Wall-Street Bauchschmerzen nach dem Doppel-Whopper

Wahlsieg der Republikaner, Zinsen auf Rekordtief: Die Wall Street zeigt sich trotz dieser Steilvorlagen verkatert. Die Fantasien sind raus aus dem Markt. In dieser Woche ziehen neue dunkle Wolken auf.

New York - Was in aller Welt gab es diesmal auszusetzen? Perfekter als vergangene Woche kann es aus Börsensicht doch nun wirklich nicht laufen: Zuerst fahren die Republikaner einen historischen Wahlsieg ein, nun winken Steuersenkungen und andere Freifahrscheine für Unternehmer. Und dann senkt die US-Notenbank auch noch die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt - zum ersten Mal seit einem Jahr. Jackpot, sollte man meinen. Doch wie reagiert die Wall Street auf den Doppel-Whopper? Der Dow Jones legt während der Woche müde 0,2 Prozent zu, der Nasdaq Composite verliert gar 0,1 Prozent.

Die Fantasien sind erschöpft

Was läuft falsch? Die Langweiler-Erklärung lautet "Gewinnmitnahmen". Das sei nach einer vierwöchigen Rallye zu erwarten. Schön und gut. Doch vor allem zeigt die laue Reaktion, wie angeschlagen der Markt immer noch ist. Die Wall Street steckt in einem Loch: Die Quartalszahlensaison ist vorbei, die Wahlen sind passe, die Zinssenkung ist abgehakt. Alle Fantasien sind erschöpft.

Die einzige "Vision", die noch bleibt, ist Irak. Und die inspiriert nur Albträume. Zwar würde ein Triumph über Saddam Hussein der Börse einen kräftigen Schub geben, sagen Beobachter. Doch bevor der Krieg nicht beendet ist, dominieren Angst und Unsicherheit.

Zinssenkung bekräftigt Konjunktursorgen

Dazu gesellen sich Zweifel am Aufschwung. Einige Ökonomen rechnen nur noch mit einem Prozent Wirtschaftswachstum fürs vierte Quartal (Die Durchschnittsprognose liegt bei 1,6 Prozent). Ähnlich düster fallen inzwischen die Vorhersagen fürs erste Quartal 2003 aus. Paradoxerweise dürfte die Zinssenkung der Federal Reserve die Sorgen nicht verringert, sondern im Gegenteil noch bekräftigt haben. So wird in New York darauf hingewiesen, dass der finanzpolitische Spielraum der Fed nun noch geringer sei, sollte es zu einer Irakkrise kommen.

Auch das Anlegervertrauen, erodiert durch Unternehmens- und Bankenskandale, ist weiterhin brüchig. Laut der Securities Industry Association ist es auf dem niedrigsten Stand seit sieben Jahren. Auf dem Jahrestreffen der Organisation, zu dem die halbe Wall Street vergangene Woche ins sonnige Boca Raton in Florida pilgerte, war die Stimmung daher skeptisch bis gedrückt. "Ich wünschte, ich könnte sagen, wir haben es hinter uns", sagte John Shaefer, Präsident von Morgan Stanley's Abteilung für private Anleger. "Doch die Wahrheit ist, dass noch große Herausforderungen warten".

Die Wegweiser in dieser Woche

Dell, GAP und Wal Mart im Mittelpunkt

Diese Woche sind kaum Katalysatoren in Sicht, die die Kurse zum Steigen bringen könnten. Am Mittwoch legt Notenbankchef Alan Greenspan dem Kongress seine Einschätzung der konjunkturellen Großwetterlage vor. Er wird sich vermutlich wie vergangene Woche bei der Zinssenkung vorsichtig optimistisch geben: Kurzfristig sei es bewölkt, langfristig aber sei mit strahlendem Sonnenschein zu rechnen.

Die dunkelste Wolke am Horizont ist die Weihnachtssaison der Einzelhändler. Zwar lief der Oktober für den Handel besser als erwartet, was einige Unternehmen vergangene Woche dazu veranlasste, ihre Erwartungen für das gerade abgeschlossene Quartal anzuheben. Doch Analysten warnen vor einer Nachfragedelle in den kommenden Wochen, in denen die Hälfte des Jahresumsatzes erwirtschaftet wird. Die Börsianer warten gespannt auf die Prognosen der wichtigsten Einzelhändler, von Gap über J.C. Penney bis hin zu Wal-Mart, die allesamt diese Woche Quartalszahlen vorlegen.

Weg weisend ist am Mittwoch der Bericht des Discounters Wal-Mart, den die sparsam gewordenen Amerikaner bisher noch nicht verlassen haben. Der Gigant aus Bentonville macht zehn Prozent des gesamten US-Einzelhandels (ohne Autos) aus. Analysten erwarten einen Gewinn von 40 Cents pro Aktie - ein deutlicher Anstieg von den 33 Cents des gleichen Vorjahreszeitraumes.

Neben den Einzelhändlern, die der Zahlen-Hauptsaison immer einen Monat hinterher hinken, berichten auch die Tech-Schwergewichte Applied Materials (Mittwoch) und Dell (Donnerstag). Bei PC-Hersteller Dell wird ein Gewinn von 21 Cents pro Aktie erwartet - fünf Cents mehr als im Vorjahr. Der Marktführer hat die IT-Krise besser überstanden als andere. Unternehmenschef Michael Dell hatte Ende Oktober gesagt, die Nachfrage nach Hardware habe wieder angezogen.

Für Applied Materials rechnen Analysten mit einem Gewinn von acht Cents pro Aktie - nach zwei Cents im Vorjahr. Das Chip-Unternehmen hatte vergangene Woche angekündigt, wegen der anhaltend schwachen Nachfrage elf Prozent seiner Mitarbeiter zu entlassen.

Doch die paar Zahlen werden kaum ausreichen, um den Börsianern neue Fantasien in den Kopf zu setzen. Die Schlagzeilen sprechen von Krieg und die Konjunkturdaten von Krise. Die Hürden bei der Rallye werden höher.