Anleger Im Netz der falschen Propheten

Immer mehr private Investoren suchen bei Kurs- oder Anlagepleiten Hilfe vor Gericht. Doch die Aussichten stehen schlecht. Richter betonen die unternehmerische Mitverantwortung, Berater haften fast nie. Wie Sie sich gegen falsche Experten wappnen.
Von Christian Dose

Hamburg - Viele Anleger haben sich durch die Kursverluste an den Börsen oder gar wegen Pleiten ihrer Investments verschreckt vom Aktien- und Kapitalmarkt zurückgezogen. Nicht wenige Privatinvestoren versuchen seit Monaten, per Gericht Entschädigung für ihre Verluste zu erhalten – bei Unternehmen, Banken oder Finanzdienstleistern.

Doch auf den Klageweg sollten sich Anleger nicht verlassen. Der Gang vor Gericht kann zwar zum Erfolg führen – aber das gelingt nur in wenigen Fällen. Richter betonen die unternehmerische Mitverantwortung, obendrein ist die Rechtsprechung nicht sehr einheitlich.

Vor der nächsten Investment-Entscheidung lohnt es sich daher für Aktionäre, Informationen einzuholen über ihre Rechte und Pflichten – bei der Wahl des Investments wie auch des Beraters.

Schon im Januar 2000 urteilten die Richter des Bundesgerichtshofes außerhalb der Rechtsprechung zur Bankenhaftung, dass Investoren die Pflicht zur eigenverantwortlichen Prüfung haben. Grundsätzlich gilt: Auch private Anleger werden durch Börseninvestments zu Mit-Unternehmern.

Wer Geld investiert, also Aktien kauft oder sich an Fonds beteiligt, handelt unternehmerisch und teilt sowohl Chancen als auch Risiken des Investments. Und die Börse - diese Binsenwahrheit gilt bis heute - ist keine Einbahnstraße. Aktienkurse können drastisch fallen, Unternehmen pleite gehen.

Gut beraten ist daher jeder Anleger, der Aktien als langfristige Anlage sieht und sein Depot ausgewogen gestaltet – die Mehrheit in sichere Papiere wie Renten und solide Großkonzerne, wenig "verzichtbares" Geld in spekulative Werte.

Privatinvestoren sind grundsätzlich bei vorsätzlich falscher Beratung und handwerklichen Fehlern geschützt (Beraterhaftung). Ein Beispiel: Jüngst musste ein Kreditinstitut dafür haften, dass es zum Verkauf einer Aktie geraten hatte, obwohl es vorher gar keine entsprechende Analyse erstellt hatte.

Die Bank sprach die Verkaufsempfehlung aus, weil es angeblich ausschließlich negative Informationen über den betreffenden Wert gab. Ein Kunde veräußerte darauf hin alle seine Anteile, nur um zu erleben, dass sich der Kurs wenige Wochen nach einem Übernahmeangebot mehr als verdoppelte.

Zwar argumentierte die Bank vor dem Berliner Landgericht (Aktenzeichen: 21 O 389/01) überraschend, dass ihre Analysten den Wert gar nicht beobachteten würden, dennoch muss das Geldhaus dem Kunden die entgangenen Kursgewinne erstatten.

Grund: Nach Ansicht der Richter ist es die "stärkste Form fehlerhafter Recherche" seitens der Bank, wenn in Wirklichkeit der Wert gar nicht analysiert und der Kunde darüber nicht informiert wird. Entscheidend für den Erfolg des Klägers war zudem die Annahme der Richter, dass der Verkauf ausschließlich auf Grundlage der inhaltlich nicht gesicherten Verkaufsempfehlungen beruhte.

Blindes Vertrauen wird bestraft

Doch selten ist ein Versagen so eindeutig festzustellen und die Schuldfrage so zweifelsfrei zu klären. Blind vertrauen dürfen Anleger ihren Beratern nicht. Das zeigt ein Urteil des Oberlandesgerichtes Bamberg: Dessen Richter messen der unternehmerischen Verantwortung des Investors eine entscheidende Rolle bei. Danach musste ein Bankberater für eine falsche Beratung zwar haften – aber nur zu 50 Prozent.

Hintergrund: Der Kunde hatte eine sichere Anlage gewünscht, der Berater ihm aber eine spekulative vermittelt. Das klingt eigentlich nach 100 Prozent Schaden. Doch das Bamberger Gerichts teilte die Verantwortung hälftig. Begründung: Der Kunde habe seinem Berater "blind" vertraut (AZ: 4 U 204/01). Der Anleger hatte offensichtlich seine Investment-Entscheidung und damit das unternehmerische Risiko nicht auch selbst geprüft.

Besonders schlimm kommt es für Privatanleger, wenn sie vor Gericht gänzlich leer ausgehen und durch Anwalts- und Gerichtskosten auch noch "schlechtem Geld gutes Geld hinterher werfen", wie es Wolfgang Gerke ausdrückt, Professor für Bank und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg (siehe "Wir brauchen eine europäische Börsenaufsicht").

Viele Anleger berufen sich in ihren Klagen auf negative Presseberichte, die ihnen mutmaßlich absichtlich vorenthalten wurden. Eine falsche Sichtweise, urteilten schon mehrere Gerichte. So kommt das Oberlandesgericht Frankfurt (AZ: 23 U 136/99) zu dem Ergebnis, dass ein Vermittler nicht die gesamte einschlägige Presse verfolgen kann, und sprach somit einen Finanzdienstleister von der Haftung frei.

Hintergrund: Der Vermittler hatte zwar positive Medienberichte über die Geldanlage - eine atypische stille Beteiligung mit Verlustbeteiligung an einem Hamburger Unternehmen, das später Konkurs ging - erwähnt; negative Artikel in Fachzeitschriften hatte er jedoch verschwiegen. Das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig, da der Bundesgerichtshof das Verfahren nicht zur Revision annahm.

Klagen gegen Berater, Banken oder Vermittler sollten daher wohl überlegt sein – auch wenn Rechtsschutzversicherungen mittlerweile Schadenersatzklagen abdecken müssen und dem Anleger in bestimmten Situationen zumindest keine Prozess- und Anwaltskosten entstehen. Zumindest in einem Fall hat jetzt das Münchener Landgericht (AZ: 4 O 18021/01) einem Aktionär Recht gegeben, dessen Assekuranz zunächst einen Prozess nicht zahlen wollte.

Dennoch - für den Anleger sollte bei seinem nächsten Investment die Devise gelten: Fragen und gründlich prüfen statt klagen und auf richterliche Hilfe hoffen. Denn mit guter Beratung und dem richtigen Selbstverständnis des Anlegers lassen sich viele Situationen vermeiden, in denen Verluste anfallen und später die Juristen bemüht werden müssen. Ohnehin begeistern Kursgewinne weitaus mehr als langwierige Verhandlungen im Gerichtssaal mit ungewissem Ausgang.

Checkliste: Was Sie Ihren Berater fragen sollten Bankenhaftung: Wie Sie sich wehren können

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