T-Aktie Jetzt auch noch Prügel von Merrill Lynch

Die Volksaktie fällt und fällt. Nach dem Worldcom-Skandal drückt auch noch eine Gewinnwarnung der französischen Alcatel den Kurs in den Abgrund. Die Investmentbank Merrill Lynch rät zum Verkauf der T-Aktie.

Frankfurt am Main – Schwärzer hätte es am Mittwoch für die Deutsche Telekom nicht kommen können. Nach dem Bilanzierungsskandal des US-Telekomriesen Worldcom ist die T-Aktie  auf 8,14 Euro gestürzt und markierte damit ein neues Allzeittief bei Kursabschlägen von mehr als acht Prozent.

Am Mittwochvormittag gab dann auch noch der französische Telekom-Ausrüster Alcatel  eine Gewinnwarnung heraus. Die Aktie von Alcatel stürzte in der Spitze rund 20 Prozent ab. "Das sind natürlich extrem schlechte Nachrichten in der Branche, die die Telekom belasten", sagte eine Händlerin.

Alcatel wird im Gesamtjahr 2002 beim operativen Ergebnis nach eigener Schätzung nun doch in die roten Zahlen rutschen. Das teilte Alcatel am Mittwoch in Paris mit. Zuvor hatte der Konzern noch mit einem Gewinn gerechnet. Im zweiten Quartal werde der operative Verlust um 100 Millionen Euro gegenüber dem Vorquartal sinken. Zudem gab das Unternehmen bekannt, mit neuen Umstrukturierungen die geplanten Kostensenkungen beschleunigen zu wollen.

Anleger schmeißen Telekomtitel weg

In Frankfurt sagten Händler, "die Anleger schmeißen Telekomtitel jetzt einfach aus ihrem Depot und werden so schnell auch keine mehr kaufen". Zu tief sitze die Vertrauenskrise gegenüber diesem Segment. Die Telekomkonzerne in Europa gehören durch ihre teuren Akquisitionen und das UMTS-Abenteuer zu den am meisten verschuldeten Unternehmen. Es ist auch nicht abzusehen wie die Telekoms von ihren Schuldenbergen herunterkommen können.

Merrill Lynch rät zum Verkauf der T-Aktie

Das Investmenthaus Merrill Lynch hat die Aktie der Deutschen Telekom am Mittwoch mit "Reduzieren/Verkaufen" bestätigt. Nach dieser Bewertung hat der Titel weiteres Rückschlagpotenzial. Die Einschätzung begründeten die Analysten Henrik Nyblom und Laura Mills von Merrill Lynch in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie mit den hohen Schulden des Bonner Konzerns.

Mit Blick auf einen 67,3 Milliarden Euro hohen Schuldenberg müsse die Deutsche Telekom deutliche Fortschritte bei ihrem Plan zur Reduzierung der Verbindlichkeiten machen, mahnen die Analysten. Für die Deutsche Telekom werde es eine große Herausforderung sein, tatsächlich bis Ende 2003 die Nettoschulden auf 50 Milliarden Euro zu reduzieren, ohne T-Mobile an die Börse zu bringen.

Marktbeobachter halten vor diesem Hintergrund die T-Aktie weiter als ein riskantes Investment. Da es derzeit keine technische Unterstützungslinie gebe, sei das Schicksal des Papiers nicht absehbar. Analyst Peter Klostermeyer von Consors Capital wollte weitere Kursverluste der T-Aktie nicht ausschließen, obwohl die Talsohle seiner Einschätzung nach erreicht sein müsste. Aktuell belastet die Telekom zudem ein Tarifkonflikt.

Das Marktumfeld bleibt angespannt

Von Zockereien abgesehen, bleibt das Umfeld für die Telekom-Titel kritisch. In dieser Woche hatte die Ratingagentur Moody's die Bonitätseinstufung für die französische France Telecom auf "Baa3", knapp über dem Status "Ramsch" (Junk), herabgesetzt. Das Unternehmen könne seine Verschuldung in nächster Zeit voraussichtlich nicht abbauen, hieß es zur Begründung.

Die Einstufung der FT-Mobilfunktochter Orange wurde parallel zur Muttergesellschaft ebenfalls auf "Baa3" herabgesetzt. Der Ausblick für die Einstufungen beider Unternehmen sei negativ, teilte Moody's weiter mit.

T-Aktie könnte bis auf fünf Euro ausschlagen

Im Vergleich zu anderen Telekommunikationsaktien in Europa sei die Aktie der Deutschen Telekom noch immer zu teuer. Nach Ansicht von Analysten wird die Volksaktie so schnell auch nicht zur Ruhe kommen. So sehen viele Experten für das Papier eine Trading-Range zwischen fünf und zwölf Euro.

Wenig zuversichtlich klang überdies, was Goldman Sachs zur Deutschen Telekom vergangene Woche verlauten ließ. Die Investmentbank hatte ihre Prognosen für die Schulden der Deutschen Telekom angehoben, ihr "market perform"-Rating aber bestätigt. Die Analysten gehen davon aus, dass der Schuldenberg in 2003 auf 70,5 Milliarden Euro ansteigen werde.

Erneut Zweifel an der Bilanz

Erneut Zweifel an der Bilanz

Zugleich steht die Telekom  erneut im Visier der Börsianer. Der Bundesrechungshof hatte neue Zweifel an der Bilanz geäußert. Die Kritik der Finanzkontrolleure entzünde sich erneut an der Bewertung der Immobilien, hieß es vergangene Woche in Presseberichten unter Berufung auf Kreise des Haushaltsausschusses. Dem Gremium sei ein geheimer Bericht des Bundesrechnungshofes zugegangen, demzufolge die Telekom den Wert ihrer Immobilien immer noch nicht korrekt bilanziert.

Im vorigen Jahr hatte die Telekom den Wert ihres Immobilienbesitzes um fast 2,5 Milliarden Euro abgewertet. Dabei habe das Unternehmen aber nur die Grundstücke, nicht aber die Gebäude mit einem niedrigeren Wert angesetzt, hieß es in den Berichten. Die Gebäude stünden mit ihrem Wert von 1995 in den Büchern, der aus heutiger Sicht viel zu hoch sei. Im Ergebnis sei damit die gesamte Vermögensbewertung bei der Telekom falsch.

Die Telekom selbst hatte in der Vergangenheit immer wieder mit Unverständnis auf die Kursabschläge reagiert. Vorstandschef Ron Sommer hatte zuletzt auf der Hauptversammlung noch einmal die Zuversicht geäußert, dass die Aktie aus dem Tief wieder herauskommen werde. Die Kursentwicklung stehe in "krassem Gegensatz" zur operativen Entwicklung der Telekom. Die Branche sei "ein Wachstumsmarkt mit ganz erheblichen Potenzialen", hatte Sommer betont. Markus Glockenmeier von Delbrück Privatbankiers hatte dagegen erklärt, den Telekom-Konzernen traue keiner mehr über den Weg.

Seit ihrem Höchststand im Frühjahr 2000 hat die T-Aktie rund 90 Prozent an Wert verloren. Innerhalb von zwei Jahren wurde durch den Kursabsturz ein Aktionärsvermögen von rund 300 Milliarden Euro vernichtet. Kein Wunder, dass Aktionärsschützer die T-Aktie inzwischen als ein "Investment für Masochisten" bezeichnen und von einem Zockerpapier sprechen.

Die Wut der Anleger

Kleinanleger sind schwer verärgert

Sauer sind die Kleinanleger vor allem über die vollmundigen Versprechungen Sommers. Vor dem Börsengang hatte er immer wieder versichert, die Aktie sei eine sichere Anlage für die Rente.

Auf der letzten Hauptversammlung Ende Mai bekam der Telekom-Chef den geballten Zorn der Kleinaktionäre zu spüren. Erbost waren sie nicht nur über den Niedergang der T-Aktie. Auch die Aufstockung der Managergehälter bei tiefroten Zahlen und Dividendenkürzung löste bei ihnen Unverständnis aus.

Forderungen nach einem Rücktritt des 54-jährigen Managers werden wieder lauter. Aber sowohl der Aufsichtsrat wie auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) haben sich schützend vor Sommer gestellt. Er habe eine guten Job gemacht und sei nicht für das Debakel verantwortlich.

Der Bund ist mit rund 42 Prozent Hauptaktionär der Telekom . In einem Interview ging Wirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) unlängst aber auf Distanz zu Sommer und schlug sich auf die Seite der Aktionäre. Er könne deren Frust über den Kursverfall der T-Aktie gut verstehen. Berichte über eine mögliche Ablösung des Konzernchefs nach der Bundestagswahl wurden in Berlin aber heftig dementiert.

Eine Alternative zu Sommer ist derzeit auch nicht in Sicht. Der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser, der in der Presse schon einmal als ein möglicher Kandidat genannt wurde, kommt wegen eines noch laufenden Ermittlungsverfahrens derzeit kaum in Betracht.

Mobilfunkchef Kai-Uwe Ricke gilt als Favorit

Bei einer internen Lösung gilt Mobilfunkchef Kai-Uwe Ricke als Favorit für den Posten. Aber was könnte ein Nachfolger schon besser machen, fragen Analysten. Mit einem Verkauf von VoiceStream würden sich die Verschuldung und Verluste der Telekom zwar schneller verringern lassen. Doch für die US-Tochter wäre kein potenzieller Erwerber bereit, den Preis zu zahlen, den die Telekom seinerzeit auf den Tisch blätterte (35 Milliarden Euro). Und der Bonner Riese würde seine gesamte Strategie in Frage stellen.


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