Thiel Logistik Alles wird gut, aber wie?

Unternehmenschef Günter Thiel verspricht für 2003 deutlich mehr Gewinne. Wie er das erreichen will, bleibt vorerst sein Geheimnis. Die Zocker am Neuen Markt stört dies nicht. Sie kaufen und treiben den Wert in die Höhe.

Grevenmacher – Der Luxemburger Logistikdienstleister Thiel Logistik  hat für 2003 einen Anstieg des Gewinns prognostiziert. Nach der am vergangenen Freitag drastisch nach unten revidierten Prognose für 2002 werde das Unternehmen "ganz sicher im nächsten Jahr einen steigenden Gewinn ausweisen", sagte Unternehmenschef Günter Thiel am Freitag in einem Radio-Interview. Konkrete Zahlen für 2003 wollte Thiel aber auch auf Anfrage von Nachrichtenagenturen nicht nennen.

Thiel kündigte am Montag einen "drastischen" Maßnahmenkatalog an, dessen Einzelheiten am 22. August bei der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen vorgestellt werden sollen. Ein Personalabbau ist Thiel zufolge nicht geplant.

Das Unternehmen versicherte am Montag, für 2002 die Prognosen nicht noch einmal nach unten zu revidieren. "Wir haben alle operativen Risiken berücksichtigt", sagte Günter Thiel. "Wir haben auch keine Liquiditätsprobleme", dementierte er entsprechende Marktgerüchte. Der Bargeldbestand, der Ende März 112 Millionen Euro betragen habe, sei bis Ende Juni deutlich angestiegen. Das Unternehmen verfüge zudem über weit mehr als 200 Millionen Euro Kreditlinien, die nicht voll in Anspruch genommen würden.

Händler sieht bei Thiel Zocker am Werk

Die im Nemax 50 gelistete Aktie hatte am Montag zeitweise um mehr als 40 Prozent auf 3,35 Euro zugelegt. Noch zu Beginn des Jahres 2002 hatte der Kurs der Thiel-Aktie bei über 24 Euro gelegen.

"Ich habe wirklich keine Ahnung wer da jetzt noch einsteigen will", sagte ein Frankfurter Händler. "Mit der Rücknahme der Prognosen um sage und schreibe 77 Prozent hat der Vorstand das Vertrauen der Anleger mehr als nur enttäuscht. Noch vor wenigen Wochen hieß es, dass eine Gewinnwarnung ausgeschlossen sei."

Die einzige Erklärung für den heutigen Kursanstieg seien Zocker, die allein wegen des niedrigen Einstiegs-Kurses nun zugreifen, ohne überhaupt auf die fundamentale Basis zu achten. Ebenfalls zurückhaltend äußerte sich ein Branchenanalyst. "Die Aktie bleibt weiterhin auf 'Verkaufen' bis die Zahlen im August auf den Tisch kommen und auch hinreichend erklärt werden." Hier sei einiges noch äußerst unklar.

2002: Gewinn wird um 77 Prozent fallen

Am vergangenen Freitag war der Wert der Aktie nach den revidierten Prognosen eingebrochen und ein neues Allzeittief gefallen. Nach der neuen Schätzung wird der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) 2002 um 77 Prozent fallen. Der Konzern rechnet jetzt mit einem Ebit von 25 Millionen Euro gegenüber ursprünglich geplanten 109 Millionen Euro. Beim Umsatz geht das Unternehmen nun von 1,45 Milliarden Euro aus. Zuvor hatte Thiel mit 1,62 Milliarden Euro gerechnet.

Als Grund nannte Thiel Managementfehler, eine schlechte Branchenkonjunktur im Modebereich und höhere Integrationskosten bei der im Januar 2002 übernommenen Birkart Globistics. Insgesamt sind für die reduzierten Prognosen Thiel zufolge nur "einmalige Effekte und Sonderfaktoren" verantwortlich.

Die Managementfehler sind den Angaben nach vor allem bei der im Januar 2000 übernommenen Schweizer Tochter Brechtbühl entstanden. So sei dort versäumt worden, für die Betriebsaufnahme eines Logistikcenters alle Rahmenbedingungen zu erfüllen. Als Folge habe dann keine "qualifizierte Betriebsgenehmigung" vorgelegen, was zusätzliche Kosten verursacht habe.

"Wir haben nicht zu spät gewarnt"

Aufsichtsbehörde untersucht Kursbewegungen

Das Unternehmen, das vor seiner Gewinn- und Umsatzwarnung von Marktexperten als das "letzte Juwel" am Neuen Markt bezeichnet worden war, wandte sich gegen Vorwürfe, zu lange an der bisherigen Prognose festgehalten zu haben. Die nötigen Zahlen aller Tochtergesellschaften seien dem Topmanagement erst am Donnerstag vergangener Woche – einen Tag vor der Umsatz- und Ergebniswarnung - bekannt gewesen.

Die deutsche Finanzaufsicht BAFin überprüft inzwischen die Kursbewegungen der Thiel-Aktie vom Freitag. Die Aufsicht teilte mit, dass es sich dabei um eine "reine Routineangelegenheit" handele. Es würden allerdings zusätzlich auch die starken Kursveränderungen vom 21. Juni untersucht. Zwei Großaktionäre hatten an diesem Tag ihre Anteile von zusammen über 39 Prozent auf jeweils unter fünf Prozent reduziert. Die Aktie war daraufhin eingebrochen.

Überdies wandte sich Thiel gegen Unterstellungen und Vermutungen, wonach das Management über die Ereignisse, die zur Gewinnwarnung geführt haben, im Voraus gewusst haben soll. Diese Unterstellungen träfen nicht zu, sagte Günter Thiel, Vorsitzender des Verwaltungsrats, am Montag in Frankfurt.

Analyst: Das letzte Vertrauen verspielt

Gewinnwarnung nur die Spitze des Eisberges?

Analysten hatten am Freitag erklärt, sie sähen nach der Gewinnwarnung drastische Konsequenzen auf das Wachstumsunternehmen zukommen. "Die Großkunden werden sich vielleicht aus den Verträgen verabschieden, denn die wollen die Garantie, dass es das Unternehmern in fünf Jahren noch gibt."

Vielleicht, so sind die Befürchtungen, sehe man ja jetzt nur die Spitze des Eisberges. Nach dem Auftreten des Unternehmensgründers Günter Thiel auf einer Roadshow in den vergangenen Wochen, sei dieser nicht mehr zu halten. "Thiel hatte eine Gewinnwarnung definitiv ausgeschlossen", sagte der Analyst.

Analyst: Das letzte Vertrauen verspielt

Die Analysten der Berenberg Bank stuften die Aktie indes auf "Verkaufen" zurück. Mit der Gewinnwarnung habe Thiel Logistik das letzte Vertrauen am Kapitalmarkt verspielt, dass in den vergangenen Wochen aufgrund einer unglückliche Kapitalmarktkommunikation ohnehin schon strapaziert worden sei.

Die Zurücknahme der Planungen sei ein Indiz für tiefgreifende interne Probleme, die nicht durch die schwache Branchenkonjunktur alleine erklärt werden könnten. Während der Umsatz des zweiten Quartals nur leicht unter den Schätzungen liege, weise der Gewinn eine deutliche Abweichung auf.

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