Wall-Street-Kolumne Panikartige Flucht aus dem Markt

An der Wall Street regiert der Überlebensinstinkt. Bloß weg hier, sagen sich die Anleger. Selbst der Chef der New York Stock Exchange malt schwarz. Und neue Gerüchte bedrücken AOL-Chairman Steve Case.

New York - Am Freitag im Hotel Nacional in Havanna, ich bereitete mich gerade bei Coke, Cheeseburger und CNN auf die Rückkehr in den Kapitalismus vor, fiel mein Blick auf den kleinen Kasten auf dem Bildschirm: Dow Jones minus 390 Punkte. Wow. Mein Puls beschleunigte. Was war passiert in Amerika, während der drei Wochen, die ich weg war? Hatten sie New York angegriffen? Hatte Alan Greenspan einen Schlaganfall erlitten?

Nichts dergleichen, stellte sich heraus. Es war alles wie immer. "Another week, another plunge", fasste die "New York Times" am Sonntag trocken zusammen. Neue Woche, neuer Absturz. Insgesamt hatte der Dow Jones weitere 7,7 Prozent verloren, der Nasdaq Composite vier Prozent.

Willkommen zurück an der Wall Street. Alle Leitindizes notieren inzwischen unter den Terror-Tiefs vom 21. September. Nasdaq und S&P 500 haben jeweils volle fünf Jahre an Kursgewinnen ausradiert, der Dow Jones immerhin fast vier. Addiert man die Verluste zusammen, kommt man auf sieben Billionen Dollar.

Und es ist noch nicht vorbei. Der Nasdaq könnte bis auf 1000 Punkte fallen, sagen Experten. Der Dow ist so labil geworden, dass es nicht mal mehr einen Auslöser für Crashs im Hundert-Punkte-Bereich braucht. Der Absturz kommt einfach so - zunehmend auch mehrmals pro Woche.

"Ich halte es nicht mehr aus"

Viele Anleger wollen daher nur noch eins: Raus aus dieser schlimmsten Achterbahnfahrt ihres Lebens. "Ich halte es nicht mehr aus", gestand Nan Hudes gegenüber "Business Week". Die Großmutter verkaufte alle ihre Aktien nach einem der 400-Punkte-Alpträume der vergangenen Wochen. Ihr Verlust: 260.000 Dollar.

So wie Hudes machen es Tausende von Amerikanern: Allein die Abflüsse aus Aktienfonds könnten im Juli 59 Milliarden Dollar erreichen, schätzen die Forscher von Trim Tabs. Das wäre weit mehr als nach dem 11. September.

Die Anlegerflucht wird auch diese Woche die Wall Street dominieren. "Der Markt ist sehr emotional. Wir sehen jede Menge Panikverkäufe", sagte Peter Cardillo, Chefstratege von Global Partners Securities, gegenüber "CBS Marketwatch".

Selbst Richard Grasso, Chef der New York Stock Exchange, prognostizierte am Sonntag auf NBC den weiteren Kursverfall: "Der Montag nach einem Freitagsabsturz ist traditionell schwierig und ich nehme an, dieses Mal wird es nicht anders sein".

Flut von Quartalszahlen bewegt den Markt

AOL Time Warner legt Zahlen vor

Eine Flut von Quartalszahlen wird diese Woche über die Börsianer hereinbrechen. 1500 Unternehmen stellen sich dem Markt. Wie immer werden die Anleger positive Nachrichten ignorieren und sich auf potenzielle Skandalfirmen konzentrieren, darunter AOL Time Warner : Am Mittwoch legt das weltgrößte Medienunternehmen seine Zahlen für das zweite Quartal vor. Analysten erwarten einen Gewinn von 22 Cents pro Aktie (Vorjahr: 32 Cents). Der Umsatz soll von 9,2 auf zehn Milliarden Dollar gestiegen sein.

Mindestens ebenso wie die Zahlen interessiert Beobachter derzeit das Management des Medienkonzerns. Nachdem die Nummer zwei, COO Robert Pittman, vergangene Woche gehen musste, könnte laut "Newsweek" kein Geringerer als Steve Case, AOL-Gründer und Chairman, das nächste Opfer sein.

Ein Rücktritt von Case, dem letzten verbleibenden AOL-Veteranen nach dem Abgang Pittmans, würde die AOL-Aktie wahrscheinlich auf neue Tiefstände treiben. Sie dümpelte zuletzt knapp über der Zehn-Dollar-Marke.

Weitere Enttäuschungen stehen an

Auch der Tech- und Telekomsektor bietet erneut reichlich Gelegenheit für Enttäuschungen. Nachdem vergangene Woche Schwergewichte wie Microsoft  und Sun Microsystems  mit schwachen Prognosen die Stimmung verdorben haben, treten diese Woche unter anderem 3M , AT&T , SBC Communications , Bell South , JDS Uniphase  und Texas Instruments  an, um einmal mehr zu verkünden, dass das Investitionsklima weiterhin viel zu wünschen übrig lässt.

Kein Experte will mehr spekulieren, was eine Wende an den Märkten auslösen könnte oder wann dieser Moment zu erwarten ist. Zu oft sind ihre Prognosen eines "Bodens" widerlegt worden. Auch jetzt preisen die Analysten den Markt als "überverkauft" und "billig", doch die Anleger hören schon längst nicht mehr hin. Irrational?

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