Comroad "Ich bin kein Aktienrechtler"

Am ersten Verhandlungstag gestand die Gattin Bodo Schnabels und belastete ihren Mann schwer.

München - Zum Auftakt des Comroad-Prozesses um den bisher größten Bilanzfälschungsskandal am Neuen Markt hat Firmengründer Bodo Schnabel trotz eines Geständnisses seiner mitangeklagten Ehefrau die Vorwürfe erfundener Millionen-Umsätze zurückgewiesen.

Trotz eindringlichen Appells des Richters Wolf-Stefan Wiegand, ein Geständnis abzulegen, räumte der wegen gewerbsmäßigem Betrug und Insiderhandel angeklagte Schnabel nur ein, Umsätze im Voraus verbucht zu haben. Die Rechtswidrigkeit sei ihm dabei nicht klar gewesen: "Ich bin auch kein Aktienrechtler."

Schnabel-Gattin hatte "ungutes Gefühl"

Schnabels Ehefrau Ingrid belastet dagegen ihren Mann in einem umfassendes Geständnis schwer. Ihren Anwalt ließ sie erklären, sämtliche ihr von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegten Punkte der Beihilfe zum Kursbetrug träfen zu.

Auf Geheiß ihres Mannes habe sie zahlreiche falsche Rechnungen einer nicht existierenden Partnerfirma erstellt, deren Gesamtbetrag fast den ganzen Umsatz von Comroad ausgemacht hätten. Ihr Anwalt Wolfgang Dingfelder erklärte, seine Mandantin habe dabei zwar ein "ungutes Gefühl" gehabt, sei aber trotz ihres Amtes als Comroad-Aufsichtsrätin nicht eingeschritten.

Laut Anklage soll sich das Ehepaar mit gefälschten Bilanzen und Ad-hoc-Mitteilungen bei Aktienverkäufen persönlich um fast 30 Millionen Euro bereichert haben. Das Vermögen ist inzwischen größtenteils von der Justiz beschlagnahmt.

Staatsanwaltschaft Peter Noll erklärte, Firmenchef Schnabel habe bereits zum Comroad-Börsenstart den allergrößten Teil der Unternehmensumsätze frei erfunden. Comroad selbst hatte im Frühjahr nach einer Sonderprüfung eingeräumt, dass für 98,6 Prozent des angeblichen Umsatzes von zuletzt 93,6 Millionen Euro Belege fehlen.

Der seit April wegen Millionenbetrugs inhaftierte Schnabel wies in einer von ihm verlesenen Erklärung die Vorwürfe zurück: "Die Umsatzzahlen waren nicht erfunden." Auch den fraglichen in Hongkong ansässigen Zwischenhändler namens VT Electronics gebe es wirklich.

Schaden von 700 Millionen Euro

Richter Wiegand hielt dem Angeklagten dagegen sein umfassendes Geständnis vom April diesen Jahres vor. Bodo Schnabel hatte damals zugegeben, dass der größte Teil des Comroad-Umsatzes aus Luftbuchungen bestand.

Schnabel habe den Vernehmungsbeamten gesagt: "Ich war und bin selbst erstaunt, wie lange das gut ging." Die Hongkong-Firma habe als Hauptumsatzträger weder Zahlungen erhalten noch geleistet: "Sämtliche Rechnungen dieser Art habe ich selbst gefertigt."

Die echten Umsätze hätten nicht für ein IPO gereicht

Auch sein ursprüngliches Motiv nannte er damals: Die echten Umsätze hätten niemals für einen Börsengang an den damals lukrativen Neuen Markt ausgereicht: "Die Comroad-AG wäre ohne Börsengang schnell am Ende gewesen."

Richter Wiegand ließ wenig Zweifel an einem Schuldspruch erkennen und stellte Schnabel eine Strafe von höchstens sieben Jahren in Aussicht, wenn er vor Gericht sein Geständnis rasch wiederholen sollte.

Schaden auf 700 Millionen geschätzt

Der Münchner Börsenanwalt Klaus Rotter, der 150 Comroad-Aktionäre bei einer Schadenersatzklage vertritt, schätzte den Schaden im Fall Comroad auf bis zu 700 Millionen Euro: "Noch nie wurden Aktionäre so schamlos betrogen wie von Herrn Schnabel", sagte er.

Auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erklärte, die Aussichten von Anlegern auf Schadenersatz seien im Fall Comroad "sehr viel besser als bei anderen Verfahren".

Am Freitag-Morgen wurde die Verhandlung gegen Schnabel ab 9 Uhr fortgesetzt. Die Chancen stehen übrigens nicht schlecht, dass er im Gebäude des Landgerichts München I in der Nymphenburger Straße 16 zwei alte Kollegen vom Neuen Markt trifft: Der Fall Schnabel wird im Saal B 166 verhandelt, der Prozess gegen die Gebrüder Haffa von EM.TV  zeitgleich im Saal 175.


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