US-Börsenaufsicht Die überforderten Sheriffs

Die Welle von Finanzskandalen in den USA macht deutlich, dass die US-Wertpapieraufsicht SEC mit ihren Aufgaben überfordert ist. Nicht nur ihr Chef Harvey Pitt steht am Pranger. Den Börsensheriffs fehlt überdies Geld und qualifiziertes Personal.

Hamburg - Als das "Wall Street Journal" Ende vergangener Woche berichtete, der US-Pharmakonzern Merck & Co.  habe seine Umsätze künstlich aufgebläht, hatte Unternehmenssprecher Greg Reaves kein stichhaltiges Gegenargument zur Hand. Stattdessen bemühte er die US-Börsenaufsicht: "Die Securities and Exchange Commission (SEC) hat nie Zweifel an dieser Bilanzierungspraxis geäußert".

Vermutlich, weil die Behörde die fraglichen Bilanzen nie überprüft hat. Der Fall des Pharmakonzerns ist symptomatisch für die Probleme der US-Börsenaufsicht: Mercks Umsatzkapriolen hätten der SEC durchaus auffallen können. Denn die vom "Journal" zitierten Zahlen stammen keineswegs von geheimen Informanten, sondern aus einem Formular mit Informationen zum geplanten Börsengang der Merck-Tochter Medco. Das Papier liegt seit April 2002 für jedermann zugänglich auf dem Server der SEC. Nur gelesen hat es niemand.

Während in den USA wöchentlich neue Bilanzskandale und Durchstechereien der Wall Street bekannt werden, wirkt die wichtigste Börsenaufsicht der Welt überfordert. Jahrelang hat die SEC ihre Aufsichtspflichten in vielen Bereichen schleifen lassen - die Folgen treten jetzt zu Tage. Eine Überprüfung der SEC, die von den Rechnungsprüfern des amerikanischen Kongresses (GAO) durchgeführt wurde, kommt zu einem vernichtenden Ergebnis: Die SEC, so die Prüfer handele kaum noch proaktiv, "meist reagiert sie nur". "Wichtige Regulierungsaktivitäten" würden "wegen der gestiegenen Arbeitsbelastung verzögert".

Den Sheriffs wächst der Markt über den Kopf

Ursache der Misere sind die veränderten Bedingungen an den Aktienmärkten. Im vergangenen Jahrzehnt hat das Handelsvolumen stark zugenommen. Die Zahl der Börsengänge ist ebenso sprunghaft angestiegen wie das von großen Investmentfonds verwaltete Vermögen. Finanzinstrumente wie Derivate und neue Bilanzkonstruktionen haben den Markt immer undurchsichtiger gemacht.

Die Beamten aus der Washingtoner Fifth Street sollen alle wichtigen Marktteilnehmer - Banken, Broker, Unternehmen - beobachten und dafür sorgen, dass sie sich an die Börsenregeln halten und ihren Informationspflichten nachkommen, kurz "die Integrität des Wertpapiermarktes aufrecht erhalten", wie es in der Selbstbeschreibung der Behörde heißt. Dazu ist sie jedoch kaum noch in der Lage. Laut der GAO-Studie hat die Arbeitsbelastung der Washingtoner Behörde in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent zugenommen; die Zahl der verfügbaren Arbeitsleistung stieg im gleichen Zeitraum nur um 20 Prozent.

Behörde geht im Papierkrieg unter

In einigen Bereichen ist das Missverhältnis noch weitaus krasser. Die Zahl der Formulare, die Unternehmen im Rahmen der Quartalsberichterstattung oder im Zuge von Börsengängen einreichen, stieg in den vergangenen zehn Jahren um 108 Prozent an. Die für diesen Bereich budgetierte Arbeitsleistung wuchs parallel um nicht einmal zehn Prozent. Da ist es kein Wunder, dass der Behörde Merck und andere Sünder durch die Lappen gehen: Die SEC kann bei den 17.000 Unternehmen, die jährlich Millionen von Seiten einreichen, nur Stichproben machen. Wenn überhaupt: Laut Joel Seligman von der Washington University School of Law hat die SEC seit 1997 keinen einzigen Bericht des bankrotten Skandalunternehmens Enron mehr geprüft.

Dabei müsste die Behörde eigentlich im Geld schwimmen. Für Pflichtformulare wie den Quartalsbericht (10-Q) oder den Jahresabschluss (10-K) müssen börsennotierte Unternehmen Gebühren entrichten. Jahrlich brächte das der SEC etwa zwei Milliarden Dollar ein - wenn der US-Kongress das Geld nicht abgriffe und anderen Zwecken zuführte. Die Bush-Administration weigert sich bisher, das SEC-Budgets deutlich zu erhöhen. Wegen der im Vergleich zu Privatwirtschaft lausigen Gehälter leidet die SEC seit Jahren unter einem "Brain Drain". In den Boomjahren 1998 bis 2000 zog es besonders viele Beamte der Wertpapieraufsicht an die Wall Street - die Fluktuationsrate lag bei knapp einem Drittel. Derzeit besitzt die SEC gerade mal an die hundert Anwälte, die auf Banken- oder Wertpapierrecht spezialisiert sind. Noch kleiner ist die Zahl der Bilanz-Forensiker, die in der Lage sind, in einem hundertseitigen Zahlenwust eine Schweinerei zu finden.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum die Reformpläne von SEC-Chef Harvey Pitt am eigentlichen Problem vorbeigehen

Der große Zauderer

Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, hat die SEC auch noch Probleme mir ihrem neuen Vorsitzenden, Harvey Pitt. Der ehemalige Wall-Street-Anwalt wirkte auf Grund seiner Vita zunächst wie der perfekte Kandidat für den Job. Pitt bemüht sich zwar, seine berufliche Erfahrung herauszustreichen ("Ich weiß, wo die Leichen der Branche begraben sind"), dennoch bekommt er bisher kaum ein Bein auf den Boden. Zuerst musste sich der massige Republikaner mit einer Vorliebe für goldene Accessoires seine Nähe zur Wall Street im allgemeinen und zu den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften im Speziellen vorhalten lassen. Seit bekannt wurde, dass Pitt sich mit dem designierten Chef des Wirtschaftsprüfers KPMG traf, während gegen dessen Unternehmen ein SEC-Verfahren lief, ist die Glaubwürdigkeit des Vorsitzenden angeschlagen.

Bei genauerer Betrachtung erscheint es allerdings unwahrscheinlich, dass Pitt seinen alten Bekannten unter der Hand Zugeständnisse macht. Vertraute sagen, dass der Ex-Anwalt eben den Dialog bevorzuge - anders als sein Vorgänger Arthur Levitt, der für einen rüden Stil und medial in Szene gesetzte Drohungen bekannt war. Derzeit wird Pitt sein sotto voce als Schwäche ausgelegt. Die US-Medien brandmarken ihn als Zauderer und als phlegmatischen Buddha. Gleichzeitig mit Lob überhäuft wird der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer, der Merrill Lynch wegen deren unkritischer Aktienanalysen zu einer hohen Vergleichzahlung zwang. Dennoch ist es gut möglich, dass Pitt langfristig mehr Erfolg hat als Spitzer, der jedes Zwischenergebnis umgehend an die Medien weiterreicht.

Wirre Reformpläne

Viel beunruhigender ist, dass der SEC-Vorsitzende keine erkennbare Strategie hat, wie das Vertrauen der Investoren wiederhergestellt werden soll. Ein Beispiel: Erklärtes Anliegen Pitts ist es, die Qualität der von Unternehmen veröffentlichten Zahlenwerke zu verbessern. Die SEC will, dass Geschäftsberichte in Zukunft mehr Daten enthalten, etwa über außerhalb der Bilanz bestehende Kreditrisiken. Gleichzeitig hat Pitts Behörde unlängst vorgeschlagen, den Zeitraum zu verkürzen, der Unternehmen für die Bilanzierung zur Verfügung steht: Quartalszahlen sollen 30 Tage nach Ablauf der Berichtsperiode (bisher 45 Tage) eingereicht, Geschäftsabschlüsse innerhalb von 60 Tagen (bisher 90 Tage) veröffentlich werden.

Wie die Unternehmen bei höherem Zeitdruck und gestiegenen Anforderungen dennoch qualitativ bessere und transparentere Abschlüsse liefern sollen, weiß wohl nur Pitt selbst. Inzwischen formiert sich auf breiter Front Widerstand gegen die Pläne. Zu den Kritikern gehören über fünfzig große US-Unternehmen, darunter Coca-Cola , Kodak  und McDonald's . Auch Verbände wie The Business Roundtable sind gegen Pitts Plan. Der Vorschlag geht nach Meinung vieler am eigentlichen Problem vorbei. "Wir können uns nicht an einen einzigen Fall erinnern, in dem die Pünktlichkeit von Enrons finanziellen Veröffentlichungen kritisiert wurde", ätzt Howard McLure, Finanzchef des Pharmadienstleisters Caremark Rx.

In einem für die Transparenz weitaus wichtigeren Punkt sieht Pitt bisher keinen Handlungsbedarf: Die so genannten Pro-Forma-Mitteilungen will er nicht antasten. Inzwischen ist es an der Wall Street Usus, lange vor den nach gesetzlichen Standards bilanzierten Quartalszahlen erst einmal schön gerechnete operative Gewinne zu veröffentlichen - mit Transaparenz hat das nichts zu tun, eher mit Verschleierung und PR.

Der Markt wird's schon richten

Auch für seinen Vorschlag zur Einrichtung eines Kontrollgremiums, das der ins Gerede gekommenen Wirtschaftsprüferzunft auf die Finger schauen soll, erntet Pitt viel Kritik. Die einzigen, denen sein Plan wirklich gefällt, sind die Prüfungsfirmen selbst - sie bezeichnen den SEC-Vorschlag als "konstruktiv" und "sinnvoll". Das sollte einen misstrauisch machen. Tatsächlich ist Pitts Vorschlag wenig überzeugend: Das neue, so genannte Public Accountability Board soll sicherstellen, dass US-Wirtschaftsprüfer bei ihrer Arbeit bestehende Vorschriften einhalten und berufsethische Grundsätze nicht außer Acht lassen. Allerdings ist Pitts Blaupause für die Reform bei genauerem Hinsehen ein Schritt zurück: Anders als beim Vorgängergremium POB (Public Oversight Board) werden die Buchhalter diesmal selbst bei der Kontrolle ihrer eigenen Branche mitwirken. Drei der neun Gremiumssitze sollen mit zertifizierten Wirtschaftsprüfern besetzt werden.

Zwar werden die Buchhalter bei der Verhängung von Disziplinarstrafen kein Stimmrecht haben und sind in der Minderheit. Dennoch werden sie nach Meinung des ehemaligen US-Rechnungshofpräsidenten und derzeitigen POB-Vorsitzenden Charles Bowsher "so viele Ressourcen und so viel juristisches Talent mitbringen, dass diese Berufsgruppe das System bald beherrschen wird." Bowsher selbst war in der Vergangenheit vorgeworfen worden, die "Big Five" Wirtschaftsprüfer nicht scharf genug kontrolliert zu haben - dass sogar er Pitts Vorschläge für zu lasch hält, ist kein gutes Zeichen. Das POB hat kürzlich seine eigene Auflösung beschlossen - aus Protest gegen Pitts Entscheidung, demnächst auch Wirtschaftsprüfer als Kontrolleure zu berufen.

Auch wird das Gremium kein gesetzlich verankertes Recht erhalten, Unternehmen zur Herausgabe von Dokumenten zu zwingen - obwohl gerade dies nach Meinung von Experten die entscheidende Neuerung gewesen wäre. Überhaupt schreckt Pitt bei seinen Reformplänen vor verbindlichen gesetzlichen Regelungen zurück. Lieber setzt er auf freiwillige Selbstverpflichtungen und darauf, dass der freie Markt die meisten Probleme früher oder später von alleine richtet. Sein Glaube an letzteren ist für den Republikaner Pitt eine "beinahe religiöse Überzeugung" ("Business Week"). "Nicht jedes Problem verlangt nach einem neuen Statut oder einer neuen Regel", meint Pitt - als ob die größte Welle von Wirtschaftsskandalen seit dem Großen Crash von 1929 nur ein x-beliebiges Problem wäre.