Börsencrash Horrende Verluste

Der Börsencrash hat tiefe Löcher in die Depots gerissen – im Vorjahr haben die Bundesbürger insgesamt 160 Milliarden Euro verloren. Entsprechend rasant war die Flucht aus der Aktie. Sogar Hans Eichel trennt sich von Anteilen – allerdings zu Sonderkonditionen, um die ihn jeder Privatanleger beneidet.

Hamburg - Die Anleger in Deutschland haben im vergangenen Jahr ihr Geld aus Aktien abgezogen und statt dessen in traditionelle Bankprodukte wie Geldmarktfonds, Festgeldeinlagen und offene Immobilienfonds gesteckt. In den Jahren 1999 und 2000 hatten die Bundesbürger insgesamt rund 30 Milliarden Euro in Aktien investiert - im Jahr 2001 wurden netto Unternehmensanteile in fast der gleichen Höhe wieder verkauft. "Eine solch ausgeprägte Neigung, Aktien per saldo wieder abzustoßen, gab es bislang nicht", erklären die Experten der Bundesbank in ihrem Monatsbericht für Juni.

160 Milliarden Euro Verlust bei Aktionären

Grund für den Rückzug: Die anhaltende Baisse hat tiefe Löcher in die Depots der Anleger gerissen. In den Jahren 2000 und 2001 hat die Börsenflaute in Deutschland privates Geldvermögen im Wert von 160 Milliarden Euro vernichtet. Insgesamt wurden in den beiden Jahren 240 Milliarden Euro bei Banken, Sparkassen oder in Wertpapieren auf die hohe Kante gelegt.

Die privaten Geldvermögen stiegen allerdings nur um rund 80 Milliarden Euro. "Das bedeutet eine bewertungsbedingte 'Vermögensreduktion' von 160 Milliarden Euro beziehungsweise knapp 70 Prozent der Geldvermögensbildung innerhalb von zwei Jahren", schreibt die Bundesbank: Ein sehr sachlicher Ton für die immensen Verluste.

Anleger misstrauen inzwischen nicht nur Einzelinvestments, sondern auch dem Händchen der Fondsmanager. Im Jahr 2001 ist der Absatz an Aktienfonds auf nur noch 13 Prozent der Vorjahressumme zurück gegangen. Geldmarkt- und offene Immobilienfonds hielten sich dagegen besser, so dass die privaten Haushalte insgesamt Zertifikate in Höhe von gut 50 Milliarden Euro erwarben und damit nur etwas weniger als 2000.

Nettogeldvermögen ist gesunken

Eindeutige Gewinner der Entwicklung waren den Angaben zufolge traditionelle Bankprodukte. Eine Aufstockung von knapp 30 Milliarden Euro der Anlagen bei Banken sei im kurzfristigen Bereich außergewöhnlich, erklärte die Bundesbank.

Ende 2001 kamen die Bundesbürger auf ein Geldvermögen von 3653 (Vorjahr: 3642) Milliarden Euro. Dabei waren bei Banken und Sparkassen 1262 (1235) Milliarden Euro angelegt. Bei Versicherungen waren es 930 (868) Milliarden Euro. Den Besitz von Wertpapieren beziffert die Bundesbank auf 1266 (1350) Milliarden Euro. Damit lagen die Guthaben bei Geldinstituten wieder auf gleichem Niveau wie die Anlage in Wertpapieren.

Verbindlichkeiten deutlich gestiegen

Den privaten Geldvermögen standen allerdings auch beträchtliche Verbindlichkeiten gegenüber, die 2001 auf 1522 (1500) Milliarden Euro zulegten. Unter dem Strich verzeichneten die privaten Haushalte Ende 2001 ein Nettogeldvermögen von 2131 Milliarden Euro. Damit wurde erstmals seit Anfang der 90er Jahre weniger privates Geldvermögen ermittelt als im Vorjahr. 2000 kamen die Bundesbürger auf ein Nettogeldvermögen von 2142 Milliarden Euro.

Im internationalen Vergleich liegen die privaten Haushalte in Deutschland mit ihrer Verschuldung von durchschnittlich 39.600 Euro eher im Mittelfeld. Gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes liegen in der EU Dänemark, die Niederlande, Portugal und Großbritannien deutlich davor, betont die Bundesbank.

Sparquote gestiegen, Zurückhaltung beim Konsum

Die Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland ist 2001 erstmals seit zehn Jahren wieder gestiegen: Die privaten Haushalte erhöhten dagegen ihre Ersparnis um rund zehn Milliarden Euro. Die Nettoinvestitionsquote der privaten Haushalte sank dagegen auf ein Rekordtief von 4,5 Prozent des verfügbaren Einkommens. Dies sei in erster Linie auf das geringere Engagement bei Immobilien zurückzuführen.

Sogar Finanzminister Hans Eichel (SPD) tut es den Bundesbürgern gleich und trennt sich von Aktien - allerdings zu Sonderkonditionen, die ihm die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)beschert. Rund fünf Milliarden Euro will Eichel im Jahr 2003 aus dem Verkauf von bundeseigenen Unternehmen erzielen. Dabei steht ein Verkauf von Anteilen an der Deutschen Telekom und der Post AG an erster Stelle.

"Parklösung" bei der KfW für Bundes-Aktien

Auf Grund des Kursrutsches der T-Aktien und den weiterhin dümpelnden Kursen bei der Post hat Eichel jedoch einen eine "Parklösung" bei der KfW kreiert, die auch mancher Privatanleger gerne nutzen würde: Die bundeseigene Bank kauft Eichel die Papiere einfach zu einem höheren Kurswert als die aktuelle Notierung ab und übt sich in Geduld.

Verkauft die KfW die Aktien irgendwann mit Gewinn, kommt ihr das zu Gute. Doch auch Eichel ist dann erneut mit einem Bonus am Gewinn beteiligt.

Dieser Weg steht dem Minister jedoch nur noch im kommenden Jahr offen. Nach den Kriterien des Maastrichter Vertrages müssen die Erlöse aus Privatisierungen von 2004 an vollständig zur Tilgung der Bundesschuld eingesetzt werden. Am morgigen Mittwoch präsentiert Eichel im Kabinett seinen Haushalt für das Jahr 2003.