Börse Der "TecDax " soll es richten

Die Deutsche Börse baut die Aktiensegmente radikal um. Der MDax wird deutlich kleiner, der Nemax50 verschwindet. Der TecDax versammelt die 30 wichtigsten Technologieunternehmen. Schon regt sich erster Widerstand.

Frankfurt - Die Deutsche Börse  AG krempelt die Börsenlandschaft komplett um. Von März 2003 an stehen Dax, TecDax, MDax und SDax für die Stimmung am deutschen Aktienmarkt. An die Stelle des Neuen-Markt-Index Nemax 50 tritt der TecDax. In ihm sind nur noch dreißig Technologie-Unternehmen enthalten. Den Nemax 50 berechnet die Börse aber noch bis Ende 2004 parallel, obwohl der Neue Markt spätestens 2003 nicht mehr existieren wird. Diese Pläne stellte die Deutsche Börse am Donnerstag in Frankfurt vor.

"Der TecDax wird unser neues Schaufenster für Technologieunternehmen sein", sagte Börsenvorstand Volker Potthoff am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt.

Beim Deutschen Aktienindex Dax bleibt weitgehend alles beim Alten. Doch darunter führt die Börse ein neues Branchensystem ein, das streng nach Technologie- und "klassischen" Werten trennt. Technologie-Unternehmen aus dem ehemaligen Neuen Markt und dem alten M- und SDax rangeln künftig um einen Platz unter den 30 TecDax-Titeln.

Old Economy versus New Economy

Dem neuen MDax und SDax gehören nur noch klassische Branchen wie Industrie, Finanzen, Handel oder Pharma an. Der MDax schrumpft von 70 auf 50 Mitglieder.

Mit der Verkleinerung von MDax und Einführung von TecDax kommt die Börse seit langem erhobenen Forderungen von Fondsmanagern entgegen, die über zu kleine Werte in Indizes geklagt hatten.

Kritik an der Neugliederung

Den Wust an unterschiedlichen Segmenten reduziert die Börse auf eine Ober- und eine Unterliga. Die Oberliga heißt "Premium Standard". Nur Angehörige dieses Bereichs dürfen in einen Auswahlindex. Wer dazugehören will, muss sich strengen, international üblichen Regeln unterwerfen, die über das gesetzliche Muss hinausgehen. Dazu gehören Quartalsberichte und internationale Rechnungslegung. Alle übrigen Unternehmen werden dem "General Standard" angehören.

Kritik an der Neugliederung wurde vor allem von Unternehmen laut, die den Index wechseln müssen oder ganz aus einem Auswahlindex herausfallen. Eingeführt werden sollen die neuen Indizes zum 24. März.

Die Zugehörigkeit zu einem Index ist für Unternehmen wichtig, weil viele Fondsgesellschaften ihr Portfolio an diesen Börsenbarometern ausrichten. Insbesondere vor Index-Änderungen verteuern sich daher die Aktien möglicher Aufsteiger, während Abstiegskandidaten Verluste hinnehmen müssen.

Die Deutsche Börse wird auch in Zukunft bei den kleinen und mittleren Unternehmen nach Werten aus der klassischen Industrie und Wachstumswerten unterscheiden. "Damit nehmen wir Anforderungen von Investoren und Medien auf", sagte Börsenvorstand Christoph Lammersdorf. Alle Unternehmen des "Prime Standard" werden zukünftig in 18 Branchen eingeteilt.

T-Online bald ein Dax-Kandidat?

Diese gliedern sich wiederum in sogenannte "Industry Groups". Die Einsortierung in eine solche Gruppe entscheidet dann darüber, ob das Unternehmen als Wachstumswert oder als Aktie einer klassischen Industrie gewertet wird.

Durch die Eingruppierung und die Verkleinerung wechseln eine ganze Reihe von Unternehmen in anderen Indizes. Wenig begeistert zeigte sich die Unternehmensleitung des Modekonzerns Escada , der einer vorläufigen Berechnung der Börse zufolge aus dem MDax in den SDax abrutscht.

Escada: "Kommunikation der Börse ist katastrophal"

"Wir haben noch im Sommer mit der Börse gesprochen, um die Präsenz von Escada dauerhaft im MDax zu sichern", sagte Finanzvorstand Georg Kellinghusen. Daher habe Escada in einer außerordentlichen Hauptversammlung im September die Vorzugsaktien in Stämme umgewandelt. "Wir halten die Kommunikationspolitik der Deutschen Börse für katastrophal", sagte er und beschrieb damit die Reaktion vieler Unternehmen.

Börsenvorstand Lammersdorf sagte auf die Frage, ob die Börse mit den Unternehmen gesprochen habe, die Börse habe mit vielen Emittenten in Kontakt gestanden. "Am Ende des Tages muss ein Indexanbieter seine Produkte aber so bauen, wie die Investoren es fordern."

T-Online bald ein Dax-Kandidat?

Durch die Neuordnung können - entgegen der aktuellen Regelung - auch bisherige Nemax50-Unternehmen in den Dax aufsteigen. Heißester Kandidat aus dieser Gruppe wäre T-Online . Aufnommen werden in den Dax kann ein Unternehmen, das nach Marktkapitalisierung und Börsenumsatz zu den 35 größten in Deutschland gehört.

T-Online liegt derzeit auf den Plätzen 38 und 35. Daher könnte das Unternehmen beispielsweise bei anziehenden Kursen mittelfristig in den Dax aufsteigen.

Index-Zugehörigkeit auch eine Frage des Marktwertes

Der MDax wird wie erwähnt in Zukunft 50 statt bisher 70 Unternehmen beinhalten. Die kleinsten Unternehmen dürften nach Berechnungen der Börse einen Marktwert der frei handelbaren Aktien von 150 Millionen Euro aufweisen, die kleinste Gesellschaft des TecDax wird bei 60 Millionen Euro liegen. 50 Millionen Euro sind nach Angaben von Vermögensverwaltern die unterste Grenze für ein Investment.

Während die Berechnung des Nemax-All-Share und des Smax-All-Share zum 24. März aufgegeben werden soll, will die Börse die Berechnung des Nemax50-Index noch bis Ende 2004 beibehalten. Damit soll den Anbietern von Derivaten auf dieses Börsenbarometer eine Übergangszeit gewährt werden.

Wer wechselt, wer fliegt raus?

Wer wechselt wohin? Eine vorläufige Übersicht

Die Deutsche Börse AG ersetzt wie gesagt im nächsten Jahr den Nemax50 durch den TecDax, der nur noch 30 statt bislang 50 Werte umfassen wird. Auch der Nebenwerteindex MDax wird auf 50 von bislang 70 Werten verkleinert. Die Zahl der Unternehmen im Dax und im Kleinwerteindex SDax hingegen bleibt unverändert.

Auf Grund einer vorläufigen Berechnung der Deutschen Börse AG auf Grundlage der aktuellen Marktkapitalisierungen und ohne Berücksichtigung des ebenfalls wichtigen Börsenumsatzes würden sich folgende Änderungen ergeben. Die vorgelegte Liste hat nach Auskunft der Börse aber keinen Einfluss auf die tatsächliche Zusammensetzung der Aktienindizes im März 2003, da die Entscheidung erst auf Basis der Schlusskurse von Ende Januar 2003 getroffen werde.

Für den Dax sind keine Änderungen vorgesehen.

In den MDax wechseln der vorläufigen Berechnung zufolge aus dem bisherigen Nemax50 die Unternehmen Medion  und Thiel Logistik . Die Nürnberger Beteiligungs AG wird ebenfalls in den MDax aufgenommen.

In den neuen TecDAX wechseln die bisherigen MDax-Unternehmen Fresenius , Jenoptik , Software AG , Drägerwerk  und Wedeco . Aus dem Nemax-All-Share steigen BB Medtech , Bechtle , Web.de , Rofin-Sinar , Repower Systems  und Macropore  auf.

Eine Reihe der bislang im MDax und Nemax50 vertretenen Unternehmen steigen in den SDax ab:

Dabei handelt es sich um die MDax-Unternehmen Beate Uhse , Vossloh  , Dyckerhoff, Gildemeister , GFK, Jungheinrich, BHW Holding , Indus Holding, DIS , Dürr , Gerry Weber , Phoenix , Kloeckner-Werke, Agiv , Loewe, Kolbenschmidt, Escada  und Sixt .

Aus dem Nemax50 in den Sdax wechseln Teleplan , Comdirect , EM.TV , Balda , DAB Bank , Highlight Communications , CE Consumer , D.Logistics , Gericom  und Viva .

Folgende Nemax50-Unternehmen werden künftig in keinem Auswahlindex mehr vertreten sein: ACG , Adva , Augusta , Dialog Semiconductor , Elmos Semiconductor , Funkwerk , GPC Biotech , IM Internationalmedia , Intershop , Lambda Physik , Lion Bioscience , Medigene , Morphosys , Mühlbauer Holding , Senator Entertainment , Steag Hamatech , Süss Microtec , Technotrans , Umweltkontor .


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