Deutsche Börse "Fader Beigeschmack bleibt"

Die Deutsche Börse ist Nutznießer ihrer eigenen Regeln und verdrängt Epcos aus der Eliteliga. Doch im Dax 30 muss sich die Aktie noch beweisen. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack, sagt Carsten Hilck, Fondsmanager von Union Investment.

mm.de:

Die Deutsche Börse  rückt für Epcos  in den Dax auf. Das neue Regelwerk der Börse hat ihren eigenen Aufstieg begünstigt. Kritiker sprechen von einer "Lex Epcos". Teilen Sie die Kritik?

Hilck: Die Regeln sind klar und transparent. Die Fast-Exit-Rule ist hier zum Tragen gekommen. Dass sie Epcos getroffen hat, war Zufall. Hier hatte der Markt zunächst mit dem Rauswurf von MLP gerechnet. Das Unternehmen hat aber zum Stichtag die Kriterien erfüllt.

Epcos hingegen hat seit dem letzten Stichtag 40 Prozent an Wert verloren und nahm in der maßgeblichen Oktoberrangliste bei der Marktkapitalisierung Platz 52 ein. Insgesamt bleibt aber ein fader Beigeschmack, dass nun ausgerechnet die Deutsche Börse durch ihre eigenen Regeln in den Dax aufrücken wird.

mm.de: Können Sie das näher erläutern?

Hilck: Der Kandidat der nachrückt, tut dies, weil einer rausfliegt, nicht weil er sich von selbst qualifiziert. Und die Deutsche Börse hat sich nicht über die Fast-Entry-Rule qualifiziert, sondern sie ersetzt Epcos einfach. Beiersdorf  und Deutsche Börse lagen nun beim Turn-Over dicht beisammen, also Platz 33 und Platz 34. Mit Blick auf die Marktkapitalisierung rangierte die Börse auf Platz 19 und Beiersdorf auf Platz 27. Nach diesen Regeln musste die Deutsche Börse aufsteigen. Aber sie hat eben von ihren eigenen Regeln profitiert.

mm.de: Böse Zungen behaupten, die Deutsche Börse hätte die Regeln von langer Hand vorbereitet, um sich doch noch in den Dax zu hangeln.

Hilck: Ich möchte der Deutschen Börse nichts unterstellen und glaube das nicht, weil die Kriterien für ein Fast-Entry wesentlich schärfer sind als für einen Fast-Exit. Beim Fast-Entry muss das Unternehmen sowohl bei Marktkapitalisierung als auch beim Umsatz unter Platz 25 liegen. Beim Fast-Exit gilt, das Unternehmen muss schlechter als Platz 45 bei dem einem oder dem anderen Kriterium abschneiden. Damit ist diese Regel die schärfere.

mm.de: Kritiker merken an, im Dax seien nicht die 30 größten, sondern die 30 teuersten Konzerne Deutschlands versammelt. Der Elite-Index diene auch dazu, die Kurse der Auserwählten hochzutreiben. Teilen Sie diese Kritik?

Hilck: Das muss gar nicht sein. Die Teuersten sind zwar oft auch die Größten. Ob ihr Preis aber auch gerechtfertigt ist, zeigt sich dann erst im Laufe der Zeit. Es kann schon passieren, dass manche Aktien nur durch eine bestimmte Marktphase nach oben gespült werden oder weil sie überteuert platziert wurden. Im Moment ist die Deutsche Börse groß. Sie erfüllt die Kriterien, hat also zu Recht den Platz im Dax.

Sind die Kriterien der Börse gerecht?

mm.de: Indexorientierte Fondsmanager sind gezwungen, die Veränderungen mitzumachen. Sehen Sie die Gefahr eines Herdentriebs, der mit fundamentalen Daten nicht mehr viel zu tun hat?

Hilck: Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Als Fondsmanager wünscht man sich so wenig Veränderungen in einem Index wie möglich. Sie bedeuten immer auch einen erzwungenen Umsatz. Ich muss die eine Aktie kaufen, und die andere verkaufen, das verursacht Kosten. Die will man natürlich vermeiden. Insofern sehe ich zunächst jede Änderung kritisch.

Andererseits muss der Index praktikabel bleiben. Wenn der Free Float einer Aktie zu gering ist, sollte sie aus dem Index ausscheiden, weil man den Titel eben kaum handeln kann. Und ein Wert, der wie Epcos nur noch mit 0,2 Prozent im Dax gewichtet ist, hat sich selbst marginalisiert. Die Deutsche Börse wäre hier mit etwas über einem Prozent der bessere Indexvertreter.

mm.de: Sind Börsenumsatz und Marktkapitalisierung als Kriterien ausreichend, sind sie vor allem gerecht?

Hilck: Es ist richtig, dass der Börsenumsatz mit berücksichtigt wird und nicht nur die Marktkapitalisierung. Wie gesagt, ein Index muss auch eine gewisse Praktikabilität haben. Dafür ist der Umsatz einer Aktie wichtig. Dass dies eine weiche Regelung der Deutschen Börse ist, lässt Raum für Augenmaß. Die Deutsche Börse kann sich so entscheiden, muss es aber nicht. Das lässt mehr Spielraum für den Arbeitskreis Aktienindizes. Und ich hoffe, er wird ihn zum Wohle aller nutzen.

mm.de: Es sind eben auch die weichen Kriterien wie Branchenzugehörigkeit, Streubesitzquote oder Indexkontinuität, die in der Kritik stehen, weil die Deutsche Börse sie bei Bedarf in den Vordergrund rückt. Der Londoner FTSE-Index etwa orientiert sich ausschließlich an technischen Daten. Halten Sie die Kriterien insgesamt in ihrer Wirkung für glücklich?

Hilck: Mit Blick auf die Branchenzugehörigkeit kann man leider nicht viel machen. Wir können uns die Firmen nicht wirklich aussuchen, wir haben in Deutschland nicht diese Marktbreite wie zum Beispiel in Amerika oder Großbritannien. Mit Epcos muss nun ein Technologiewert einem Finanzwert weichen. Die Finanzbranche war ohnehin relativ klein geworden. Jetzt ist das Verhältnis etwas ausgewogener. Wäre Beiersdorf in den Dax aufgestiegen, wäre der Chemiesektor noch größer geworden. Insofern ist das in Ordnung.

Das warnende Beispiel MLP

mm.de: Die Deutsche Börse verdient an umsatzstarken Titeln. Das heißt aber nicht, dass es immer die besten sind.

Hilck: Der Index ist oft die Benchmark für den Fondsmanager. Er hat es allerdings in der Hand, davon abzuweichen. Wer sich ausschließlich nach dem Index richtet, ist wie ein Schiff ohne Segel im Wasser. Der wird immer mitgetrieben, muss alles mitmachen. Wer aber eine aktive Komponente im Fonds hat, kann entsprechend die Werte, die er für überteuert hält, untergewichten und umgekehrt. Das ist sein Risiko. Wenn die Deutsche Börse in den Index aufrückt, muss man die Aktie ja nicht kaufen, der Fondsmanager kann sie auch ignorieren ....

mm.de: Das werden Sie aber nicht tun ...

Hilck: Das kommt darauf an. Nehmen wird doch das Beispiel MLP. Diese Aktie hatte ich zu Beginn nicht im Portfolio, weil sie mir zu teuer erschien. Die Kursentwicklung hat mich in meiner Einschätzung bestätigt. Und auch heute habe ich nur die Hälfte der Gewichtung von MLP, die ich eigentlich führen müsste. Insofern habe ich eine gute Wette gegen den Index gefahren. Der Fonds "UniDeutschland" hat den Index eben auch durch solche Wetten outperformt.

mm.de: Welche Chancen geben Sie der Aktie der Deutschen Börse?

Hilck: Ich hoffe, dass der Aktie nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie einer MLP, die auch als Finanzdienstleister in den Dax gekommen ist und nicht gerade billig war. Es wird sich zeigen, wie nachhaltig der Wert in Zukunft sein wird. Ich habe die Deutsche Börse zunächst mit etwa einem Prozent in der Benchmark. Der Wert rückt erst Ende Dezember in den Dax auf. Für eine mögliche Kaufentscheidung bleibt also genügend Zeit.

mm.de: Im Vorfeld haben Sie nicht gekauft?

Hilck: Nein, der "UniDeutschland" darf nicht spekulativ tätig werden, sondern erst, wenn die Entscheidung über die Zusammensetzung des Dax gefallen ist.

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