EM.TV Leo Kirch gibt Schützenhilfe

Der gescheiterte Medienmogul Leo Kirch springt seinem "guten Freund" Thomas Haffa zur Seite. Ein umstrittener Vertrag mit Junior TV war auch für Kirch so gut wie vollzogen - nur eben leider nicht unterschrieben.

München - Im Strafprozess gegen die EM.TV-Gründer Thomas und Florian Haffa hat am Montag der gescheiterte Medienunternehmer Leo Kirch als Zeuge ausgesagt. Thomas Haffa sei ein langjähriger Mitarbeiter und guter Freund gewesen, sagte Kirch vor dem Münchner Landgericht. Zuletzt habe es aber keinen Kontakt mehr gegeben.

Da Kirch in der Öffentlichkeit so gut wie nie auftritt, war der Besucherandrang im Gericht groß. In seiner knapp eineinhalbstündigen Zeugenaussage erläuterte der 76-Jährige die Geschäftsbeziehungen zwischen der KirchGruppe und EM.TV . Die Staatsanwaltschaft wirft den Haffas Täuschung der Anleger vor.

Vertrag mit Junior TV mündlich verhandelt

Im Mittelpunkt der Befragung stand ein Vertrag zwischen dem Kirch-EM.TV-Gemeinschaftsunternehmen Junior TV und EM.TV. Die Staatsanwaltschaft wirft den Haffa-Brüdern vor, im ersten Halbjahr rund 30 Millionen Euro Umsatz aus diesem Vertrag verbucht zu haben, obwohl er erst im Herbst schriftlich geschlossen wurde.

Kirch sagte, er habe den Vertrag bei einem Treffen Mitte Juni 2000 mit Thomas Haffa besprochen. "Für mich war der Vertrag vollzogen." Mündliche Verträge seien in der Branche nichts Ungewöhnliches. "Es kam auf alle Fälle vor. Aber es war nicht die Regel", sagte Kirch.

Kirch stellte sich damit zwar hinter den zusammen mit seinem Bruder Florian wegen Kursbetrugs angeklagten Ex-EM.TV-Chef Thomas Haffa, konnte aber keine neuen entlastenden Angaben über ein umstrittenes Geschäft über die Zeichentrickserie "Die Simpsons" machen.

Keine Zusage über Weiterverkauf an ProSieben

Der 76-Jährige, der ohne Anwalt nur mit einer Assistentin vor Gericht erschienen war, bestätigte zwar, dass es im Sommer 2000 eine grundsätzliche Vereinbarung zwischen ihm und Haffa gegeben habe, knapp 250 Folgen der Zeichentrickserie von KirchMedia an EM.TV zu verkaufen. Nicht bestätigen konnte er jedoch, dass es eine feste Zusage des früheren Kirch-Senders ProSieben über den erneuten Kauf der "Simpsons"-Folgen zu einem hohen Preis gegeben habe. Haffa hätte aber als "optimistischer Mensch", sicher geglaubt, das Geschäft mit ProSieben noch im Jahr 2000 abschließen zu können, sagte Kirch.

Der frühere KirchMedia-Chef und ProSieben-Aufsichtsratschef Dieter Hahn betonte jedoch als weiterer Zeuge, bei den Verhandlungen zwischen ProSieben und der EM.TV-Tochter Junior TV habe es sich nicht um ein abgeschlossenes Geschäft gehandelt: "Dass es eine Einigung gegeben hat, ist mir nicht bekannt", sagte der ehemalige Kirch-Manager.

Kirch sagte, Thomas Haffa sei für ihn ein enger Mitarbeiter gewesen und auch heute noch "ein guter Freund". Haffa sei ein besserer Verkäufer als er, weshalb er zusammen mit ihm das gemeinsame Unternehmen Junior-TV gegründet habe. Kirch beendete seine Ausführungen über gemeinsame Geschäftsbeziehungen mit: "Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Ich habe mich verstanden."

Haffa bestreitet Vorwürfe

Das lang erwartete Strafverfahren gegen den ehemaligen EM.TV-Vorstandschef Thomas Haffa und seinen Bruder Florian hatte Anfang November begonnen. Besonders Thomas Haffa ist wie kein anderer Symbol für Aufstieg und Fall des Neuen Marktes.

Die Brüder Haffa müssen sich wegen Kursbetrugs verantworten. Das Duo soll den Kurs der EM.TV-Aktie im Boomjahr 2000 mit haltlosen Prognosen in die Höhe getrieben haben. Den einstigen Börsenlieblingen drohen mehrere Jahre Gefängnis.

Staatsanwalt Peter Noll hatte den Haffa-Brüdern zum Auftakt des Proesses vorgeworfen, im Jahr 2000 wissentlich falsche Halbjahreszahlen vorgelegt zu haben. Zudem hätten sie in Interviews und Vorträgen falsche Angaben über die Verhältnisse der Gesellschaft gemacht. Im Gerichtssaal saßen auch zahlreiche Kleinanleger, die mit der EM.TV-Aktie viel Geld verloren haben.

"Nicht wissentlich falsch informiert"

Viele von ihnen forderten am Montag eine harte Bestrafung. Die positiven Aussagen der Haffas über die Lage des Unternehmens seien angesichts der Probleme bei EM.TV "schlichtweg eine Unverfrorenheit" gewesen, sagte Werbefachmann Robert Kaufmann, der nach eigenen Angaben eine sechsstellige Summe in EM.TV-Aktien investiert hatte.

In einer einstündigen Stellungnahme hat Thomas Haffa den Vorwurf, unrichtige Darstellungen über sein Unternehmen gemacht zu haben, zurückgewiesen. Er habe die Aktionäre nicht "wissentlich falsch informiert oder die Lage des Unternehmens falsch dargestellt", sagte der ehemalige Vorstandsvorsitzende am Montag vor der vierten Strafkammer des Landgerichts. Er und sein Bruder hätten "stets nach bestem Wissen und Gewissen" berichtet, dass sie "vom Erfüllen der Prognosen ausgingen". Außerdem habe er "nicht wissentlich oder vorsätzlich auf der Roadshow falsche Halbjahreszahlen präsentiert", fügte Haffa hinzu.

Zum Vorwurf, dass er noch im November 2000 an den Jahresprognosen festhielt und dann am 1. Dezember 2000 eine Gewinnwarnung erfolgte, erklärte Haffa: Er habe wegen bevorstehender großer Geschäftsabschlüsse zu diesem Zeitpunkt immer noch daran geglaubt, das Jahresergebnis zu erreichen. Mit "Bestürzung" habe er dann festgestellt, dass die Wirtschaftssprüfer die getätigten Geschäfte nur als umsatzwirksam, nicht aber als ergebniswirksam erachteten. Deshalb sei eine Gewinnwarnung notwenig geworden.

Die Vorsitzende Richterin Huberta Knöringer erklärte im Anschluss an die Erklärung, dass sich das Gericht intern beraten werde und deshalb die Verhandlung erst am Dienstag fortgesetzt werde.

Eine Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erklärte zu Beginn der Verhandlung, sie erhoffe sich durch den Strafprozess "Klarheit" und eine Signalwirkung. Der Verteidiger von Thomas Haffa hofft, dass es zu einer Entscheidung noch in diesem Jahr kommen wird.

Thomas Haffa und sein Bruder Florian, der Finanzvorstand war, haben die Vorwürfe bereits vor Prozessbeginn zurückgewiesen. Die Richter am Münchner Landgericht stellen sich deshalb auf einen langen Prozess mit vielen Zeugen ein. Nach der Verlesung der 122 Seiten langen Anklageschrift am 4. November haben sie bis Ende Januar mehr als zehn Verhandlungstage eingeplant.

Prozess mit Signalwirkung

Prozess mit Signalwirkung

Für Aktionärsschützer hat der erste Prozess nach der Serie der Skandale am Neuen Markt Signalwirkung. "Alle Unternehmen, die noch Leichen im Keller haben, werden jetzt anfangen zu zittern", sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Der Ausgang der Strafprozesse sei auch für die vielen Aktionäre von Bedeutung, die durch betrügerische Manager ein Vermögen an der Börse verloren hätten.

"Wenn die Haffas verurteilt werden, steigen die Chancen auf Schadenersatz erheblich", sagt Bergdold. Zum Teil hatten die Richter die Schadenersatz-Verfahren ausgesetzt, um die Entscheidungen der Strafprozesse in München abzuwarten.

Hoffen auf Gefängnisstrafe

Durch eine Bestrafung von Schwarzen Schafen am Neuen Markt würde nach Ansicht des Börsenexperten Gottfried Heller auch das Vertrauen der Aktionäre gestärkt. "Ich hoffe, dass einige auch hinter Gitter müssen. Aber das wird wahrscheinlich nicht passieren." Deutschland müsse sich ein Vorbild an den USA nehmen, wo selbst hochrangige Manager bei betrügerischen Aktiengeschäften jahrelang ins Gefängnis müssten.

Auf dem Höhepunkt des Börsenbooms gehörten die Haffa-Brüder zu den schillerndsten Figuren am Neuen Markt. Der braun gebrannte Konzernchef Thomas Haffa ließ sich auf Empfängen der Münchner Schickeria als Börsenstar feiern und gönnte sich mit seinem Millionenvermögen ein Jet-Set-Leben zwischen seiner Villa in München, einer Yacht in Cannes und seiner Finca auf Mallorca.

Abgang nach dem Crash

Die Aktionäre begeisterte Haffa mit Ankündigungen hoher Gewinne. Dabei war ihm nach Ansicht der Staatsanwaltschaft aber klar, dass diese Ankündigungen nicht haltbar waren. Statt des erwarteten Gewinns musste EM.TV  schließlich Ende 2000 einen Verlust bekannt geben.

Der Aktienkurs des Unternehmens stürzte daraufhin von einem Höchststand über 100 Euro ins Bodenlose. Zuletzt dümpelte die Aktie bei weniger als einem Euro. Etliche Anleger verloren durch den Kurssturz ein Vermögen. Mitte vergangen Jahres traten die Haffas von ihren Posten zurück.

An Dreistigkeit kaum zu überbieten

Die Haffa-Brüder sind nach Worten von Bergdolt in punkto Dreistigkeit nur von dem einstigen Chef des Telematik-Unternehmens Comroad , Bodo Schnabel, überboten worden. Er steht wenige Tage nach dem Beginn des EM.TV-Prozesses wegen dem größten Bilanzskandal am Neuen Markt vor dem Münchner Landgericht.

Im Gegensatz zu den schillernden Haffa-Brüdern gehörte Schnabel eher zu den grauen Mäusen des Neuen Markts. Still und heimlich hat er nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in den Jahren 1998 bis 2000 einen Großteil der Umsätze seiner Firma Comroad frei erfunden und die Aktionäre damit bei Laune gehalten.

Kein Schuldbewußtsein bei den Haffas

Schnabel wurde im Frühjahr verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Auch gegen seine Frau Ingrid, die im Aufsichtsrat saß, wird ermittelt.

Bei den Schnabels ist nicht nur die Anklage mit 59 Seiten kürzer als bei den Haffas, auch das Verfahren selbst dürfte relativ wenig Zeit beanspruchen. Für den Prozess haben die Richter nur einen Tag angesetzt. Nach Einschätzung von Experten deutet das auf ein umfassendes Geständnis hin. Die Brüder Haffa indessen sind sich weiterhin keiner Schuld bewusst.

Die Glücksritter des Neuen Marktes Anklageerhebung gegen die Brüder Haffa Die schiefen Zahlen des Florian Haffa

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