Bilanzen Zu schön, um wahr zu sein

Wenn einige Finanzexperten Recht haben, sind die Skandale von Enron, Worldcom und Xerox erst der Anfang. Auch bei Blue Chips wie Cisco, AOL Time Warner und IBM schlummerten Risiken in der Bilanz. Die Zahl der Bilanz-Berichtigungen ist auf Rekordhöhe.

New York - "Es wird in der nächsten Zeit häufiger zum Platzen solcher Blasen kommen", sagte Howard Schilit, Präsident des Center for Financial Research and Analysis, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Fehlbuchungen seien das Ergebnis des Aktien-Booms der 90-er Jahre, als falsches Wirtschaften belohnt worden sei.

Den Kreis der Favoriten hat Schilit bereits eingegrenzt. Cisco Systems gehöre ebenso dazu wie AOL Time Warner. Cisco sei vor allem deshalb verdächtig, weil der Netzwerk-Spezialist sein Wachstum in erster Linie durch die Übernahme kleinere Unternehmen erreicht habe. Und der Medienkonzern AOL habe mit ähnlichen Kriterien bilanziert wie WorldCom, begründet Schilits. "Viele Leute sagen: die Zahlen sind zu schön um wahr zu sein", bestätigt Walter Casey, ein Analyst der Bank One Investement Advisors die Einschätzung Schilitis'.

IBM auf Negativliste

Der Computerriese IBM steht dagegen auf der Negativ-Liste von Bill Fleckenstein ganz oben. Der Präsident des Investment-Hauses Fleckenstein Capital rechnet fest damit, dass Unstimmigkeiten in der Bilanz ans Licht kommen werden. Bereits im Februar war der Computerriese in die Kritik geraten, nachdem die "New York Times" Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Verkäufen von Tochtergesellschaften an den Netzwerk-Hersteller JDS Uniphase aufgedeckt hatte. Mit knapper Not habe der IBM-Vorstand die Investoren überzeugen können, indem er weitere Details aus dem Ergenbis offenbarte, berichtet Bloomberg.

Für Fleckenstein bedeutet das offenbar noch nicht das Ende der Fahnenstange. Er spekuliert auf neue Enthüllungen. Um von den dann fallenden Kursen zu profitieren, habe der Investor bereits in großen Stil Leerverkäufe getätigt, berichtet der Finanzdienst weiter. Weitere mögliche Kandidaten für einen Platz auf der Rangliste der Bilanztrickser seien für Fleckenstein auch die US-Firmen Mirant, Omnicom, Oracle und Qwest.

Rekordzahl an Bilanz-Berichtigungen

Für das vergangene Geschäftsjahr mussten bereits 158 US-Firmen ihre Zahlen korrigieren, berichtet Bloomberg weiter. Damit erreichen die Bilanz-Berichtigungen in diesem Jahr eine neue Rekordsumme, wie die New Yorker Stern School of Business in einer Studie feststellte. Allein der WorldCom-Skandal habe nach Expertenschätzungen zu einem Gesamtschaden für Investoren in Höhe von rund 150 Milliarden US-Dollar geführt.

Und in der Zukunft dürfte es nicht viel besser aussehen: "Viele Prognosen für das zweite Halbjahr sind einfach unrealistisch", glaubt Chuck Hill von Thomson First Call. Während die Erträge seit fünf Quartalen fallen, glauben US-Unternehmen weiterhin an wachsende Einkommen für den Rest diesen Jahres. Unternehmen, die in einer solchen Situation Gewinnwarnungen vermeiden wollten, würden unweigerlich in die Zwangslage geraten, ihre Bilanzen polieren zu müssen.

Robert Willens, Direktor von Lehman Brothers Holdings, fordert deshalb eine noch strengere Überwachung der Zahlenwerke. "Die Unternehmen müssen ihre Glaubwürdigkeit wieder erlangen." Bis dahin sei es aber ein langer Weg.

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