Worldcom Falschbuchungen offenbar viel höher

Chef Sidgemore verspricht volle Aufklärung, schließt aber die Insolvenz nicht mehr aus.

Washington - Der angeschlagenen US-Telefonkonzern Worldcom  will mit allen Mitteln eine Insolvenz vermeiden, kann eine Form der Zahlungsunfähigkeit aber nicht ausschließen. Wie Unternehmenschef John Sidgemore am späten Dienstagabend vor Journalisten in Washington sagte, liefen derzeit Verhandlungen mit zwei Banken über eine Lösung der Kreditfrage.

Worldcom habe rund zwei Milliarden Dollar Kapital auf Bankkonten einliegen, sagte Sidgemore. Gleichzeitig steht das Unternehmen allerdings mit mehreren Milliarden bei Banken in der Kreide und ist in Zahlungsverzug geraten. Das Management sei zuversichtlich, bereits Ende dieser Woche einen Vorschlag präsentieren zu können.

"Wir werden alles veröffentlichen"

Wie Sidgemore weiter betonte, hätten die Kreditgeber bislang nicht eine beschleunigte Schuldenrückzahlung gefordert. Zudem hätten Großkunden bislang keine Dienste gekündigt. Worldcom hatte Falschbuchungen über 3,8 Milliarden Dollar zugegeben und weitere Unregelmäßigkeiten angedeutet. Die US-Börsenaufsicht nimmt derzeit die Bilanzpraktiken des Konzerns unter die Lupe. Die US-Regierung überprüft derzeit sämtliche Verträge mit dem nach AT&T größten Anbieter von Festnetzgesprächen in den USA.

"Wir werden alles veröffentlichen, was wir wissen, sobald wir es wissen", versicherte John Sidgmore weiter. "Wir werden Verstöße in der Vergangenheit voll untersuchen", sagte Sidgmore. Worldcom kooperiere mit allen laufenden Untersuchungen.

Umfang der Falschbuchungen offenbar höher

Zuvor hatte die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal" am Dienstag unter Berufung auf Kreise berichtet, dass der Umfang der Falschbuchungen bei der angeschlagenen US-Telefongesellschaft möglicherweise um eine Milliarde US-Dollar höher ist als bisher bekannt.

Wie Worldcom am Montag mitteilte, traten bei der internen Bilanzprüfung weitere verdächtige Transaktionen in den Büchern zu Tage. "Das Statement von Worldcom ist komplett inaktzeptabel und unvollständig", hatte das Blatt den Vorsitzenden der US-Börsenaufsicht SEC noch vor der Pressekonferenz am Dienstagabend zitiert. Es zeige einen Mangel an Bereitschaft, den Anlegern sämtliche Fakten offenzulegen und mit der SEC zusammenzuarbeiten.

Erklärung bei der SEC abgegeben

Worldcom hat inzwischen eine Erklärung über die geplante Änderung seiner Finanzergebnisse für das Jahr 2001 und das erste Quartal 2002 bei der US-Wertpapier- und Börsenkommission SEC abgegeben. Der Prüfungsausschuss der Gesellschaft untersucht auch die Unterlagen für die Jahre 1999 bis 2001, teilte die Gesellschaft mit. Das Unternehmen hat den Wirtschaftsprüfer KPMG um Hilfe bei der Überprüfung gebeten.

Worldcom sei von seinen Banken und Kreditgebern informiert worden, das eine Vertragsverletzung bei Verbindlichkeiten im Rahmen der Kreditfazilität von 2,65 Milliarden Dollar und bei einer ungesicherten Kreditfazilität von 1,6 Milliarden Dollar erfolgt sei, hieß es. Deshalb könnten die Banken eine beschleunigte Rückzahlung verlangen.

Welche Rolle spielte Chef Ebbers?

Damit würde eine sofortige Rückzahlung erforderlich, falls die Kreditgeber dies verlangten. Der neue Worldcom-Chef John Sidgmore verwies aber auf Verhandlungen mit den Geldgebern über eine Ersatzfazilität und hofft letztlich auf eine Lösung.

Die Prüfer, die den Buchführungsskandal von Worldcom untersuchen, wenden ihre Aufmerksamkeit dem kürzlich rausgedrückten Unternehmenschef Bernard J. Ebbers zu. Sie wollen herausfinden, welche Rolle er bei dem angeblichen Betrug gespielt hat, berichtet das "Wall Street Journal" am Montag in seiner Onlineausgabe.

Die an zahlreichen Untersuchungen beteiligen Prüfer seien zunehmend überzeugt, dass sie weitere Beweise für unangemessene Buchführung finden würden, die über die 3,8 Milliarden Dollar hinausgehen, die Worldcom vergangene Woche bekannt gegeben hatte. Worldcom hatte mit seinen Buchführungsmethoden tatsächliche Verluste in fiktive Gewinne verwandelt.

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