Comroad Der "Jürgen Schneider des Neuen Marktes"

Seit Donnerstag steht Ex-Vorstand Bodo Schnabel wegen dreist gefälschter Bilanzen vor Gericht. Es soll bis zu 30 Millionen Euro abkassiert haben.

München - Selbst wenn noch gar nicht alle möglichen Schiebereien am Neuen Markt ans Licht gekommen sein sollten - der Fall Comroad  wird wohl als dreistester Betrugsfall in das kurze Börsenkapitel eingehen. Ab dem heutigen Donnerstag muss sich Firmengründer Bodo Schnabel wegen Kursbetrugs und Insiderhandels vor dem Münchner Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 52-Jährigen vor, mit schamlos gefälschten Bilanzen und Ad-Hoc-Mitteilungen fast 30 Millionen Euro für seine Familie ergaunert zu haben.

Schnabel soll zuletzt über 98 Prozent seiner Millionen-Umsätze frei erfunden haben und stünde damit in einer Reihe mit dem listigen Ex-Baulöwen Jürgen Schneider oder dem verurteilten Flowtex-Betrüger Manfred Schmider. Comroad, ein Hersteller von Fahrzeug-Navigationssystemen, musste im April dieses Jahres eingestehen, dass gerade einmal 1,4 Prozent des 2001 erzielten angeblichen Umsatzes von 93,6 Millionen Euro tatsächlich belegbar ist.

Auch Schnabels Ehefrau Ingrid sitzt mit auf der Anklagebank: Sie sollte eigentlich als Aufsichtsrätin die Geschäfte ihres Mannes kontrollieren, stattdessen wird ihr vorgeworfen, Rechnungen und Bilanzen aktiv mitgefälscht haben.

Schnabel soll mit "Jeff Liu" unterzeichnet haben

Der Trick der Schnabels war nach den vorliegenden Erkenntnissen der Wirtschaftsprüfer so simpel wie unverfroren: Bereits vor dem Börsengang im Jahr 1999 entfiel der allergrößte Teil der damals verbuchten Millionenumsätze auf einen in Hongkong ansässigen Zwischenhändler namens VT Electronics - das Unternehmen ist aber nach Erkenntnissen aller betrauten Wirtschaftsprüfer und Ermittler eine reine Erfindung Schnabels und hat in Wirklichkeit zu keinem Zeitpunkt existiert.

Besonders kurios: Papiere von VT-Electronics soll Schnabel selbst als "Jeff Liu" unterzeichnet haben, die Eingangsrechnungen der Hongkong-Firma habe Ehefrau Ingrid erstellt.

Monat für Monat neue Rekordumsätze

Angesichts der vermeintlich guten Zahlen machte die Comroad-Aktie bereits beim Börsenstart einen Kurssprung von 18 Prozent. Danach meldete Schnabel dank den angeblichen Geschäften mit VT Electronics in Ad-Hoc-Mitteilungen Monat für Monat neue Rekordumsätze, worauf die Aktie regelmäßig Wertsteigerungen von bis zu 30 Prozent verzeichnete.

So vermeldete er mehrmals einen Umsatzanstieg "von mehr als 400 Prozent" und verdreifachte Gewinne, von Mal zu Mal korrigierte Schnabel seine ursprünglichen Prognosen noch weiter nach oben, weil die Geschäfte in jedem Quartal angeblich alle Erwartungen "weit übertroffen" hätten.

Nach Erkenntnissen der Ermittler verkaufte die Familie Schnabel mit der erlogenen Erfolgsstory von ihr gehaltene Aktien von annähernd 30 Millionen Euro, größtenteils an die Investment-Bank Merrill Lynch . Aber auch 150 geschädigte Privatanleger haben erst kürzlich eine Schadensersatzklage von mindestens 3,8 Millionen Euro eingereicht.

Aufgedeckt wurden die fingierten Buchungen durch eine Sonderprüfung einer vom Aufsichtsrat beauftragten Wirtschaftsprüfungsfirma, nachdem zuvor das Anlegermagazin "Börse-Online" Schnabels Scheingeschäfte ans Licht gebracht hatte.

Mit Spannung wird nun erwartet, ob der Angeklagte am ersten Verhandlungstag mit einem Geständnis für einen kurzen Prozess sorgt. Dies könnte möglicherweise auch den Wirtschaftsprüfern von KPMG einen peinlichen Zeugenauftritt ersparen, die Schnabels Bilanzen jahrelang unbeanstandet abgehakt hatten.

Erst im Februar hatte KPMG den Auftrag zur Prüfung des Jahresabschlusses 2001 fristlos gekündigt, nachdem auch sie die Existenz des angeblichen Geschäftspartners in Hongkong anzweifelte. KPMG-Chef Harald Wiedmann sagte, die Prüfer seien raffiniert getäuscht worden.

Es sei eine neue Qualität, dass jemand "sein Unternehmen einzig zum Zweck des Betrugs aufbaut", betonte er. "Ein Wirtschaftsprüfer wird auch in Zukunft einem gut gemachten Betrug aufsitzen", so sein Fazit.

Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz bezeichnete den ComRoad-Skandal als "krassesten Betrugsfall eines börsennotierten Unternehmens", der eine "hohe kriminelle Energie offenbart". Das Münchner Landgericht hat bis Anfang Dezember sechs Verhandlungstage angesetzt.

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