Chemiewerte Verzögerter Aufschwung

Der Branchenverband gibt sich skeptisch. Eine Erholung wird erst für das kommende Jahr erwartet.

Frankfurt am Main – Die deutsche Chemieindustrie rechnet nach Einschätzung ihres Dachverbandes VCI für dieses Jahr weiterhin nur mit einer moderaten Erholung der Chemiekonjunktur. "Der Konjunkturmotor in der chemischen Industrie läuft nur mit angezogener Handbremse", teilte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am Mittwoch in Frankfurt in seinem Lagebericht zum zweiten Quartal mit.

Zwar werde für den weiteren Jahresverlauf bei der Industrie in Deutschland und in Europa mit einer einsetzenden Konjunkturerholung gerechnet. Der Aufschwung komme jedoch zu spät, um der deutschen Chemie in diesem Jahr noch zu einem deutlichen Zuwachs bei der Produktion chemischer Erzeugnisse zu verhelfen.

Produktionsplus von zwei Prozent erwartet

Nach wie vor geht der VCI für das Gesamtjahr 2002 von einem Produktionsplus von zwei Prozent und einem stagnierenden Umsatz im Vergleich zum Vorjahr aus. Bei den Erzeugerpreisen wird ein einprozentiger Rückgang erwartet.

Bisher habe das Chemiegeschäft in diesem Jahr vor allem vom Lagerzyklus profitiert sowie von den Konjunkturfantasien der Weiterverarbeiter, hieß es. Eine nachhaltige Ausweitung der Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen werde erst dann wieder einsetzen, wenn die Weltwirtschaft auf einen soliden Expansionspfad zurückkehre.

Die Börse reagierte auf die Nachrichten aus der Branche mit einem verhaltenen Plus. Die im Dax notierten Aktien von Bayer , BASF , Degussa  und Henkel  notierten am Mittwochmittag nur leicht über ihrem jeweiligen Vortagesschlusskurs.

"Es ist heute im Handel allgemein extrem ruhig - ein einziges Abwarten", sagte ein Frankfurter Händler. Erst frühestens in den kommenden Tagen sieht er wieder "Erholungspotenzial für die Chemiewerte", obwohl die Kriegsgefahr USA gegen Irak dann immer noch bestehen bleibe und belaste.

"Die Nachrichten über die Chemiebranche sind nicht neu, sondern nur bestätigt worden", sagte zudem Analyst Michael Butscher von der Bayerischen Landesbank. "Sobald sich das wirtschaftliche Umfeld verbessert, profitieren die frühzyklischen Werte und damit auch die Chemie-Aktien als erste, da diese Unternehmen eine Verbesserung der Auftragslage schnell zu spüren bekommen." Verschlechtere sich hingegen die Situation, wirke sich das ebenfalls rasch aus - allerdings in die umgekehrte Richtung.

Nachfrage erholt sich leicht

Aufwärtstrend im zweiten Quartal abgeschwächt

Zwar habe die Chemiebranche zum Jahresbeginn die Talsohle hinter sich gelassen, im zweiten Quartal habe sich der Aufwärtstrend nach Angaben des VCI jedoch deutlich abgeschwächt. So liege die Chemieproduktion im zweiten Quartal nur 0,5 Prozent höher als im Vorquartal. Im Vergleich zum Schlussquartal 2001 hatte die Produktion in den ersten drei Monaten 2002 noch um vier Prozent zugenommen.

Im ersten Quartal hatten viele Weiterverarbeiter angesichts der Erwartung einer baldigen Konjunkturerholung noch ihre zuvor leeren Lager wieder aufgefüllt. Die Hoffnungen auf einen schnellen Aufschwung hätten sich aber nicht erfüllt, daher der nur leichte Produktionsanstieg gegenüber den ersten drei Monaten, begründete der Dachverband. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sei die Chemieproduktion im zweiten Quartal indes um zwei Prozent gestiegen.

Leichte Erholung der Nachfrage

Die extrem schwache Nachfrage im Inland ließ den Chemieumsatz im zweite Quartal mit 34,1 Milliarden Euro um 1,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Im Inland lag der Umsatz dabei um mehr als drei Prozent unter dem Vorjahresquartal, während das Auslandsgeschäft um 0,4 Prozent über dem entsprechenden Niveau des Vorjahreszeitraums blieb.

Chemiesparten, die Vorleistungsgüter für andere Branchen herstellen, leiden nach Einschätzung des VCI derzeit unter den niedrigen Preisen, die auf den Umsatz drückten. So sanken die Umsätze mit anorganischen Grundchemikalien, Petrochemikalien und Polymeren jeweils im Vorjahresvergleich. Pharma- und Agrochemieumsätze legten gegenüber dem Vorjahresquartal beim Umsatz zu.

Ein positives Signal sei aber, dass der Chemieumsatz im zweiten Quartal im Vergleich zu den ersten drei Monaten um 2,7 Prozent angestiegen sei. Die Stimmung in der Branche sei daher wieder etwas besser geworden. Erstmals seit zwölf Monaten beurteilten die Unternehmen die aktuelle Geschäftslage wieder positiv. Es herrsche weiterhin eine gespannte Aufbruchstimmung in der Branche.

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