Worldcom US-Präsident Bush spricht von Skandal

Der US-Telekomriese Worldcom hat rund vier Milliarden Dollar falsch verbucht. Die Bilanzfälschung übersteigt damit noch den Fall Enron. Für das angeschlagene Corporate America ist das eine Katastrophe.

Clinton - Der schwer angeschlagene US-Telekomriese Worldcom  hat Falschbuchungen von 3,85 Milliarden Dollar (vier Milliarden Euro) vorgenommen. Worldcom hat dadurch für das Jahr 2001 und für das erste Quartal 2002 Gewinne verbucht statt rote Zahlen auszuweisen. Dies hat das Unternehmen am Dienstag nach Börsenschluss mitgeteilt.

Es dürfte sich um eine der schwersten US-Buchführungsbetrügereien handeln. Worldcom könnte nach Ansicht von Wall-Street-Beobachtern der Gang zum Konkursrichter drohen. Die Rating-Agentur Standard & Poors senkte am Mittwochabend das Schuldenrating für Worldcom auf "CCC-" von "B+".

Bush bezeichnet Vorgänge als ungeheuerlich

US-Präsident George W. Bush hat die Berichte über Fehlbuchungen bei Worldcom als ungeheuerlich bezeichnet und umfassende Ermittlungen angekündigt. Bush erklärte, der Fall Worldcom werde vollständig untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.

"Ich bin zutiefst besorgt über einige Bilanzierungspraktiken in Amerika", sagte er. Trotz der Sorgen der Investoren wegen der Bilanzierungspraktiken von US-Unternehmen "ist unsere Wirtschaft stark", sagte er und fügte angesichts der Kursverluste wegen des Worldcom-Falles hinzu, der Aktienmarkt sei derzeit nicht so stark wie er sein sollte.

Die internationalen Aktienmärkte waren am Mittwoch im Zuge des Worldcom-Skandals abgestürzt. Der Dax war zeitweilig unter die Marke von 4000 Punkten gerutscht, konnte zum Abend aber seine Verluste deutlich reduzieren.

Worldcom sitzt auf 30 Milliarden Dollar Schulden

Worldcom sitzt nach 60 Firmenaufkäufen während der neunziger Jahre auf einem Schuldenberg von mehr als 30 Milliarden Dollar. Der Konzern hatte 1998 den Telekomkonzern MCI gekauft und war bei der Übernahme des US-Telefongiganten Sprint nur am Widerstand der Wettbewerbshüter gescheitert. Worldcom hat mehr als 20 Millionen Kunden und ist nach AT&T die zweitgrößte US-Ferngesprächsfirma. Sie ist auch eine der weltgrößten Internet-Netzwerkfirmen.

Der Aktienkurs ist auf noch 20 Cents eingebrochen. Er hatte Anfang dieses Jahres noch bei 15 Dollar und 1999 bei 62 Dollar gelegen. Die Aktien des Unternehmens blieben am Mittwoch an der Technologiebörse Nasdaq ausgesetzt.

Worldcom hat seinen Finanzchef Scott Sullivan sofort gefeuert. Die Gesellschaft will ihre Geschäftsergebnisse für das Jahr 2001 und für das erste Quartal dieses Jahres neu herausgeben und am Freitag mit der Entlassung von 17.000 Mitarbeitern beginnen. Das sind mehr als 20 Prozent der Gesamtbelegschaft .

Das Führungsteam ist geschockt

"Unser Führungsteam ist geschockt", erklärte Worldcom-Chef John Sidgmore. Er hatte den langjährigen Firmenchef Bernard J. Ebbers am 29. April abgelöst. Ebbers schuldet Worldcom mehr als 366 Millionen Dollar für Firmenkredite und -Kreditbürgschaften. Die Gesellschaft bleibe lebensfähig, versicherte Sidgmore.

Die amerikanische Wertpapier- und Börsenkommission SEC hat ihre bereits laufende Worldcom-Untersuchung intensiviert. Das US-Justizministerium hat nach Darstellung der "Washington Post" eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet.

Die Worldcom-Enthüllungen bilden den jüngsten Höhepunkt einer beispiellosen US-Skandalserie. Sie folgten dem Kollaps des Energiehändlers Enron und der Verurteilung seines Wirtschaftsprüfers Andersen wegen Justizbehinderung. Hinzu kamen der Konkurs des Telekomunternehmens Global Crossing und der US-Kabelfernsehfirma Adelphia sowie Untersuchungen der Aufsichtsbehörden bei dem Mischkonzern Tyco International und der Biotech-Firma ImClone.

Andersen war bis vor kurzem auch Buchprüfer bei Worldcom gewesen. Andersen betonte, seine Worldcom-Arbeiten hätten immer im Einklang mit den SEC- und professionellen Standards gestanden. Der neue Worldcom-Rechnungsprüfer KPMG soll jetzt eine Untersuchung der beanstandeten Geschäftsergebnisse vornehmen.

Kosten wurden als Investitionen gebucht

Worldcom hatte durch eine firmeninterne Untersuchung herausgefunden, dass bestimmte Ausgaben als Investitionen verbucht wurden statt als laufende Kosten. Sie können so über viele Jahre abgeschrieben werden, statt sich sofort Gewinn mindernd auszuwirken. Diese Maßnahmen standen nach Worldcom-Angaben nicht im Einklang mit den US-Buchführungsregeln (GAAP).

Es handelte sich für das Jahr 2001 um eine Summe von 3,05 Milliarden Dollar und im ersten Quartal dieses Jahres um Beträge von 797 Millionen Dollar. Ohne diese Aktionen wäre der Ebitda-Gewinn (vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation) für 2001 auf 6,3 Milliarden Dollar und für das erste Quartal 2002 auf 1,37 Milliarden Dollar reduziert worden. Es wäre für 2001 und für das erste Quartal 2001 ein Nettoverlust angefallen, betonte WorldCom. Stattdessen hatte die Gesellschaft für 2001 einen Reingewinn von 1,4 Milliarden Dollar und für das erste Quartal 2002 einen Reingewinn von 130 Millionen Dollar ausgewiesen.

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