Lion Bioscience Verluste drastisch ausgeweitet

Das Biotechunternehmen verfehlt die Erwartungen. Analysten zweifeln am Geschäftsmodell.

Heidelberg - Das Heidelberger Biotechnologieunternehmen Lion Bioscience  will sich bis Ende des laufenden Geschäftsjahres von der Wirkstoffforschung trennen und sich auf integrierte IT-Plattformlösungen konzentrieren. "Die Gespräche mit einem Partner sind erst am Anfang", sagte Finanzvorstand Martin Hollenhorst am Mittwoch. Lion strukturiert damit seine Angebotspalette um und erwartet deshalb für das laufende Geschäftsjahr 2002/03 nur noch ein Umsatzwachstum zwischen fünf und zwanzig Prozent.

Das Biotechnologieunternehmen hat indes mit den am Mittwoch vorgelegten Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsjahr 2001/02 (31. März) die Analystenprognosen klar verfehlt. Die Aktie verlor in der Spitze bis zu zwölf Prozent und war schwächster Wert im Nemax 50.

Lion werde einzelne Softwareprodukte vom Markt nehmen und statt dessen künftig Programme in Softwarepaketen bündeln und diese zusammen mit der dazugehörigen Integrationsplattform anbieten, sagte Lion-Chef Friedrich von Bohlen. Dabei soll beim Fokus auf größere Kooperationen mit Unternehmen aus dem Pharma- und Biotech-Sektor der Ausbau der Vertriebs- und Marketing-Mannschaft kostenneutral gelöst werden.

Moderates Umsatzwachstum 2002/2003

Wegen der daraus zu erwartenden Umsatzausfälle für Auslaufprodukte, und "weil die Überführung der neuen Produkte in den Markt etwas dauert", rechne LION für das laufende Geschäftsjahr nur mit einem moderaten Umsatzwachstum zwischen fünf und zwanzig Prozent, sagte Finanzvorstand Martin Hollenhorst. Im darauf folgenden Geschäftsjahr 2003/04 solle der Umsatz dann um 20 bis 50 Prozent verbessert und Ende 2003/2004 die Gewinnschwelle erreicht werden.

Die Aktien von Lion haben seit Anfang des Jahres mehr als 70 Prozent an Wert verloren. Bislang am höchsten bewertet waren die Titel am 5. September 2000 mit 131,30 Euro. In den vergangenen Wochen hätten drei inaktive Altaktionäre verstärkt Aktien verkauft, sagte Finanzvorstand Hollenhorst. "Weder Herr von Bohlen noch ich haben aber Aktien verkauft." In den vergangenen Wochen hätte sich einige Biotech-Fonds von Anteilen getrennt", erklärte ein Händler.

Nettoverlust mehr als verdoppelt

Nettoverlust mehr als verdoppelt

Lion hatte wegen nicht zahlungswirksamer Einmalabschreibungen im Geschäftsjahr 2001/02 (31. März) einen Nettoverlust von 54,6 Millionen Euro nach 23,9 Millionen Euro im Vergleichszeitraum ausgewiesen. Analysten hatte mit einem Nettoverlust von rund 42 Millionen Euro gerechnet. Einmaleffekte, vor allem Abschreibungen auf Finanzanlagen, schlugen dabei mit 4,5 Millionen Euro negativ zu Buche. Beim Umsatz hat das Unternehmen sein ursprünglich avisiertes Ziel einer Umsatzverdopplung auf 46 Millionen Euro und ebenso die Analystenerwartungen verfehlt.

Den operativen Verlust vor Abschreibungen bezifferte Lion mit 44,07 (Vorjahr: minus 24,38) Millionen Euro. Die verfügbaren liquiden Mittel von 124 Millionen Euro sicherten das künftige Wachstum, sagte der Finanzchef. Mit 124 Millionen Euro habe Lion eine gesunde finanzielle Grundlage, sagte ein Frankfurter Analyst.

Zweifel an Strategie und Geschäftsmodell

"Nach der Kooperation mit Bayer, die 1999 bekannt gegeben worden war, ist der große Wurf ausgeblieben", sagte Analyst Oliver Schlüter von der DZ-Bank. Mit der jetzigen Entscheidung, die Wirkstoffforschung zu verkaufen, sei das bisherige Geschäftsmodell klar in Frage gestellt. Für einen anderen Analysten ist die bisherige Geschäftsstrategie "klar nicht aufgegangen". Lion könne derzeit keine Standardlösungen im IT-Bereich für Biotech- und Pharmafirmen à la SAP für die Software-Branche aufbauen.

Der Markt für Bioinformatik-Produkte sei sehr stark fragmentiert und es sei schwierig rentable Verträge abzuschließen, sagte ein anderer Experte. "Gewinnwarnung ist noch milde ausgedrückt", kommentierte ein Frankfurter Aktienhändler die Zahlen und den Ausblick von LION. "Ich bezweifele, dass das Unternehmen mit der jetztigen Geschäftsstrategie Ende 2003/2004 profitabel wird."