Die Goldman-Sachs-Kolumne Die Grenzen des Wachstums

Die amerikanischen Produktivitätszahlen sind in der letzten Zeit deutlich nach unten revidiert worden. Was sind die Gründe, und welche Folgen ergeben sich daraus?
Von William Dudley

Das amerikanische Produktivitätswachstum gerät ins Straucheln. Dies hat mehrere Gründe: Die Abwärtsrevision des Produktivitätstrends im letzten und vorletzten Jahr, den deutlichen Rückgang der Investitionsausgaben und ungünstigere Trends in bezug auf die Globalisierung und Rüstungsausgaben.

Deshalb haben wir unsere Prognose für das langfristige Produktivitätswachstum von zuletzt 2,25 Prozent auf 2 Prozent gesenkt. Der amerikanische Lebensstandard wird jedoch mit seinem Wachstum noch weiter zurück bleiben.

Abwärtsrevisionen belasten

Die amerikanischen Produktivitätszahlen sind in der letzten Zeit deutlich nach unten revidiert worden. Das Produktivitätswachstum war sowohl 1998 als auch 1999 niedriger als zunächst berichtet. Die jüngsten Revisionen weisen zwar darauf hin, dass die Produktivitätsleistung pro Stunde außerhalb der Landwirtschaft in der Zeit nach 1995 jährlich um 2,5Prozent gestiegen ist und damit deutlich über der Produktivitätssteigerung von 1,4Prozent zwischen 1973 und 1995 liegt.

Zwischen 1948 und 1973 lag die Stundenproduktivität mit 2,9 Prozent jedoch noch höher. Auch mit einem gleitenden Fünfjahresdurchschnitt ergibt sich ein ähnliches Bild: Die Produktivität ist gegenüber den 70er und 80er Jahren gestiegen, liegt aber deutlich unter dem Wachstum der 50er und 60er Jahre.

Zyklischer Produktivitätsrückgang

Darüber hinaus hat sich der zyklische Produktivitätsrückgang während der Rezession von 2001 als ausgeprägter erwiesen als zunächst berichtet. Das Produktivitätswachstum für die nicht landwirtschaftlichen Sektoren ist für 2001 von ursprünglich 1,9 Prozent auf 1,1 Prozent nach unten revidiert worden.

Und obwohl das Produktivitätswachstum in den letzten Quartalen im Zuge der beginnenden wirtschaftlichen Erholung zugenommen hat, beschleunigt es sich langsamer als zunächst berichtet. Für die gegenwärtige Phase des Konjunkturzyklus bewegt sich der Produktivitätsfortschritt nur auf durchschnittlichem Niveau.

Ein weiterer Grund, beim Produktivitätswachstum weniger optimistisch zu sein, ist die momentane Investitionsflaute. Da Produktivitätskennziffern stark von konjunkturellen Schwankungen beeinflusst werden, ist eine Neubewertung notwendig.

Patentrezepte auf dem Prüfstand

Andere Faktoren verlieren an Wirkung

Tatsächlich trägt die Erhöhung der Kapitalintensität in der gegenwärtigen Situation wahrscheinlich weniger zur Steigerung der Produktionsleistung je Stunde bei, als dies in den Boomjahren der Fall war.

Auch die positive Wirkung anderer Faktoren, die für das rasche Produktivitätswachstum gegen Ende der 90er Jahre verantwortlich waren, hat nachgelassen. Dazu gehören das Tempo der Deregulierung und Handelsliberalisierung und der gestiegene Anteil der Rüstungsausgaben.

US-Wirtschaft ist bereits weitgehend dereguliert

Inzwischen ist die US-Wirtschaft bereits weitgehend dereguliert. Mit Ausnahme des Gesundheitswesens und der Distribution von Versorgungsleistungen unterliegt praktisch kein anderer Bereich der US-Wirtschaft in Bezug auf die Preisgestaltung und/oder Marktzutrittsschranken massiver Regulierung.

Statt dessen regt sich zunehmender politischer Widerstand gegen eine weitergehende Deregulierung bestimmter Wirtschaftszweige. Beispielsweise hat die Deregulierung der Stromerzeugung und der Telekommunikationsdienste Überinvestitionen mit sich gebracht, durch die Überkapazitäten entstanden sind. Die Kapitalrentabilität ist dadurch deutlich zurückgegangen.

Anteil des Außenhandels am BIP erhöhte sich deutlich

In den 90er Jahren wurde auch der internationale Handel zügig liberalisiert. Beispielsweise nahm der US-Handel (Importe plus Exporte) nach dem Inkrafttreten der NAFTA mit Kanada und Mexiko in den Jahren 1993 bis 2001 in Dollar gerechnet jedes Jahr um ca. 3 Prozentpunkte mehr zu als der Handel mit den übrigen Ländern der Welt.

Die Zunahme der US-Importe und –Exporte ohne Kanada und Mexiko beschleunigte sich nach der Uruguay-Runde des GATT in der 2. Hälfte der 90er Jahre deutlich, und der Anteil des Außenhandels am Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich bis zu dem drastischen Rückschlag im letzten Jahr kontinuierlich erhöht.

Globalisierungstempo abgeschwächt

Mittlerweile hat sich das Globalisierungstempo generell abgeschwächt. Trotz der so genannten Fast-Track Authority zum Abschluss bilateraler Handelsabkommen, die Präsident Bush vor kurzem vom Kongress erhalten hat, scheint ein weiterer deutlicher Abbau von Handelshemmnissen nicht unmittelbar bevorzustehen. Dazu tragen auch die Zölle der USA auf bestimmte Stahlimporte und die drastische Ausweitung von Einkommensbeihilfen für US-Landwirte bei.

Andere Länder fragen sich, warum sie gezwungen werden sollten, ihre eigenen Handelshemmnisse zu reduzieren, während die USA Handelshemmnisse einführen. Insgesamt erscheint das Wirtschaftsmodell der USA für andere Länder inzwischen weniger überzeugend, und die Patentrezepte der großen internationalen Organisationen wie des IWF werden zunehmend in Frage gestellt.

Das Problem der Messbarkeit

Rüstungsausgaben stiegen an

Auch die erneute Zunahme der Rüstungsausgaben trägt ihren Teil zum langsameren Produktivitätswachstum bei, da sie Ressourcen von der Privatwirtschaft zur öffentlichen Hand umgelenkt. Rüstungsausgaben bringen außerdem nur wenig Gewinn für die übrigen Wirtschaftszweige, weil militärisch genutzte Waffensysteme für die übrige Wirtschaft kaum von Nutzen sind.

Das langsamere Produktivitätswachstum hat verschiedene Auswirkungen. Zum einen wird das reale Wachstumspotential und das Gewinnwachstum mit in die Tiefe gezogen. Zum anderen wird das Steueraufkommen auf US-Bundesebene langsamer zunehmen.

Produktivität und Lebensstandard

Dies führt dazu, dass die Haushaltsdefizite vermutlich über längere Zeit bestehen bleiben. Die Prognosen des US-Kongresses bezüglich der Entwicklung der Staatsfinanzen werden sich vermutlich als viel zu optimistisch erweisen.

Selbst das von uns prognostizierte Produktivitätswachstum von 2Prozent überzeichnet noch die positive Wirkung auf den Lebensstandard in den USA. Die Produktivitätszahlen werden auf Basis der Bruttoproduktion berechnet. Da jedoch der Bruttoproduktionswert rascher zugenommen hat als der Nettoproduktionswert, wird das Produktivitätswachstum überzeichnet.

Verschiebung der Investitionsausgaben belastet

Dies hängt damit zusammen, dass die Abschreibungsfristen für Computer und sonstige High-Tech-Güter kürzer sind als für andere, langlebigere Investitionsgüter. Durch die Verschiebung der Investitionsausgaben in Richtung IT- und Telekommunikationsausrüstung hat sich ein Abstand zwischen der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von der des Nettoinlandsprodukts herausgebildet.

In den Jahren 1995 bis 2001 betrug dieser Abstand durchschnittlich 0,4 Prozentpunkte pro Jahr. Das Produktivitätswachstum dürfte deshalb netto betrachtet um diesen Betrag zurückgehen, wenn dieser Effekt vollständig in die Berechnungen einfließt.

Das Problem der Messbarkeit

Eine weitere Überzeichung resultiert daraus, dass die Produktivitätsstatistiken von verbesserter Leistungsfähigkeit von Technologiegütern auf erhöhte Produktion schließen. Ein Computer mit zehnfacher Leistung bringt jedoch meistens nicht auch den zehnfachen Nutzen, vor allem, wenn er für die gleichen Aufgaben wie das alte Gerät verwendet wird.

Drittens werden die Produktivitätszuwächse auf Basis der erfassten Arbeitsstunden berechnet. Die Zeit, die Beschäftigte beispielsweise an Feiertagen, am Wochenende oder im Urlaub damit verbringen, mit ihrem Unternehmen in Verbindung zu bleiben, werden aber nicht als Arbeitszeit erfasst.

Schließlich ist auch die Produktionsleistung je Arbeitsstunde keine wirklich geeignete Messgröße für die Produktivität. Ein besseres Maß ist die Mehrfaktorenproduktivität. Diese misst den Zuwachs der Produktionsleistung, der nicht auf höherem Faktoreinsatz beruht. Sie erhöhte sich in den Jahren 1995 bis 2000 – vor der letzten Runde von Abwärtsrevisionen - jährlich um ca. 1,2 Prozent.

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