Die Trinkaus-Kolumne Was uns Brehms Tierleben lehrt

Es bleibt dabei - der Hund wedelt mit dem Schwanz, nicht umgekehrt. Will heißen: Die Innovationen im Tech-Bereich werden die Wirtschaft nicht von sich aus beflügeln können. Skepsis ist daher angebracht.
Von Klaus Lüpertz

Und wieder ist es soweit: Viele Marktteilnehmer wollen die Anomalie zum Normalzustand erklären! Die Börsen steigen und schon wieder kocht die Begeisterung für Technologieaktien fast über.

Ich habe in der letzten Woche bereits einiges zum Thema SAP  gesagt, aber seitdem häufen sich die Anfragen: "Brauche ich wieder Internetaktien?", "Sind kleine Provider wieder kaufenswert?" und so weiter. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Es gibt drei Antworten auf alle diese Fragen: 1. "Nein.", 2. "Nein" und 3. "Nein". Die Kurskorrekturen der letzten Zeit bei den Tech-Werten stellen im wesentlichen nur technische Reaktionen dar, die teilweise von Unternehmensnachrichten gestützt wurden.

Firmennachrichten lagen im Rahmen der Erwartungen

Per Saldo waren die Firmennachrichten aber nicht überschwenglich gut, sondern sie hielten sich größtenteils im Rahmen der ohnehin stark abgeschwächten Erwartungen. Die Technologieaktien profitierten vom allgemeinen Aufschwung an den Börsen.

Wichtig ist: Diese Aktien alleine können keinen neuen Aufschwung begründen. Dafür fehlt auch der fundamentale Unterbau, denn eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung ist nicht in Sicht. Das zeigt allein schon die Lage in den USA:

Das jüngste Konsumentenvertrauen erreichte im Sturzflug den nicht für möglich gehaltenen Tiefstand seit 1993 und sorgte dafür, dass wieder vermehrt in festverzinsliche Papiere investiert wurde. Somit steigt die Unsicherheit über die künftige Entwicklung des privaten Konsums an. Und der ist ohnehin schon problembehaftet.

Beispielsweise gab es trotz einer Verlängerung der Kaufanreize durch "Nullzins"-Kredite seitens der Automobilhersteller einen drastischen Rückgang bei den Absatzzahlen für September. Dazu kommt als weiteres Anzeichen der geringe Zuwachs bei den Konsumentenkrediten (August: nur + 4,2 Milliarden Dollar gegenüber dem Vormonat).

Jetzt kaufen oder nicht?

Es gibt nicht ein Problem, sondern viele

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und somit wahrscheinlich auch nicht schnell lösbar: Der drohende Irakkrieg, der "Sniper von Washington", die Angst vor weiterem Terror der Organisationen um Osama Bin Laden, die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt (Rückgang der neu geschaffenen Stellen im September um 43.000) und nicht zuletzt der schärfste Quartals-Kurseinbruch des Dow Jones seit dem Aktiencrash vor 15 Jahren.

Und damit sind gerade einmal die Probleme des privaten Verbrauchers angerissen, der aber immerhin 70 Prozent vom US-Bruttoinlandsprodukt ausmacht. Der industrielle Sektor gibt mit rückläufigen Vorlaufindikatoren, sinkender Kapazitätsauslastung und einem ISM-Index (Einkaufsmanagerindex) unterhalb von 50 Punkten auch keinen Grund zum Jubel.

Hoffnung auf Wachstum der US-Wirtschaft

Natürlich ist nicht alles nur negativ. Immerhin gibt es berechtigte Hoffnung, dass die US-Wirtschaft im Folgejahr um ca. 2,7 Prozent wachsen wird.

Diese Wachstumsrate liegt aber unterhalb des so genannten Potenzialwachstums und ist vom Kern der Sache her "bad news" für Technologieaktien, denn: Solange die Wirtschaft nur gerade so vor sich hindümpelt und die Unternehmen keine großen Gewinne einfahren, solange werden auch Investitionen in neue Technologie fast völlig außen vor gelassen und Ersatzinvestitionen auf die lange Bank geschoben.

Realisierung von Kursgewinne sollte erwogen werden

Die Innovationen im Tech-Bereich werden die Wirtschaft nicht von sich aus beflügeln können – der Hund wedelt nun mal mit dem Schwanz und nicht anders herum.

Wir sollten uns über die Kurserholung der Tech-Werte freuen und eventuell, falls man den Mut hatte unten zu kaufen, Kursgewinne realisieren. Es kommen wohl wieder bessere, sprich billigere, Tage zum Einstieg.

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