Finanzmärkte "Bewertungen wie an einer Busch-Börse"

Seit März 2000 haben die internationalen Finanzmärkte massive Verluste erlitten. Dennoch - oder gerade deswegen - ist Fiduka-Chef Gottfried Heller zuversichtlich, vor allem für den deutschen Markt. Er sieht Kaufkurse.
Von Clemens von Frentz

mm.de:

Herr Heller, Anfang des Jahres waren Sie noch zuversichtlich für die weitere Börsenentwicklung. Ihre damalige Einschätzung war, dass es im Spätsommer zu einem Aufschwung der Konjunktur und der Finanzmärkte kommen werde.

Heller: Das ist richtig, im Januar war dieses Szenario für mich durchaus wahrscheinlich. Dass diese Erwartung sich nicht erfüllt hat, hatte mit unvorhersehbaren Faktoren zu tun, die uns nun zu schaffen machen. Zum einen ist da die Irak-Krise, zum anderen die wieder aufgeflammte Diskussion um ein so genanntes "Double Dip".

Außerdem war nicht abzusehen, dass wir in 2002 eine ganze Reihe von Bilanzskandalen in den USA erleben würden. Diese Skandale haben dazu geführt, dass die SEC die Vorstände gezwungen hat, ihre Bilanzen zu beeiden. Die Frist für die Abgabe dieser Erklärung endete Mitte August, was dazu führte, dass wir im Sommer eine ganze Menge Unsicherheit im Markt hatten.

mm.de: Wie ist Ihre Einschätzung jetzt? Gehen Sie davon aus, dass die Erholung nun - mit einer kleinen Phasenverschiebung - doch noch in absehbarer Zeit kommt?

Heller: Auf jeden Fall. Die Vorstände, die noch Leichen im Keller hatten, mussten jetzt Farbe bekennen, was mich zu der Hoffnung veranlasst, dass das Gröbste überstanden ist.

mm.de: Wie beurteilen Sie die in den USA eingeführten Maßnahmen? Reicht das Reformpaket aus, um das Vertrauen der Anleger wiederherzustellen?

Heller: Ich finde, dass die Amerikaner da sehr konsequent und radikal gehandelt haben. Das war die schärfste Reform seit 1933 und die Gesetze sind so drakonisch verschärft worden, dass ich durchaus positive Effekte erwarte. An der Konjunktur selbst hat sich dadurch wenig geändert, aber jetzt sind die Voraussetzungen für neues Vertrauen geschaffen worden. Das ist ein ganz entscheidender Punkt, denn die aktuelle Schieflage der Finanzmärkte ist ja weniger eine Konjunktur- als vielmehr eine Vertrauenskrise. Wenn ich als Anleger einer Bilanz nicht trauen kann, kaufe ich auch keine Aktien mehr.

mm.de: Wäre die Reform in den USA auch ein Vorbild für Europa beziehungsweise Deutschland?

Heller: Absolut. Ich habe immer gesagt, dass ein Problem unserer heimischen Finanzmärkte auch die Unzulänglichkeit des deutschen Anlegerschutzes ist. Schauen Sie sich doch den Neuen Markt an: Was da an kriminellen Machenschaften passiert ist, wäre in dieser Häufung und dieser Dreistigkeit in den USA kaum denkbar gewesen.

"Der Neue Markt war schon lange tot"

mm.de: Stichwort Neuer Markt - was halten Sie von der geplanten Abschaffung des einst so gefeierten Wachstumssegmentes?

Heller: Das war längst überfällig. Der Neue Markt war schon lange tot. Die Deutsche Börse  hat auch mit diesem Schritt viel zu lange gezögert. Außerdem wurde es höchste Zeit, den Handel mit den so genannten Wachstumswerten juristisch neu zu ordnen. Bislang war das eine privatwirtschaftliche Veranstaltung, nun unterliegt das Segment dank des vierten Finanzmarktförderungsgesetzes der öffentlichen Gerichtsbarkeit.

mm.de: Die öffentliche Gerichtsbarkeit hat aber nur dann einen positiven Effekt, wenn sie angemessen ausgeübt wird ...

Heller: Das ist richtig. Bis heute haben wir das Problem, dass es in Deutschland viel zu wenig juristische Experten für diese Bereiche gibt. Man hat immer den Eindruck, die Staatsanwälte und Richter verhalten sich wie Jesus Christus auf Golgatha und sagen: "Lass diesen Kelch an mir vorübergehen." Das Beispiel Infomatec  spricht doch Bände. Unglaublich, dass das Urteil zu Gunsten des geschädigten Anlegers wieder kassiert wurde.

In Amerika ist das ganz anders, da reißen sich die Juristen geradezu darum, Anlageschwindler zur Strecke zu bringen. Man sollte – ähnlich wie in den USA – auch bei uns eine Zentrale Gerichtsbarkeit mit Fachanwälten, zum Beispiel in Frankfurt, einrichten.

mm.de: Allerdings muss man auch sagen, dass in Amerika das Ausmaß der Bilanzschwindeleien tatsächlich einmalig war. Fälle wie Worldcom und Enron hatten ja eine unglaubliche Dimension.

Heller: Das ist richtig, aber schauen Sie sich doch den Neuen Markt an, wo die Anleger jahrelang systematisch betrogen wurden. Und denken Sie an die Deutsche Telekom . Was da bei der dritten Tranche abgelaufen ist, war unglaublich. Die Art und Weise, wie man den Kleinanlegern die Aktie für 66 Euro angedreht hat, kann man fast nur als Bauernfängerei bezeichnen. Und für die verkappte vierte Emission, nämlich der Aktientausch beim Kauf von Voicestream, gilt das gleiche.

mm.de: Um einen Blick in die Zukunft zu werfen: Welche Länder und welche Bereiche würden Sie bevorzugen, wenn Sie jetzt kaufen wollten?

Heller: Ich würde ganz klar Europa - besonders Deutschland - den Vorrang geben, weil die deutschen Werte am stärksten abgeschlachtet wurden. Schätzen Sie mal, wie hoch die Gesamtkapitalisierung aller deutschen Werte im Vergleich zu allen anderen Weltbörsen ist.

mm.de: Fünf Prozent?

Heller: Falsch. Viel weniger. Derzeit sind es rund 2,3 Prozent. Damit haben wir Verhältnisse wie an einer Busch-Börse in der Dritten Welt. In Amerika sind es rund 56 Prozent.

Welche Einzelwerte interessant sind

mm.de: Trotzdem würden Sie in Deutschland kaufen?

Heller: Genau. Im Vergleich zu allen anderen großen Finanzplätzen ist die deutsche Börse derzeit die billigste. Die Kurse der etablierten Werte werden auf Basis ihres Cashflows in Relation zum MSCI-Weltaktienindex mit einem Abschlag von 55 Prozent und auf Basis des Buchwerts mit einem Abschlag von 50 Prozent bewertet.

Noch nie waren deutsche Aktien im Vergleich zum Weltaktienindex so preiswert. Eine solche Unterbewertung ist eine großartige Chance. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Auf Basis der prognostizierten Gewinne für 2003 liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax - wenn man die defizitäre Telekom  außen vor lässt - bei etwa 10,5. Fundamental betrachtet haben wir also Kaufkurse.

mm.de: Das ist die fundamentale Betrachtung. Wie sieht die technische Bewertung aus?

Heller: Auch die technische Verfassung ist in Ordnung. Viele unerfahrene Anleger haben ihre Depots, die sie Ende der neunziger Jahre hektisch aufgebaut hatten, wieder komplett aufgelöst. Mein alter Weggefährte Andre Kostolany würde sagen, "die zittrigen Hände" haben verkauft, und jetzt sind wieder die Profis im Markt. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für steigende Kurse.

mm.de: Welchen Einfluss wird der Ausgang der Bundestagswahl für den deutschen Aktienmarkt haben?

Heller: Auch wenn es ketzerisch klingt – ich bin fest überzeugt davon, dass der Sieg der rot-grünen Koalition nicht schlecht für die Börse ist. Es gilt immer noch der Satz: "Nur die Konservativen können einen Krieg beenden, und nur die Linken können den Sozialstaat abbauen."

Ich glaube, mit der knappen Mehrheit von Rot-Grün wird Schröder gar nicht anders können, als konsequente Konjunkturprogramme und Reformen einzuleiten. Schließlich kann er sich nicht darauf verlassen, dass ihm vor der nächsten Wahl wieder eine Sintflut und ein Irak-Konflikt zu Hilfe kommen. Auch die Ernennung von Wolfgang Clement zum "Superminister" halte ich für eine gute Entscheidung.

mm.de: Welche Werte würden Sie angesichts dieser Einschätzung kaufen?

Heller: Zunächst einmal die großen Auto- und Finanzwerte wie Allianz  und Münchener Rück , HypoVereinsbank  und Deutsche Bank . Auch RWE , Bayer  und Siemens  sind attraktiv.

mm.de: Aber gerade die Banken haben doch seit einiger Zeit massive Probleme ...

Heller: Das stimmt, die Banken haben ein ernstes Kostenproblem. Aber jetzt sind infolge der schlechten Ertragslage drastische Maßnahmen eingeleitet worden, um die Schieflage in den Griff zu bekommen. Sobald diese greifen und die Konjunktur sich etwas bessert, wird kein Mensch mehr von einer Bankenkrise reden.

mm.de: Gibt es auch Werte aus der zweiten Reihe, die Sie interessant finden?

Heller: Durchaus. Im Bereich Maschinenbau haben wir einige Unternehmen, die gut verdienen. Außerdem gibt es Werte wie Kali + Salz  und Bilfinger Berger , die einigermaßen liquide und gut positioniert sind. Gleiches gilt für IKB .