfristigen amerikanischen Zinsen auf nur noch 1,25 Prozent wird das Geld in den USA praktisch verschenkt. Da die Inflation heute 1,5 Prozent höher ist als vergangenes Jahr um diese Zeit, ergibt sich nach Berücksichtigung der Inflation ein negativer Zinssatz von 0,25 Prozent.

Dann taucht angesichts des niedrigen Wirtschaftswachstums sofort die Frage auf, ob sich die USA in Wirklichkeit einer Deflation nähern, die noch viel schwieriger zu steuern ist als eine Inflation. In der Deflation sinkt der Wert aller Güter und die Wirtschaft schrumpft. Sich aus der Deflation zu befreien, ist viel schwieriger als eine Inflation zu bekämpfen.

In diesem Zusammenhang liefert Japan seit über zehn Jahren ein Beispiel, das vielen zu Recht Sorge macht. In Japan wird auch das Geld nahezu verschenkt, doch niemand will es haben, um es irgendwo sinnvoll zu investieren.

Gerieten die Volkswirtschaften der eng miteinander verzahnten USA und Europas in die Deflation, würde dies in der Tat ein großes Problem aufwerfen. Aber gemach, Schwarzseher.

Eine Deflation muss nicht zwingend eintreten

Die Tatsache, daß in USA das Geld verschenkt wird, bedeutet nicht, daß wir alle als logische Konsequenz in der Deflation landen. Es wir immer wieder betont, daß die Zinsen in USA die niedrigsten seit über 40 Jahren seien. Das stimmt. Um nun die Frage zu beantworten, ob wir uns der Deflation nähern, sehen wir uns doch die Verhältnisse zur Zeit der letzten Phase an, als die Zinsen so niedrig wie heute waren. Wenn die USA damals nicht in die Deflation gerutscht sind, ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch, daß dies heute geschieht.

Das letzte Mal, dass das Geld so billig war, war im Februar 1955, als die kurzfristigen Zinsen bei 1,29 Prozent lagen. Damals herrschte sogar ein wenig Deflation, denn der Preisindex lag um 0,7 Prozent unter dem Preisindex vom Februar 1954. Damals war also schon der Schritt von der früheren Inflation zur milden Deflation getan. Allerdings wurde das Geld damals nicht verschenkt, denn der Zinssatz betrug unter Berücksichtigung der Preisentwicklung knapp 2,0 Prozent. Der negative Preisindex ist dem nominalen Zinssatz dazu zu rechnen.

Sinkende Preise müssen nicht schädlich sein

Im Frühjahr 1955 stand der Dow Jones Index bei knapp unter 400 Punkten. Zwei Jahre später, im Frühjahr 1957, hatte er 480 Punkte erreicht, also etwa 20 Prozent in zwei Jahren zugelegt. Zwei Jahre vorher, im Frühjahr 1953, hatte er bei 300 Punkten gelegen. Diese Werte entsprechen in etwa dem langjährigen jährlichen Durchschnitt von knapp 10 Prozent Kursgewinn pro Jahr.

Wir sehen daraus, daß auch eine Phase niedriger Zinsen und sogar sinkender Preise keineswegs schädlich für die Wirtschafts- und Börsenentwicklung sein muß. Nachdem heute die Preisentwicklung immer noch leicht inflationär ist, braucht sich niemand Sorgen zu machen. Denn selbst wenn die Preisentwicklung eine kurze Zeit lang ins Deflationäre umschlagen sollte, können die Börsenkurse trotzdem im langjährigen Durchschnitt steigen.

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