Analystenjäger Der Rächer der Geprellten

Bis vor vier Jahren war Jacob Zamansky der Verteidiger der Wall-Street-Mafia. Dann wechselte er die Seiten. Jetzt verklagt er Broker und Analysten.

New York - Jacob Zamansky hat ein Faible für Bilderrahmen, das wird klar, sobald man sein Büro betritt. Drei Wände hängen voller Fotos, Urkunden und Zeitungsartikel. Die Fotos zeigen den überzeugten Republikaner mit George W. Bush, Bob Dole, aber auch mit Michael Dell und Julia Roberts. Alle seine Erfolge auf einen Blick.

So beeindruckt ist der New Yorker Anwalt von sich selbst, dass er jetzt auch noch E-Mails aus seiner Inbox rahmen lassen will. Er liest seine Lieblingssätze vor: "Gott sei Dank, dass es Sie gibt. Sie geben mir neue Hoffnung. Ich möchte, dass mein Sohn so wird wie Sie."

Zamansky genießt den Ruhm des Augenblicks. "Dies ist meine Stunde in der Sonne", sagt der 49-Jährige selbstbewusst. Das "Analystenzeug", wie er es nennt, hat ihn in die erste Liga katapultiert. "Niemand hatte je einen Analysten verklagt", betont er. Bis zu jenem März 2001, als er, Jake Zamansky, aus armen Verhältnissen in Philadelphia, den blonden Schwätzer Henry Blodget von Merrill Lynch ins Visier nahm. Plötzlich war er in sämtlichen Zeitungen, im In- und Ausland. "Meine Kollegen sagten: Jake, du bist verrückt. Du kannst doch keinen Analysten verklagen."

Die Sensation war perfekt, als die weltgrößte Investmentbank vier Monate später tatsächlich 400.000 Dollar zahlte. Seither ist Zamansky zur nationalen Anlaufstelle für Börsencrash-Opfer geworden. Das Telefon in seiner kleinen Kanzlei gleich bei der Wall Street klingelt hundert Mal am Tag. Wenn er im Fernsehen ist, auch häufiger. "Wir sind der Blitzableiter des Zorns", formuliert er. Fast alles, was er sagt, ist druckreif.

Das Telefon steht nicht mehr still

Die Anrufe kommen "von Europa bis Kalifornien". Die Anrufer wollen Broker und Analysten verklagen. Neun von zehn Fällen lehne er ab, sagt Zamansky. Viele leitet er an andere Kanzleien weiter. Aber er rede mit jedem. Oft sei nicht ein Anwalt gefragt, sondern ein Psychologe. "Drei Anrufer waren dem Selbstmord nahe", erzählt er. Seine Gehilfin Barbara rollt mit den Augen: "Drei von zehn haben einen Knall."

Auch Reporter rufen häufig an. Weil er täglich mit den Anlegern redet, ist Zamansky zum Sprecher der Verratenen und Verkauften geworden. Stolz hält er die aktuelle Ausgabe von "Fortune" hoch: "Hier, sie nennen mich den Held der Anleger."

Die Anerkennung ist Balsam für seine Seele. Denn bis er sich vor vier Jahren selbständig machte, war der Mann mit den zurückgegelten Haaren und den Hosenträgern auf der anderen Seite. "Ich habe den Satan höchstpersönlich verteidigt", sagt er theatralisch. Er diente Jordan Belfort, dem berüchtigten Gründer des inzwischen geschlossenen Brokerhauses Stratton Oakmont. Die Firma aus Long Island, die Vorbild für den Film "Boiler Room" war, zockte zwischen 1989 und 1996 Tausende von Anlegern mit Aktienmanipulationen um insgesamt 250 Millionen Dollar ab.

"Betrug war unser Geschäft"

"Es war die schlimmste Firma an der Wall Street", sagt Zamansky. Beobachter verglichen die Methoden damals mit denen der Mafia. Die Broker belogen und drohten ihren Kunden, kauften und verkauften Aktien hinter ihrem Rücken, trieben Kurse mit Hilfe von Mittelsmännern künstlich nach oben, um dann selbst auszusteigen. Die Kunden bezahlten die Rechnung. "Betrug war unser Geschäft", gestand Belfort später vor Gericht. Sieben Jahre dauerte es, bis die Börsenaufsicht SEC die Firma endlich aus dem Verkehr ziehen konnte. Zamansky verteidigte Stratton Oakmont und andere "Boiler Rooms" gegen unzählige Anlegerklagen - mit großem Erfolg.

1998, just zu dem Zeitpunkt als seine alten Bosse vor Gericht standen, widerte ihn das Milieu plötzlich an. "Diese arroganten, schnell redenden jungen Drängler aus Long Island - ich fühlte mich nicht mehr wohl", sagt Zamansky heute. Nach elf Jahren als "Anwalt der Bösen" habe er sich auch ein bisschen schuldig gefühlt. Er gründete seine eigene Kanzlei und trat der Public Investors Arbitration Bar Association (PIABA) bei, in der rund 300 Anleger-Anwälte zusammengeschlossen sind. In einer Rede auf der Jahresversammlung beichtete er seine Sünden und versprach, sein Wissen über die Broker-Tricks fortan im Sinne der Anleger zu verwenden.

Wie Zamansky Analysten und Broker in die Zange nimmt.

Die Wandlung vom Saulus zum Paulus hat ihn mit einem besonderen Missionseifer ausgestattet. "Mit ganzem Herzen und ganzer Seele" verteidige er nun die Anleger. Darum bedeuteten ihm auch die Dankes-Mails so viel, erklärt er. Anfangs arbeitete er sieben Tage die Woche, um seine junge Kanzlei über Wasser zu halten (inzwischen nimmt er samstags frei). Er stellte zwei junge Anwälte und zwei Gehilfinnen ein. Bald fand er seine Vermutung bestätigt, dass die Broker der angesehenen Wall-Street-Banken nicht viel besser sind als die verruchten "Boiler Rooms".

Er verklagte sie alle, von Prudential Securities bis Salomon Smith Barney. Dann, im Herbst 2000, häuften sich die Berichte über die absurden Vorhersagen der Analysten. Zamanskys Interesse war geweckt. Der Interessenskonflikt zwischen dem Investmentbanking und der Analyse-Abteilung der Banken bot in seinen Augen einen Angriffspunkt. In den Weihnachtsferien studierte er alles, was er über die gefallenen Stars Mary Meeker (Morgan Stanley), Henry Blodget (Merrill Lynch) und Jack Grubman (Salomon Smith Barney) finden konnte.

Nach dem Blodget-Fall ist der Damm gebrochen

"Ich suchte nach dem richtigen Fall", sagt er. Eine Geschichte, die das Zeug zum Präzedenzfall hatte. Sein unbescheidenes Ziel: "Ich wollte die Verantwortung für das Platzen der Internetblase auf die Analysten abladen." Letztendlich seien die lächerlichen Kursziele, die die Analysten ausgaben, ausschlaggebend für die Kursexplosion gewesen.

Im Februar dann spazierte der richtige Fall zur Tür herein: Der New Yorker Kinderarzt Debases Kanjilal hatte 500.000 Dollar verloren, weil er auf Anraten seines Brokers von Merrill Lynch in den Start-up Infospace investiert hatte. Es könne nichts schief gehen, hatte der Broker versprochen. Merrill-Analyst Blodget werde den Aktienkurs durch seine Berichte, auch "Booster Shots" genannt, oben halten. Zamansky witterte seine Chance: Ein unschuldiger Anleger, ein Broker, der das Unwissen seines Kunden ausnutzt, und ein Analyst, der Gefälligkeitsberichte schreibt. Merrill Lynch gab in der außergerichtlichen Einigung keine Schuld zu, zahlte aber 400.000 Dollar.

Der Damm war gebrochen, und Zamansky berühmt. Der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer ließ sich seine Unterlagen geben. Der Kongress begann eine Untersuchung. Die Analystenjagd war eröffnet.

Doch es dauerte ein Jahr, bis Zamansky sein nächstes Opfer fand: Am 12. April 2002 reichte er Klage gegen Jack Grubman ein. Diesmal geht es um die Empfehlung des Telekomwerts Global Crossing. "Ich habe eine kleine Kanzlei, ich kann nicht alles machen", erklärt Zamansky die lange Pause. Doch der Hauptgrund ist: Es bleibt schwierig, einen Analysten für fehlgeschlagene Investments verantwortlich zu machen. Man brauche ein gutes "Opferprofil", räumt Zamansky ein. Das sei selten. "Ich kann Merrill nicht dafür verklagen, dass sie auf CNBC eine Empfehlung aussprechen."

Je krasser, desto besser

Je krasser, desto besser

Direkte Kaufempfehlungen in Analysten-Berichten seien allerdings etwas anderes. So bietet Jack Grubman seiner Meinung nach genug Angriffsfläche. Der Telekom-Analyst habe in einem Bericht geschrieben "Setz deinen Truck zurück und schaufel so viel WorldCom hinein wie möglich." Ähnliche Aussagen gebe es zu Global Crossing. Das mache ihn mitverantwortlich, meint Zamansky.

Letztlich hängt wie in Broker-Fällen alles vom Opferprofil ab. "Ein Broker darf einem 60-Jährigen, der 50.000 Dollar verdient und für seine Rente spart, nicht einreden, er solle eine halbe Million in Technologieaktien investieren", sagt Zamansky. Je krasser das Opferprofil, desto besser: "Ich hatte drei Querschnittsgelähmte, denen Tech-Aktien verkauft wurden." In so einem Fall greife das Prinzip der "Unangemessenheit".

Zamanskys Kanzlei arbeitet zu jedem gegebenen Zeitpunkt an etwa 40 bis 50 Fällen. Die meisten davon sind Klagen gegen Broker. Grubman ist erst der zweite Analystenfall. In Zukunft, schätzt Zamansky, werden Analysten jedoch fünf bis zehn Prozent seiner Fälle ausmachen. Obwohl es mehr als genug Arbeit gäbe, will er seine Kanzlei nicht ausweiten. "Ich will nicht die Welt in Brand setzen", sagt er. "Ich mag es überschaubar."

Sein Sieg gegen Merrill Lynch hat zumindest die Lunte gezündet. Als Nächstes, prophezeit Zamansky, werden die großen Anwaltsfirmen Sammelklagen im Namen von Millionen Anlegern gegen Analysten einreichen. Neue Beweise für die Verbindung zwischen Analysten und Investmentbankern innerhalb einer Bank erhofft sich der Anwalt von den Gehaltsauszügen der Analysten. "Das werden die nächsten Bomben."

Und wenn die großen Kanzleien in die Jagd einstiegen, werde es richtig teuer für die Banken, sagt Zamansky: Der Prozess werde sie Hunderte von Milliarden Dollar kosten. Er habe daher vorgeschlagen, einen Entschädigungsfonds einzurichten, in den sie alle einzahlen. Denn sonst gebe es die nächsten fünf Jahre einen "Abnutzungskrieg": "Sie werden uns Fall für Fall bekämpfen müssen."

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