Die Trinkaus-Kolumne Oops - they did it again!

Kaum hatten die Anleger wieder etwas Hoffnung auf eine Erholung an den Börsen geschöpft, da kam die nächste Hiobsbotschaft: SAP präsentierte Zahlen, die die Aktie erneut auf Talfahrt schickte. Wie geht es nun weiter?
Von Klaus Lüpertz

Egal wohin man dieser Tage auch schaut: Die Stimmung der Anleger ist geprägt von Anspannung, Nervosität, Zweifel, Ratlosigkeit, Angst und mitunter nackter Panik. Kaum jemand ist noch positiv eingestellt für die nahe Zukunft.

Und als sich die Märkte gerade anschickten, wieder eine leichte Erholung zu spielen, da kamen die Worldcoms (Kurswerte anzeigen), Xeroxs (Kurswerte anzeigen) oder SAPs (Kurswerte anzeigen) dieser Welt und präsentierten den verstörten Aktionären neue Horrormeldungen.

SAP? Genau, die erste Aktie aus dem Dax 30, die – abgesehen von der schon länger wankenden Deutschen Telekom (Kurswerte anzeigen) – den Markt nachhaltig enttäuscht hat. Ich hatte bereits in meiner Kolumne am 14. Januar zum Ausstieg geraten und diese Meinung in einem Interview am 3. April noch einmal bekräftigt. Ehrlich gesagt: Mit so einem Kursrückschlag habe ich aber auch nicht gerechnet.

Erstmals seit dem Börsengang Verluste

Was ist geschehen? Der Softwarekonzern schreibt erstmals seit dem Börsengang Verluste. Ein Grund dafür sind die Sonderabschreibungen auf Minderheitsbeteiligungen im Volumen von 414 Millionen Euro im zweiten Quartal. Allein 318 Millionen Euro entfielen dabei auf Commerce One  (siehe: "Warum die Ehe zwischen SAP und Commerce One nicht gut gehen konnte").

Dazu kommt, dass die Umsatzerwartungen für 2002 deutlich nach unten korrigiert wurden. Statt um 15 Prozent soll der Umsatz jetzt nur noch um fünf bis zehn Prozent wachsen. Mit diesen deutlich leiseren Tönen aus Walldorf hatte kaum jemand gerechnet.

Im zweiten Quartal sank der Umsatz um 4 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro; Analysten hatten im Vorfeld noch mit einem Zuwachs um drei bis vier Prozent gerechnet. Selbst der Softwareumsatz, an den in den letzten Wochen noch hohe Erwartungen geknüpft worden waren, ging um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 496 Millionen Euro zurück.

Vor diesem Hintergrund ist auch verständlich, dass das operative Ergebnis von SAP mit 326 Millionen Euro unter den Markterwartungen blieb, wenn auch nur leicht. Die operative Marge in 2002 soll - ohne Einbezug der Kosten für Aktienoptionsprogramme und Zukäufe - auf mindestens 21 nach 20 Prozent im Vorjahr gesteigert werden.

Was Anleger jetzt tun sollten

Im zweiten Quartal sank der operative Gewinn im Vergleich zum zweiten Quartal des Vorjahres um 23 Prozent. Führt man sich vor Augen, dass der Umsatzrückgang die erhoffte Margensteigerung mehr als überkompensiert, so ist auch mit einem weiteren Rückgang des operativen Ergebnisses zu rechnen.

Es bleibt die Frage: Was ist von den neuen Äußerungen seitens SAP zu halten? Ich denke, dass die Bandbreite beim Umsatzwachstum von fünf bis zehn Prozent ziemlich genau das abdeckt, was zwischen "sicher erreichbar" und "nahezu unmöglich zu erreichen" liegt.

Fünf-Prozent-Hürde kein Problem

Nach Aussagen des Unternehmens sind die fünf Prozent Umsatzwachstum allein schon aus den Aufträgen darstellbar, die bisher schon sicher in den Büchern stehen. Von daher sollte die Fünf-Prozent-Hürde kein Problem darstellen.

Zehn Prozent Umsatzwachstum klingen allerdings schon recht ambitioniert, denn: Im zweiten Halbjahr müsste das Umsatzwachstum bei SAP schon sehr kräftig ansteigen, damit für das Gesamtjahr zehn Prozent dargestellt werden können. Steigerungsraten von 15 Prozent und mehr für die letzten sechs Monate müssen aber erst einmal erreicht werden.

Skepsis bleibt angebracht

Ich bin und bleibe da vorsichtig bis skeptisch, vor allem, da sich SAP jetzt mehr auf kleine und mittelgroße Firmen fokussiert hat und nicht mehr nur auf die großen Verträge, die jetzt ohnehin kaum abzuschließen sind.

Wird die Verbesserung der operativen Marge erreicht? Hier hat SAP die Zügel zur Zielerreichung viel eher selber in der Hand. Sollten die Kosten weiter wie geplant gesenkt werden und schafft es das Unternehmen, die Rekrutierung neuer Mitarbeiter für einige Zeit auf Eis zu legen, dann könnte es gelingen. Aber selbst dann bleibt das Ziel mutig.

Was heißt das für die Kapitalanleger? Wer jetzt noch auf der SAP-Aktie sitzt, sollte sie ruhig halten. Für Neukäufe fehlt mir allerdings in der jetzigen Situation noch die Perspektive. Das kurzfristige Risiko sollte – auf Grund der vorgezogenen Umsatzwarnung – deutlich begrenzt sein.

SAP: Analysten strafen Aktie ab SAP: Warum die Ehe mit Commerce One nicht gut gehen konnte SAP: Großbaustelle in Walldorf


Hinweis: Das neue Buch von Klaus Lüpertz ist seit einigen Wochen erhältlich. Es ist im Gabler Verlag erschienen und trägt den Titel "Internetaktien - Gewinnstrategien nach dem Crash".

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