Bilanzen Wie man eine Rallye herbeibeschwört

Amerikaner lieben große Gesten, und das Kalkül ist zunächst aufgegangen. Seit die Frist für Bilanztrickser abgelaufen ist, klettern die Kurse. Doch die Liste der SEC birgt noch einige Risiken.

Die verschärften Börsengesetze in den USA sind eine Verzweiflungstat, um das durch zahlreiche Bilanzskandale ramponierte Image von "Corporate America" wieder aufzupolieren und Anleger zurück in die USA zu locken. Zumindest der Anfang ist gemacht: Seit die Vorstands- und Finanzchefs der großen börsennotierten Konzerne ihre Bilanzen "nach bestem Wissen" beeiden müssen, sind die Kurse an der Wall Street deutlich nach oben geklettert.

Mit dem Mut der Verzweiflung

Die "Stunde der Wahrheit" mit Ablauf der Frist am 14. August war in New York gleichzeitig der Startschuss für eine deutliche Erholung. Anleger zeigen sich erleichtert, dass bislang keine dramatischen neuen Buchhaltungsbetrügereien offenbart worden sind. Damit ist aber nicht per Handstreich alles besser geworden - es ist lediglich nicht noch schlimmer gekommen.

Die Probleme sind damit noch nicht bereinigt. Die Rechnungslegung nach US-GAAP läßt weiterhin Raum für Bilanzakrobatik - ein großer Teil der kreativen Buchhaltung bei Enron zum Beispiel war legal.

Das neue Gesetz schafft lediglich die Voraussetzungen für ein künftig härteres Vorgehen. Ob sich Bilanzsünder, die ihre Zahlen "nach bestem Wissen" beeiden, künftig tatsächlich festnageln lassen, bleibt unsicher.

Doch zunächst zählt die große Geste. Die Unternehmenslenker von etwa 700 der größten US-Aktiengesellschaften mit mehr als 1,2 Milliarden Dollar Umsatz mussten bis Mittwochabend erstmals eidesstattlich bestätigen, dass der letzte Jahres- und Quartalsbericht sowie andere relevante Dokumente ihrer Firmen wahr sind.

Dabei handelt es sich um Unternehmen, die ihre Bilanzen auf Kalenderjahr-Basis vorlegen. Die anderen Firmen, die nicht auf Kalenderjahr-Basis berichten, haben mit der Eingabe der Bilanzschwüre noch Zeit. Insgesamt müssen die Firmen- und Finanzchefs von zunächst 947 US-Großkonzernen die Bilanzen ihrer Firmen mit Schwur als wahrheitsgemäß bei der SEC bestätigen.

Fristverlängerung für die üblichen Verdächtigen

Bestätigungen in letzter Sekunde

Praktisch in letzter Sekunde gingen am Mittwoch Abend bei der SEC hunderte von Bilanzbestätigungen ein. Die letzte Auszählung führte in der Nacht zum Donnerstag insgesamt 510 Ergebnisbestätigungen auf. Die SEC liegt aber mit der Eingabe in ihr Computersystem im Rückstand, so dass die tatsächliche Zahl der Eingänge höher sein dürfte.

Auf ihre Bilanz geschworen haben unter anderem die Finanzchefs und Vorstände von Großkonzernen wie Bank of America , Boeing , Citigroup ,Eastman Kodak , Ford , Intel , Xerox  und Walt Disney .

Bilanztricks bei AOL lassen Börsianer vorerst kalt

Dagegen hat AOL Time Warner  Unregelmäßigkeiten in der Bilanz ihrer Internet-Tochter AOL eingeräumt. Drei Transaktionen von insgesamt 49 Millionen US-Dollar seien widerrechtlich als Einnahmen verbucht worden und hätten damit den Umsatz aufgebläht. Die Fehlbuchungen hätten sich über zwei Jahre erstreckt. Die US-Börsenaufsicht, die wegen möglichen Bilanzbetrugs bereits gegen den Konzern ermittelt, sei informiert worden. Allerdings zeigen sich Anleger zunächst sehr gelassen: Die Aktie von AOL tendierte trotz der Meldung zunächst behauptet.

Fristverlängerung für die üblichen Verdächtigen

Die Hauptakteure der jüngsten Skandale – die Kabelfernsehfirma Adelphia Communications, die Energiehändler Dynegy und Enron sowie die Telekom-Gesellschaften Qwest und Worldcom  kündigten außerdem an, den Termin auf Grund laufender Buchprüfungen nicht einhalten zu können. Für Quartalsberichte ermöglicht die SEC eine Fristverlängerung von 5 Tagen, für Jahresabschlüsse von 15 Tagen.

Der Enron-Interimschef erklärte nach einem Bericht in der Online-Ausgabe des "Wall Street Journal", er könne die Ergebnisse für 2000 und für die drei ersten Quartale 2001 nicht zertifizieren. Enron hatte im Dezember 2001 Konkurs angemeldet und die beispiellose US-Buchführungsskandalwelle eingeleitet.

Auch Tyco schaut noch einmal hin

Auch der US-Mischkonzern Tyco International  hat die interne Prüfung seiner Bilanzen ausgeweitet. Der neue Chef Edward Breen läßt die Abschlüsse seit 1999 bis in das vierte Quartal des laufenden Geschäftsjahres genauer unter die Lupe nehmen.

Der amerikanische Kongress hat unterdessen ein neues Gesetz zur Verhinderung von Bilanzbetrügereien verabschiedet. Es zwingt die Unternehmens- und Finanzchefs aller rund 15.000 in den USA öffentlich gehandelten Aktiengesellschaften zur Zertifizierung ihrer Geschäftsergebnisse. Darunter befinden sich auch etwa 1300 ausländische Großunternehmen, die ihre Wertpapiere an US-Börsen notiert haben. Wer wissentlich Bilanzfälschungen absegnet, dem drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis und fünf Millionen Dollar Geldstrafe.

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