Aktienmärkte Das Zittern nimmt kein Ende

Die deutschen Börsen verbuchten deftige Abschläge. Händler sprachen von einem tiefgreifenden Vertrauensverlust. Finanz-, Technologie- und Autotitel standen unter Beschuss. Die Wall Street schloss tief im Minus. Die Börsianer zittern jetzt vor neuen Arbeitsmarktdaten und weiteren Bilanzskandalen.

Frankfurt am Main – Die deutschen Aktienmärkte haben am Dienstag im tiefroten Bereich geschlossen. Ein Bericht über angeblich versuchte Bilanzmanipulationen beim amerikanisch-französischen Medienkonzern Vivendi Universal hätten die Angst der Investoren vor Bilanzskandalen nun auch in Europa geschürt.

Zusätzlich belastete ein schwache Wall Street die Stimmung an den Märkten, sagten Händler. Technologie- Finanz- und Autowerte gehörten zu den größten Verlierern. Der Dax konnte zum Handelsschluss seine Verluste auf 3,9 Prozent oder 4195 Punkte reduzieren. Zeitweilig hatte das Börsenbarometer mit 4,7 Prozent im roten Bereich gestanden. Der Nemax 50 gab 4,9 Prozent auf 561 Punkte ab.

An der Wall Street konnten sich die Indizes kaum erholen. Der Dow Jones schloss 1,1 Prozent leichter auf 9007 Zählern. Zuvor war das Börsenbarometer unter die psychologisch wichtige Marke von 9000 Punkten gefallen. Der Nasdaq Comoposite verlor 3,3 Prozent auf 1357 Zähler. Der S&P 500 präsentierte sich 2,1 Prozent schwächer auf 948 Punkte.

Marktbeobachter hatten dabei um die langfristige Unterstützungslinie des umfassendsten Börsenbarometers bei 944 Zählern gebangt. Sollte der Index hier in den nächsten Tagen durchrauschen, wäre ein Absturz bis auf 800 Punkte möglich, hieß es.

Ein ganzes Bündel an Faktoren lastete auf der Wall Street. Die Sorge vor weiteren Bilanzskandalen und die Angst, es könnte am Nationalfeiertag Independence Day (4. Juli) zu Terroranschlägen kommen, hätten zu weiteren Verkäufen geführt, sagten Händler in New York.

Mit Bangen erwarten die Börsen zudem am Freitag den Arbeitsmarktbericht für den Monat Juni. Nach Angaben einer namhaften US-Agentur soll die Zahl der gestrichenen Stellen auf rund 94.000 stark gestiegen sein. Besonders sei die Telekommunikationsindustrie betroffen. Zugleich wuchs in New York die Angst vor neuen Bilanzskandalen die mit Beginn der Ertragssaison noch auftauchen könnten.

Belastend wirkten sich insbesondere auf den Technolgiesektor negative Analystenkommentare aus. So stutzte Merrill Lynch die Umsatzprognosen für den Computerkonzern Dell . Die Experten von Salomon Smith Barney reduzierten ihre Gewinnprognosen für Cisco Systems .

Mit Blick auf die Spekulationen um Vivendi  erklärte ein Aktienhändler in Frankfurt: "Das passt zu den Nachrichten aus den USA in den vergangenen Tagen - jetzt haben wir wohl auch Bilanzprobleme in Europa. Das verunsichert den Markt."

Nachdem zusätzlich noch die Ratingagentur Moody's die Einstufung der Vivendi-Schuldtitel auf "Junk" ("Ramsch") herabgesetzt hatte, brachen die Aktien des Medienkonzerns zeitweise um mehr als 40 Prozent ein. Die Tageszeitung "Le Monde" hatte berichtet, Vivendi habe versucht, die Bilanz 2001 um 1,5 Milliarden Euro zu verschönern.

In der vergangenen Woche hatte das Eingeständnis von Fehlbuchungen in Milliardenhöhe durch den US-Telekomkonzern Worldcom  weltweit für Kurseinbrüche gesorgt.

"Die Bilanz-Skandale weiten sich zu einem tief greifenden Vertrauensverlust aus", sagte der Analyst Klaus Kränzle von der Bremer Sparkasse. "Das wird den Markt weiter schädigen und kann sich durchaus noch ein Jahr hinziehen.

Am Markt wird sich nun ständig die Frage gestellt: Wer ist der nächste Kandidat?" Ein Düsseldorfer Aktienhändler sagte, es gebe gegenwärtig keinen Grund, warum die Investoren noch Aktien kaufen sollten. Er rechne damit, dass der Dax noch unter die Marke von 4000 Punkten fallen werde.

Zudem belasteten schlechte Konjunkturdaten aus der Eurozone: Der Wirtschaftsstimmungsindex sank von revidiert 99,9 Punkten im Mai auf 99,6 Punkte, teilte die Europäische Kommission am Dienstag mit. Auch das Verbrauchervertrauen hat sich im Juni im Vergleich zum Vormonat eingetrübt. Dieser Sub-Index ist von minus acht auf minus neun gesunken.

Darüberhinaus ist der Geschäftsklimaindex in der Eurozone im Juni von minus 0,2 auf minus 0,4 Punkte gesunken. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone blieb dagegen im Mai unverändert bei 8,3 Prozent.

T-Aktie verliert mehr als sechs Prozent

T-Aktie rutscht wieder unter zehn Euro

Technologie- und Finanzwerte im Dax gehörten zu den größten Verlierern. Die T-Aktie  hatte sich lange Zeit des Handels über der Marke von zehn Euro gehalten, schloss aber mit einem Abschlag von 6,20 Prozent auf 9,53 Euro. Am Montag hatten Spekulationen, dass France Télécom  wieder verstaatlicht werden soll, der T-Aktie Auftrieb gegeben. Auch die guten Aussichten für die Telekom-Sparte T-Systems hatte die T-Aktie zeitweilig gestützt.

Epcos und Infineon tauchen ab

Insbesondere Technologiewerte wie Epcos  und Infineon  standen unter Druck. US-Analystenhäuser hatten sich kritisch zur Chipbranche geäußert. Epcos gaben fünf Prozent auf 31,42 Euro ab. Infineon schloss mit Verlusten von 6,60 Prozent auf 14,47 Euro als schwächster Dax-Wert. Siemens  präsentierten sich fünf Prozent leichter auf 57,44 Euro. SAP  fielen um 4,70 Prozent auf 91,11 Euro.

Gerüchte um Deutsche Bank und Vivendi

Der freie Fall der Worldcom -Aktie belastete auch die Finanztitel. Am Dienstag wurde bekannt, dass die Summe der Falschbuchungen bei Worldcom noch rund eine Milliarde höher liegen könnte als befürchtet. Das Unternehmen, das kurz vor der Pleite steht, ist mit rund 30 Milliarden Dollar verschuldet. Banken werden wahrscheinlich einen großen Teil dieser Summe abschreiben müssen.

Deutsche Bank  notierten fünf Prozent leichter auf 67,35 Euro. Belastend kam nach Angaben von Händlern hinzu, dass die Bank bei einem Deal mit Vivendi im Juni 44 Millionen Aktien des Konzerns erworben haben soll. Diese sollte Vivendi wieder zurück kaufen. Besorgte Investoren befürchteten nun, dass die Deutsche Bank im Falle einer Pleite des amerikanisch-französischen Konzerns auf den Papiere sitzen bleiben könnte.

HypoVereinsbank  verloren mehr als vier Prozent. MLP  gaben rund fünf Prozent ab und schlossen unter der Marke von 30 Euro. Aktionärsschützer werden indes erneut gegen die umstrittene Kapitalerhöhung bei MLP klagen.

Bös erwischte es auch die Dax-Schwergewichte Allianz  und Münchener Rück . Allianz-Titel gaben zuletzt sechs Prozent auf 188 Euro nach. Münchener Rück-Titel verbilligten sich um mehr als fünf Prozent auf 224 Euro.

Autotitel schwer unter Beschuss

Autotitel leiden unter schwachen US-Absatzzahlen>

Auch Autowerte standen stark unter Druck, konnten zum Handelsschluss aber ihre Verluste reduzieren. Volkswagen  verloren 3,71 Prozent auf 46,70 Euro. Zwischenzeitlich hatten die Aktie mehr als sechs Prozent nachgegeben. DaimlerChrysler  gaben 3,66 Prozent ab. BMW  fielen um 2,55 Prozent auf 40,10 Euro.

In den USA lassen sich Autos nur noch mit Mühe an den Mann bringen. Deshalb versuchen General Motors , Ford und DaimlerChrysler  nun mit noch aggressiveren Finanzierungsprogrammen den Absatz ihrer Modelle zu steigern. Dies belastete Autotitel genauso wie die am Abend veröffentlichten US-Absatzzahlen für den Monat Juni.

Ford etwa verbuchte im Juni einen Absatzrückgang in den USA von 10,6 Prozent. Mit einem Minus von 14 Prozent fiel der Rückgang bei den Pkw noch deutlicher aus. Volkswagen hat im Juni einen um fünf Prozent rückläufigen US-Absatz verzeichnet. Mercedes-Benz USA hat im Juni auf Jahressicht einen Absatz-Rückgang von 6,7 Prozent verbucht.

BMW verbuchte im Juni einen Absatzrückgang von 1,9 Prozent. Der Autokonzern hat ungeachtet der flauen Branchenkonjunktur seinen US-Absatz im ersten Halbjahr allerdings deutlich gesteigert. Insgesamt seien einschließlich des britischen Kleinwagens Mini 124.475 Fahrzeuge an die Kunden ausgeliefert worden, was einem Zuwachs von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Degussa legt trotz drohender Strafe zu

Die Aktie von Degussa  gehörte gemeinsam mit Linde  zu den wenigen Gewinnern im Dax: Das Papier schloss rund ein Prozent fester, obwohl die EU angeblich eine Strafe über 100 Millionen Euro gegen das Spezialchemieunternehmen verhängen will. Degussa habe in einem Kartell jahrelang Preise für Tierfutterzusatzstoffe abgesprochen, so der Vorwurf. Mehr Bedeutung als die drohende Strafe für Degussa habe die Übernahme des Unternehmens durch die RAG, sagten Händler.

Babcock-Aktie schießt in die Höhe

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement hat am Dienstag in letzter Minute einen Rettungsversuch für den angeschlagenen Oberhausener Maschinenkonzern Babcock Borsig  gestartet. Er lud die Gläubigerbanken, die Anteilseigner und den Vorstand des Unternehmens zu einem Rettungsgespräch ein. Ohne eine Einigung der Beteiligten ist nach Unternehmensangaben wahrscheinlich schon am Mittwoch mit einem Insolvenzantrag zu rechnen. Die im MDax notierte Aktie schoss daraufhin sofort nach oben und stand zeitweilig sogar mit vier Prozent im Plus. Zuvor hatten die Abschläge mehr als 20 Prozent betragen.

Neuer Markt – Verkäufe um jeden Preis

Die Aktien am Neuen Markt haben ihren Kurssturz ungebremst fortgesetzt. Der Nemax 50 hatte zeitweilig fast sechs Prozent verloren. "Selbst auf diesem Niveau muss man Kaufaufträge mit der Lupe suchen, auch wenn die guten Aktien am Neuen Markt schon recht günstig sind", sagte ein Wertpapierhändler in Düsseldorf.

Qiagen  gaben um mehr als sechs Prozent ab. "Auch wenn nichts bewiesen ist, hier herrscht weiter die Furcht vor Ungereimtheiten in Bezug auf den Wechsel der Bilanzprüfer", sagte ein Händler. Am Montag hatte Qiagen mitgeteilt, die Bilanz des Unternehmens werde künftig von Ernst & Young und nicht mehr von Arthur Andersen testiert.

Die Papiere des Chipbrokers ce Consumer  verloren 28,32 Prozent auf 2,05 Euro. Der Chiphändler muss Wertberichtigungen in Höhe von insgesamt 47 Millionen Euro vornehmen. Die Aktie war nach der Mitteilung zwischenzeitlich vom Handel ausgesetzt.

Unter die Räder kam die Aktie des Prüfgeräterherstellers für die Chipindustrie Suess Microtec , die um 31 Prozent auf 13,79 Euro einbrach. Die Analysten von Morgan Stanley erwarten, dass das Unternehmen im laufenden und kommenden Jahr weniger einnehmen wird als sie zuvor prognostiziert hatten.

Gewinnwarnung nach Börsenschluss

Gewinnwarnung nach Börsenschluss

Nach Börsenschluss gab zu allem Überfluss noch SZ Testsysteme eine saftige Gewinnwarnung heraus. Das Unternehmen hat wegen der andauernden Flaute in der Halbleiterindustrie ihre Umsatz- und Ergebnisprognose für das laufende Geschäftsjahr 2001/2002 gesenkt. Zudem soll die Zahl der Mitarbeiter weltweit von 390 auf 300 reduziert werden, teilte der am Neuen Markt notierte Hersteller von automatischen Testsystemen zur Prüfung von Halbleiterbauteilen am Dienstag in Amerang mit.

Statt eines Umsatzes von 50 bis 55 Millionen Euro sollen in dem zu 30. September auslaufenden Geschäftsjahr nur noch 25 Millionen Euro erzielt werden. Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) rechnet das Unternehmen mit einem Minus von 18 Millionen Euro. Darin seien eventuelle Rückstellungen für Sparmaßnahmen noch nicht berücksichtigt. Frühere Planungen sahen vor, das SZ Testsysteme im laufenden Jahr die Gewinnschwelle erreicht.

Einige Kunden hätten großvolumige Aufträge für das dritte Quartal auf das kommende Geschäftsjahr verschoben, begründete das Unternehmen die zurückgeschraubten Prognosen und die Stellenstreichungen. Wegen des weiterhin kaum einschätzbaren Investitionsverhaltens der Halbleiterindustrie müsse das Unternehmen seinen Sparkurs verschärfen.

SZ Testsysteme sei mit 50 Millionen Euro Eigenkapital und einem ausreichenden Finanzierungsrahmen dennoch nicht gefährdet. Mit dem für Ende 2002 spätestens Anfang 2003 einsetzenden Konjunkturaufschwung wolle das Unternehmen wieder zu alten Wachstumsraten zurückkehren.

Der Kurs des Euro ist am Dienstag gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9838 (Montag: 0,9913) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0165 (1,0088) Euro. Zuletzt wurde die Gemeinschaftswährung mit 0,9831 Dollar gehandelt.