US-Notenbank "Verbales Geschick ist gefordert"

Die US-Währungshüter tagen wieder. Marktbeobachter rechnen vorerst nicht mit einer Zinsänderung.

Washington - Die US-Notenbank Federal Reserve wird ihre Leitzinsen nach Einschätzung von Bankenvolkswirten auf ihrer Sitzung an diesem Dienstag unverändert lassen. Jedoch werde der geldpolitische Ausschuss (FOMC) voraussichtlich ein Handeln für den Fall einer weiteren Abschwächung der Konjunktur signalisieren. Zur Zeit sei es jedoch voreilig, die Zinsen zu senken. Die Wirtschaft sei noch nicht in einer so schlechten Verfassung. Die größte Sorge sei, wie eine solche Zinssenkung am Markt aufgenommen würde.

Der Satz für Tagesgeld liegt bei 1,75 Prozent - und damit bereits so niedrig wie seit 40 Jahren nicht mehr. Die Notenbank hatte die Zinsen nach der empfindlichen Konjunkturabkühlung im vergangenen Jahr elf Mal zurückgenommen. Nach den jüngst aktualisierten Daten des Handelsministeriums schrumpfte die US-Wirtschaft in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres. Seitdem erholt sich die Wirtschaft. Im ersten Quartal 2002 lag das Wachstum bei fünf Prozent (hochgerechnete Jahresrate). Das mit 1,1 Prozent schwächer als erwartet ausgefallene zweite Quartal hat die Ängste vor einem erneuten Abrutschen in die Rezession geschürt.

"Greenspans verbales Geschick ist gefordert", schreibt die DekaBank in einer Studie. Er müsse den Märkten signalisieren, dass er bei sich konkretisierenden Konjunkturrisiken mit Zinssenkungen reagieren werde. Den Konsumenten und Unternehmen müsse er hingegen verdeutlichen, dass der Konjunkturaufschwung intakt sei. Es sei daher eher mit einem Kommentar der Fed zu rechnen, der mehr auf Konjunkturrisiken als auf Inflationsrisiken hinweise.

Rücksichtnahme auf die Aktienmärkte

Auch Alexandra Bechtel von der Commerzbank erwartet nicht, dass die Fed am Dienstag bereits in Aktion tritt. Die Reaktion der Finanzmärkte auf einen derartigen Schritt wäre mit starker Unsicherheit behaftet. Werde die Hoffnung auf eine Wachstumserholung verstärkt oder werde sich möglicherweise eher "Endzeitstimmung" breit machen, wenn mit einer weiteren Zinssenkung die schlechte wirtschaftliche Lage verdeutlicht werde. Die Fed eröffne sich jedoch angesichts der Sommerpause die Möglichkeit, die kommende "Indikatorenrunde" abzuwarten. Sollte dann die wirtschaftliche Situation keine Anzeichen einer Erholung zeigen, sei mit einer weiteren Leitzinssenkung zu rechnen.

In Europa ist ebenfalls von einer Zinserhöhung keine Rede mehr. Die EZB habe angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit in ihrem jüngsten Monatsbericht einen moderateren Tonfall angeschlagen, sagte Bechtel. Die Preisrisiken seien ausgeglichen und die Wachstumsaussichten unsicher. Dies deute zwar nicht auf eine baldige Zinssenkung hin, jedoch scheinen Zinserhöhungen für das erste vom Tisch zu sein.

Zinssenkung könnte Verkaufspanik auslösen

Mit einem Verharren der Leitzinsen bis zur Mitte des Jahres 2003 rechnet HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Spekulationen, dass die Fed die Leitzinsen senken werde, hätten sich zwar intensiviert. Ein Wechsel der Perspektive hin zu einer Tendenz, die Notenbankzinsen zu senken, könnte sogar eine Verkaufspanik an den US-Aktienmärkten auslösen, befürchten die Experten. Es sei daher wahrscheinlich, dass die US-Notenbank wie bisher die Risiken in Bezug auf die Verfehlung des Ziels der langfristigen Preisstabilität und einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum gleichgewichtet.

Gegen eine Leitzinssenkung spreche nach Einschätzung der Volkswirte auch, dass die US-Notenbank bisher keine Andeutungen in diese Richtung gemacht habe. Die Federal Reserve unter Greenspan habe Überraschungen an den Märkten bisher vermieden.

Die US-Börse verzeichnete vergangene Woche mit einem Anstieg des Dow Jones-Index um 5,2 Prozent den deutlichsten Anstieg seit den Terroranschlägen vor fast einem Jahr. Die Investoren seien auch im Hinblick auf die bevorstehende Notenbanksitzung beflügelt worden, hieß es. Analysten warten vor allem mit Spannung auf die Einschätzung der Notenbank über die Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft, die zusammen mit der Zinsentscheidung veröffentlicht wird.

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