Aktienhandel Wien greift Osteuropa-Marktführer Berlin an
Berlin - Der Berliner Börsenhändler Burkhard Ziegler bleibt gelassen, trotz der neuen Konkurrenz durch die in Wien geplante Osteuropa-Börse. Das Xetra-System für den Computerhandel, über das Wien in einem Jahr auch Osteuropa-Aktien handeln werde, "versagt bei nicht sehr liquiden Titeln", meint der Händler bei der Baader Wertpapierhandelsbank AG, die nach eigenen Angaben die meisten Osteuropa-Aktien in Berlin betreut.
Ihm widerspricht der Pressesprecher der Wiener Börse, Johann Schmit: "Die nötige Liquidität erreichen wir durch eine vernünftige Gebührenstruktur und durch Verläßlichkeit." In Osteuropa sei "Potential für ein gigantisches Wirtschaftswachstum" vorhanden. Davon werde die Wiener Börse profitieren. "Konkurrenz ist ein Orchester. Erst wenn viele daran teilnehmen, entsteht eine Symphonie", sagt Schmit zum Wettbewerb mit Berlin.
Die Berliner Börse ist der größte Handelsplatz für osteuropäische Aktien. Dort werden im Freiverkehr "häufig höhere Umsätze als im Heimatland" der Aktie erzielt, sagt Ziegler. Am Montag hatten die Deutsche Börse AG (Frankfurt) und die Wiener Börse den Aufbau einer gemeinsamen Mittel- und Osteuropabörse in Wien vereinbart.
Der Berliner Erfolg sei nur möglich, weil hier Händler anders als beim Computersystem Xetra Nachfrage- oder Angebotsüberhänge ausgleichen, indem sie selbst als Käufer auftreten, sagt Ziegler. Er erhält von jedem Umsatz eine Courtage von acht Promille. Betreuer am Xetra-Terminal lebten dagegen allein von Kursunterschieden zwischen An- und Verkauf. "Die Unsicherheit über die Kursentwicklung bei kleinen Werten ist Xetra-Händlern zu groß. Erst die Courtage fängt das Risiko auf."
In Frankfurt wird derzeit noch überlegt, wie Osteuropa-Aktien gehandelt werden sollen. "Es ist noch nicht klar, ob es Betreuer geben wird. Wir diskutieren ja auch in anderen Bereichen, ob statt eines fortlaufenden Handels eine einmalige Auktion durchgeführt werden soll", sagt Walter Allwicher, Sprecher der Deutschen Börse. Der Umsatz mit Osteuropa-Aktien werde mit dem neuen Handelsplatz Wien steigen. "Ob das zu einer Verdrängung führt, kann ich nicht abschätzen."
Erste Kandidaten für den Xetra-Handel sind die wenigen großen Osteuropawerte. In Berlin fallen sie auch beim Gesamtumsatz ins Gewicht. "Mit vier Milliarden Mark Umsatz war die Aktie von Mobilcom 1998 der meistgehandelte Wert in Berlin. Da ist der Umsatz von 3,02 Milliarden Mark für Titel des russischen Ölproduzenten Lukoil schon beachtlich", sagt Ziegler. Zwei weitere Energiewerte könnten in den Computerhandel wechseln: Die russische Gazprom, die 1998 im Umfang von 1,7 Milliarden Mark gehandelt wurden und Mosenergo (0,89 Millarden Mark).