Kurssturz Börsen im Tiefenrausch

Trotz Durchhalteparolen von Präsident Bush und dem Chef der New Yorker Börse ist der Dow Jones zum Wochenauftakt im Sog der Worldcom-Pleite weiter eingebrochen. Die europäischen Börsen haben kapituliert - der Dax schließt 200 Punkte schwächer.

New York/Frankfurt am Main - "Ich bin ein Optimist. Ich glaube an eine helle Zukunft", versuchte US-Präsident George W. Bush die wachsende Vertrauenskrise einzudämmen. Angesichts der Vielzahl von Bilanzskandalen und Unternehmenspleiten ist ihm dies jedoch nicht gelungen.

Zum Wochenauftakt schockte der US-Telekomkonzern Worldcom  mit einem Antrag auf Gläubigerschutz. Damit ist knapp einen Monat nach Bekannt werden des Bilanzskandals das Worst Case Scenario der Börsenhändler eingetreten. Der Worldcom-Zusammenbruch übertrifft noch die Pleite des Energiehändlers Enron im Dezember 2001, der ebenfalls Unregelmäßigkeiten in seinen Bilanzen eingeräumt hatte.

Der Schritt von Worldcom war an den Märkten zwar erwartet, wirkte dennoch als Auslöser für einen Ausverkauf. Die Börsen reagierten mit massiven Abschlägen: So verlor der Dax am Montag 5,2 Prozent, in London gab der FTSE-100-Index rund fünf Prozent nach und der EuroStoxx 50 rauschte um 5,7 Prozent in den roten Bereich. "Die Baisse scheint noch nicht ausgestanden," warnte ein Beobachter in Zürich, wo der SMI auf dem tiefsten Stand seit 1997 geschlossen hat. Mit einem Minus von 3,2 Prozent oder 252 Zählern notierte der Dow Jones auf 7766 Punkten, deutlich unter dem Tiefstand vom vergangenen September. Erst am späten Abend konnte der Index seine Verluste begrenzen.

"Kühlen Kopf" bewahren

Angesichts der dramatischen Kursverluste hat sogar der Chef der New Yorker Börse die Anleger gebeten, in den kommenden Tagen einen kühlen Kopf zu bewahren. "Bitte seien Sie geduldig, tun Sie nichts, was sich emotional gut anfühlt - langfristig wäre das ein Fehler", sagte Börsenchef Richard Grasso am Sonntag im US-Fernsehsender NBC. "Vergessen Sie nie: Vor Tagesanbruch ist es immer am dunkelsten."

Die US-Wirtschaft entwickle sich gut. Die Reformen, um Bilanzfälschern das Handwerk zu legen, seien auf gutem Wege und würden sowohl von Republikanern als auch Demokraten getragen. Auch Präsident Bush hat am Montag wieder neue Gesetze angekündigt, die auf den Markt stabilisierend wirken sollen.

Wird der Verbraucher zum Stimmungstöter?

Ob angesichts der drastischen Abwärtsbewegung an den Börsen jedoch kurzfristig ein stabiler Aufschwung einsetzen wird, ist fraglich. "Die Aktienmärkte sind in den vergangenen zwei Monaten um 20 Prozent gefallen. Dies hat das Konsumentenvertrauen belastet", sagte Bruce Steinberg, Chefvolkswirt bei Merrill Lynch in New York. Eine Belastung der Konjunktur durch die schwachen Aktienmärkte sei jetzt nicht mehr auszuschließen, nachdem sich die US-Wirtschaft in der jüngsten Zeit entgegengesetzt zum Aktienmarkt entwickelt habe.

Jetzt beschleicht Marktbeobachter die Angst, dass die US-Verbraucher im Zuge des anhaltenden Kursverfalls nun mehr Geld auf die hohe Kante legen werden. Damit würde die wichtigste Stütze der US-Konjunktur, der private Konsum, ins Wanken geraten. Erst am Freitag hatte Goldman Sachs seine US-Wachstumsprognose für das zweite Quartal auf 1,5 Prozent gesenkt. Und nicht nur der private Konsument auch die Unternehmen gerieten angesichts der schwachen Aktienmärkte in Bedrängnis. Da die firmeneigenen Pensionsfonds im Zuge der Baisse nun weniger Rendite abwerfen, müssten die Konzerne Geld aus eigener Kasse nachschießen, was die Unternehmensgewinne zusätzlich belasten würde, hieß es.

Aufschluss über die Stimmung unter den Verbrauchern wird am Freitag vom Konsumentenvertrauensindex der Universität Michigan erwartet. Marktbeobachter gehen davon aus, dass das Stimmungsbarometer für den Monat Juli bei 86,3 Punkten festgestellt wird. Im Juni hatte der Michigan-Index noch 92,4 Punkte betragen.

Panikartige Übertreibung

Aber selbst wenn die Indikatoren allen Prognosen zum Trotz nach oben zeigen würden, ein Erholung wäre damit noch nicht sicher. Der Chef des Aktienfondsmanagements der Deutschen-Bank-Tochter DWS, Klaus Kaldemorgen, riet Anlegern zur Vorsicht. "So wie die Übertreibung nach oben in den neunziger Jahren maßlos war, ist es genauso denkbar, dass die Märkte nochmals panikartig nach unten übertreiben", sagte er dem Anlegermagazin "Börse Online". Solange diese Gefahr drohe, sollten Anleger nicht den Helden spielen. Am prekärsten sei die Lage bei den Versicherern, da ihre Gewinne wiederum selbst von den Aktienkursen mit abhingen. "Je tiefer die Börsenkurse fallen, desto mehr Aktien muss die Assekuranz verkaufen", wurde der Experte zitiert. Damit würde die Abwärtsspirale an Dynamik gewinnen.

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